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Polen: Mit Blaulicht in den Tod

Mit Blaulicht in den Tod Arglos stiegen die Patienten in den Rettungswagen. Sie überlebten die Fahrt nicht. In Polen sind jetzt Sanitäter angeklagt, Kranke ermordet zu haben - für 400 Euro Schmiergeld von Leichenbestattern.

Der Sanitäter, der Herrn Szwalbe tötete, war ein höflicher Mann. Er behandelte den Patienten mit Respekt, sagt Frau Szwalbe. Er stützte seinen Arm, als sie hinausgingen. Er half ihm in den Krankenwagen und lächelte Frau Szwalbe zu. Wieslaw Szwalbe, 71, war eigentlich gar nicht krank. Jedes Jahr im Winter kam die Traurigkeit und ging nicht mehr. Wochenlang lag Szwalbe, einst Herrenschneider im polnischen Lodz, auf dem Sofa und redete nicht. "Er war wie eingeschlossen", erzählt seine Frau Danuta. Manchmal wurde er auch unruhig und aufbrausend.

Am 16. Januar 2001 war es besonders schlimm. "Er stritt die ganze Zeit und hatte panische Angst", erinnert sich Frau Szwalbe. Niemand konnte den alten Mann beruhigen. Er fürchtete sich vor den Ärzten, und seine Töchter denken heute, dass er eine sonderbare Ahnung hatte von dem, was kommen sollte.

Am Abend rief Frau Szwalbe den Krankenwagen. Vorn nahmen der Fahrer und der Arzt Platz, hinten der Sanitäter Andrzej N. und Herr Szwalbe. "Der Patient war gesund, ich habe ihn vor der Abfahrt nicht einmal untersucht", sagt der Arzt Krzysztof Michiewicz. Der Fahrer weiß noch, dass der Patient unterwegs geredet hat. Jedenfalls in den ersten Minuten. Bis ihm der Sanitäter heimlich eine Spritze gab. "Es dauerte zwei, drei Minuten, bis die Wirkung einsetzte", sagt Andrzej N. Szwalbe lief blau an und röchelte. Der Sanitäter wartete kurz, dann klopfte er an die Scheibe, die das Fahrerabteil vom Krankenabteil trennt. "Ich glaube, der Patient lebt nicht mehr", sagte er. Der Arzt drehte sich um. Zusammengesunken saß Herr Szwalbe in seinem Sessel.

Der Fahrer stoppte, das Notprogramm lief an: Herzmassage, Atemmaske. Mit Blaulicht wurde Herr Szwalbe ins nächste Krankenhaus gebracht. "Ich habe mich noch gewundert", sagte der Arzt später, "dass dieser zuvor gesund aussehende Mann plötzlich bewusstlos war." Wieslaw Szwalbe starb gut fünf Wochen später.

Für Andrzej N. kam sein Tod zu spät. Wäre der alte Mann im Krankenwagen gestorben, hätte er die Leiche zum Bestatter fahren und Schmiergeld kassieren können. "Es war üblich", sagte der Sanitäter später vor Gericht, "Geld von Bestattungsinstituten anzunehmen." Über Jahre hatte er versucht, Patienten umzubringen. Und es gab Ärzte, die seine Pläne nicht mit ihren Wiederbelebungsversuchen durchkreuzten, sondern mitkassierten.

Fünf Morde

werden inzwischen vor dem Gericht in Lodz verhandelt, angeklagt sind die beiden Sanitäter Andrzej N. und Karol B. Außerdem müssen sich zwei Ärzte wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Wie viele Menschen tatsächlich umgekommen sind, weiß niemand. "Wir haben Lastwagen voller Dokumente, die wir prüfen müssen", sagt Staatsanwältin Malgorzata Glapska-Dudkiewicz. Derzeit arbeitet die Staatsanwaltschaft an einer zweiten Anklageschrift gegen 41 Verdächtige. Mindestens 30 000 Todesfälle seien klärungsbedürftig, sagt der neue Leiter des Rettungsdienstes, Boguslaw Tyka.

Der Skandal erschüttert das ganze Land, denn die Mörder waren keine verrückten Einzeltäter. Dutzende Kollegen schwiegen und schützten die Täter. Gleichgültigkeit, Schlamperei und Korruption machten die Verbrechen möglich und verwandelten den Rettungsdienst von Lodz in einen Bund skrupelloser Leichenjäger.

Der Albtraum begann Anfang der 90er Jahre, als in Polen das staatliche Bestattermonopol aufgelöst wurde. Privatinitiative war erlaubt, doch kaum geregelt. Wer wollte, mietete ein Büro in einem Plattenbau, kaufte ein Auto, druckte Visitenkarten und nannte sich Bestatter. Das Geschäft mit dem Tod schien vielen einträglich und krisenfest. Auch in Lodz. In der Stadt, knapp 100 Kilometer südwestlich von Warschau, sind mindestens 20 Prozent der Bewohner arbeitslos, die Textilwerke stehen seit der Wende still. Im Zentrum reihen sich schäbige Altbauten aneinander, mit löcherigen Fassaden und zugigen Treppenhäusern. Die Menschen haben wenig Geld, doch bei der Beerdigung müssen sie nicht sparen. Der Staat zahlt Angehörigen dafür eine Pauschale von 4600 Zloty, rund 1600 Euro - eine stolze Summe in Lodz.

Schon bald gab es zu viele Bestatter für die knapp 800 000 Einwohner. Auf die Idee, den Rettungsdienst zu schmieren, kam Wlodzimierz Sumera, der früher selbst Sanitäter war. "Die Angehörigen von Gestorbenen mussten oft stundenlang auf einen Leichenwagen warten", sagt er. "Ich dachte: Hier ist meine Marktlücke!" Er verteilte Visitenkarten an seine ehemaligen Kollegen und spendierte ihnen kistenweise Wodka. Bald zahlte er auch Abendessen, kaufte Möbel und Fernseher für den Warteraum der Sanitäter.

Die Jobs im polnischen Rettungsdienst gelten bis heute als unterbezahlt und hart. Kaum einer will die Knochenarbeit machen. Als der neue Leiter des Rettungsdienstes antrat, stellte er fest, dass 80 Prozent der Mitarbeiter keine medizinische Ausbildung hatten. Mancher Arzt erschien betrunken zur Nachtschicht. Auch der angeklagte Sanitäter Andrzej N., 36, hatte Alkoholprobleme. Der gelernte Textilarbeiter fuhr zwölf Jahre lang im Rettungswagen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und war froh, dass er mit den Leichen etwas dazuverdienen konnte.

Denn bald gab es fixe Preise. Die Bestatter in Lodz machten einander Konkurrenz. 2001 zahlten sie bis zu 400 Euro für jeden Toten - etwas mehr als das Monatsgehalt eines Sanitäters. Die Summe teilten sich Sanitäter, Arzt, Krankenwagenfahrer und der Leiter der Telefonzentrale, der für den Einsatz der Wagen verantwortlich war. Meist Tomasz S., ein ehemaliger Mönch, der sich auch politisch engagierte und Gewerkschaftsvorsitzender war.

Um mehr Leichen liefern

zu können, halfen die Sanitäter bald nach. Zunächst mit Verzögerungstaktik. Mindestens 32-mal schickte S. nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Einsatzwagen mit Verspätung los. In anderen Fällen setzte er Teams ein, die weit vom Einsatzort entfernt waren. Vor Ort verweigerten manche Ärzte einfach die Hilfe. "Wir wurden zu einem Notfall gerufen", erinnert sich der Fahrer Roman S. vor Gericht. "Die Patientin war etwa 60 Jahre alt und hatte Probleme mit dem Herzen." Als sie in die Wohnung kamen, fiel die alte Frau vor Schwäche zu Boden. Andrzej N. schob ihr den Beatmungsschlauch ein - in die Speiseröhre, nicht in die Luftröhre. Der Arzt stand daneben. "Ich habe gesehen, wie sich bei der Beatmung der Bauch bewegte", berichtet der Krankenwagenfahrer. "Bei jedem Pumpen kam Mageninhalt aus dem Mund." Die Frau starb noch in der Wohnung. N. empfahl der Tochter einen Bestatter.

"Oft wurde nur so getan, als ob jemand beatmet würde", gesteht Andrzej N. vor Gericht. "Aber gleichzeitig hielten die Ärzte die Hand vor den Mund. Die meisten Fälle endeten mit dem Tod." Manchmal luden Sanitäter einen Kranken in einen Rettungswagen, fuhren aber nicht ab. "Der stirbt sowieso", sagten sie dann. Der Bestatter Sumera berichtet, einmal habe ein Arzt sogar einen Sterbenden in sein Institut gebracht. Während der Mann noch lebte, füllte der Arzt in aller Ruhe schon mal den Totenschein aus.

Die Sanitäter überlegten bald, wie sie noch mehr Tote beschaffen könnten. "Karol und ich haben darüber gesprochen, wie man einer Großmutter beim Sterben helfen kann", sagt Andrzej N. vor Gericht aus. "Wir haben die Ärzte aus den Krankenwagen gefragt: Wie könnte man einen Menschen töten, ohne Spuren zu hinterlassen?" Wer schließlich auf das Mittel Pavulon gekommen ist, weiß er nicht mehr.

Zwei Ampullen des holländischen Medikaments steckten stets im Handkoffer der Sanitäter. Das Mittel, das zu Muskellähmung führt, wird eigentlich nur bei Narkosen benutzt. Wird der Patient nicht beatmet, stirbt er. Es ist ein schneller, aber qualvoller Tod. In den USA wird der Wirkstoff bei Hinrichtungen benutzt. Schon nach kurzer Zeit ist er im Organismus nicht mehr nachweisbar.

"Ich vermutete, dass ich dieses Mittel alten Menschen in schlechtem Gesundheitszustand kurz vor ihrem Tod verabreichen könnte", erklärt Andrzej N. Wann er es erstmals im Krankenwagen ausprobiert hat, weiß er angeblich nicht mehr. Die Ärzte wussten Bescheid, behauptet N. vor Gericht. Damit die Sanitäter die Medikamentenkoffer wieder auffüllen konnten, überließen sie ihnen Blankorezepte. Insgesamt, so heißt es in der Anklageschrift, verschwanden aus der Arzneimittelausgabe über 900 Ampullen des tödlichen Mittels.

Auch andere Todesspritzen machten angeblich die Runde. Eine Ärztin erhielt bald den Spitznamen "Dr. Kaliumchloridchen", Andrzej N. wurde auch "Dr. Ebrantil" genannt. Einen inzwischen verstorbenen Arzt mit Drogenproblemen riefen die Kollegen "Dr. Mengele". "Wir hatten keine Hemmungen mehr in unseren Gesprächen", gesteht N. vor Gericht. "Es nahm verrückte Ausmaße an."

Opfer der Leichenschieber

sind die Armen, Leute ohne Einfluss, die Alten. Es stirbt die grippekranke Helene Pardej, eine 75-Jährige, die sich um ihren 90-jährigen Mann kümmerte. Als ihr Sohn vor ihrem Haus ankommt, sieht er, wie die Besatzung des Rettungswagens auf den Tod seiner Mutter wartet.

Die 72-jährige Janina Grabowska hat Rückenschmerzen und Atemprobleme. Die Spritze, die ihr N. in ihrer Wohnung gibt, lindert die Schmerzen nicht, im Gegenteil: Plötzlich japst sie nach Luft. Sie stirbt in der Notaufnahme der Klinik.

Ludmila Swiader hat rote Flecken auf der Haut und atmet schwer. Als ihre Tochter Ewa, 38, am Abend nach Hause kommt, ruft sie den Krankenwagen. Die Mutter geht noch selbst die Treppe hinunter. "Der Arzt war sehr nett", sagt die Tochter, "ich machte mir keine Sorgen." Die Sanitäter brachten ihre Mutter in ein Krankenhaus, aber das verwies sie weiter an eine Hautklinik. Die war belegt. Im nächsten Krankenhaus hatten sie wieder kein Glück, Frau Swiader wurde in einen Vorort überwiesen. Das war dem Sanitäter Karol B. zu weit. Kurz vor der Stadtgrenze klopft er ans Fenster der Fahrerkabine: "Die Patientin ist weggeschwommen", meldet er.

Den Anruf, die Mutter sei an Hautflecken gestorben, hielt Ewa zunächst für einen Witz. Doch dann fuhr der Krankenwagen mit der Leiche vor. Ewas Bruder, ein ehemaliger Sanitäter, sah gleich, dass etwas nicht stimmen konnte. Angeblich hatte das Rettungsteam Wiederbelebungsversuche unternommen, aber die Bluse der Toten war zugeknöpft. Nicht einmal das Gebiss hatte der Arzt entfernt. "Danke, dass ihr uns so geholfen habt!", brüllte der Bruder.

Der Skandal um die mordenden Sanitäter fliegt erst auf, als der Leiter des Rettungsdienstes im Herbst 2001 wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten vor die Tür gesetzt wird. Bei einer Revision fällt der merkwürdig hohe Verbrauch von Pavulon auf. Als ein leitender Arzt den Medikamentenschwund bei der Polizei meldet, will die davon nichts wissen. Schließlich macht die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" den Skandal öffentlich. Der neue Leiter des Rettungsdienstes, Tyka, hat inzwischen zwei Leichenbeschauer eingestellt. Seine Ärzte dürfen keine Totenscheine mehr abzeichnen. Angehörige von Verstorbenen müssen unterschreiben, dass sie den Bestatter frei gewählt haben. Neuerdings werden Statistiken geführt über Todesfälle und Einsätze. "Heute haben wir den vielleicht saubersten Rettungsdienst Polens", sagt Tyka.

In anderen Städten blieb eine Reform der Rettungsdienste aus. Auch in Warschau, Krakau und Stettin sollen Bestatter Sanitäter geschmiert haben. In Lodz sind die Beschuldigten weich gefallen, klagt Tyka. Der ehemalige Dienststellenleiter arbeitet heute beim Nationalen Gesundheitsfonds, der ehemalige Leiter der Telefonzentrale ist Direktor einer Stiftung. Selbst die beiden angeklagten Ärzte durften bis vor kurzem an Krankenhäusern praktizieren. Anderen, wie "Dr. Kaliumchloridchen", konnte bis heute nichts nachgewiesen werden. Es gab nach dem Skandal kein einziges Berufsverbot.

Bettina Sengling / print