VG-Wort Pixel

Mord an Jovenel Moïse Politdrama, Staatsstreich oder Krimi? Haitis Fluch kehrt mit voller Wucht zurück

In Haiti herrscht nach dem Präsidentenmord ein großes Polizeiaufgebot
In Haiti herrscht nach dem Präsidentenmord ein großes Polizeiaufgebot
© © 2021 AFP
Der Mord an Haitis Präsidenten wirft weiter Fragen auf, obwohl die Polizei den Drahtzieher präsentiert hat. Wird die Tat je aufgeklärt oder verschwindet sie hinter dem nächsten Konflikt - der Kampf um die Macht, der bereits begonnen hat?

Wenn es nicht eines dieser schweren Erdbeben ist, die Haiti immer wieder heimsuchen, dann machen dem Inselstaat Tropenstürme zu schaffen. Wenn es nicht Blauhelm-Soldaten sind, die die Cholera einschleppen, dann versetzen Verbrecherbanden die Menschen in Angst und Schrecken. Und wenn der kleine Flecken in der Karibik einmal einen Hoffnungsträger zum Präsidenten wählt, verwandelt der sich nicht selten in einen Autokraten. Manche sagen, auf Haiti läge ein Fluch – die jüngste Tragödie erinnert zudem noch an einen Krimi, Voodoo und profane Machtgier.

"Sein Kampf muss fortgeführt werden"

Es war kurz nach Mitternacht am 7. Juli, als das Todeskommando in das Anwesen von Jovenel Moïse eindrang und den Präsidenten Haitis "innerhalb eines Wimpernschlags mit Kugeln durchlöcherte, ohne ihm auch nur die Chance zu geben, ein Wort zu sagen", schildert seine Frau Martine den Anschlag in einer Audiobotschaft. Sei selbst wurde dabei verletzt und in ein Krankenhaus nach Florida gebracht. Ihr Mann habe sich für den Ausbau der Infrastruktur und für Wahlen im Herbst eingesetzt, sagte Martine Moïse. "Das ist ein Kampf, den er für uns geführt hat, er muss fortgesetzt werden."

Mord an Jovenel Moïse: Politdrama, Staatsstreich oder Krimi? Haitis Fluch kehrt mit voller Wucht zurück

Nicht alle Haitianer haben seinen "Kampf" unterstützt, im Gegenteil. Zuletzt hatten Proteste gegen seine Amtsführung Haiti immer wieder lahmgelegt. Moïse wurden Korruption, Verbindungen zu brutalen Banden und ein immer autokratischerer Führungsstil vorgeworfen. Selbst die Länge seine Amtszeit war umstritten: Im Februar ernannte die Opposition einen Übergangspräsidenten, weil der Staatschef aus ihrer Sicht zu lange im Amt gewesen sei. Kurzum: Der 53-Jährige hatte Feinde.

Nur wenige Stunden nach dem Tod des Präsidenten präsentierte die Polizei bereits die ersten Verdächtigen. 17 Männer wurden festgenommen, drei weitere bei ihrer Verfolgung erschossen. Nach offiziellen Angaben bestand das Mordkommando aus "26 Kolumbianern und zwei US-Bürgern haitianischer Herkunft". Sie sollen sich als Anti-Drogen-Agenten der USA ausgegeben haben. Kolumbiens Führung hat 13 Ex-Soldaten des Landes als mutmaßliche Beteiligte identifiziert. Angehörige von zwei der Soldaten haben ausgesagt, diese seien als Personenschützer nach Haiti gegangen.

Der schnelle Erfolg macht jedoch den einen oder anderen Haitianer stutzig: "Ein gut ausgebildetes Kommando hat keinen Fluchtplan? Und wird dann vom wütenden Mob mit bloßen Händen gefangen?", zitiert die Nachrichtenagentur AFP einen Bewohner der Hauptstadt Port-au-Prince. Ein anderer meint: Es sei lachhaft, dass die sonst unfähige Polizei auf einmal 20 Profi-Killer innerhalb kurzer Zeit geschnappt haben will.

Waren die "Attentäter" Moïses Beschützer?

Weil es mehr Fragen als Antworten gibt, schießen die Gerüchte ins Kraut. Die einen sagen, dass die Kolumbianer in Wirklichkeit von der Regierung im Kampf gegen die im ganzen Land marodierenden Gangs angeheuert worden waren. Und sie hätten den Präsidenten nicht erschossen, sondern seien ihm zu Hilfe gerufen wurden. Dafür spricht, dass die Wächter des Präsidenten keinen Widerstand geleistet haben sollen. Der berüchtigte Bandenführer und Ex-Polizist Jimmy "Barbecue" Cherizier, dem Verbindungen zu Moïse nachgesagt wurden, sagte, dessen Ermordung sei eine nationale und internationale Verschwörung gegen das haitianische Volk gewesen.

Am Montag dann präsentierten die Sicherheitsbehörden den Drahtzieher des Anschlags: Ein haitianischer Arzt aus Florida soll den Mord des Präsidenten in Auftrag gegeben haben, weil er ihn ersetzen wollte. Es handelte sich um den 63 Jahre alten Christian Emmanuel Sanon. Er wird verdächtigt, 26 der Täter über eine in Florida ansässige venezolanische Sicherheitsfirma rekrutiert zu haben. Ursprünglich sei der Plan der Gruppe gewesen, Moïse festzunehmen, heißt es bei der Nationalpolizei. "Die Mission änderte sich dann." Sanson sei der erste gewesen, den die Angreifer nach dem Attentat angerufen hätten.

Ob der Arzt tatsächlich hinter dem Mord steckt, und ob sich die Tat so zugetragen hat, wie bisher vermutet, ist unklar, könnte aber bald ohnehin in den Hintergrund rücken. Denn die nächsten dunklen Wolken über Haiti ziehen bereits auf: in Form der Machtfrage. Und die Gemengelage ist kompliziert. Nachdem der Senat des Landes am Freitag seinen bisherigen Präsidenten Joseph Lambert zum Übergangsstaatschef gewählt hatte, wurde dessen für Samstag geplante Vereidigung verschoben - damit alle Senatoren dabei sein können. Doch der Senat ist derzeit nicht beschlussfähig, da wegen einer ausgefallenen Wahl nur zehn der 30 Sitze besetzt sind. Seit dem Attentat führt wiederum Interims-Premierminister Claude Joseph die Regierung, obwohl Moïse kurz vor seinem Tod bereits den Ex-Minister (und Neurochirurg) Ariel Henry zu dessen Nachfolger ernannt hatte.

In einem Interview der Zeitung "Le Nouvelliste" sagte Ariel Henry, seiner Ansicht nach sei er Premierminister - nicht Joseph. Er wolle den Weg für einen demokratischen Machtwechsel ebnen, schrieb Lambert auf Twitter. Für den 26. September sind Präsidenten- und Parlamentswahlen geplant. Joseph hat erklärt, an dem Termin festhalten zu wollen.

Werden Blauhelme nach Haiti geschickt?

International wird Joseph, der auch Außenminister ist, als Ansprechpartner anerkannt. Seine Regierung bat die Ex-Besatzungsmacht USA, Truppen zu schicken, um für Sicherheit zu sorgen und Infrastruktur zu schützen. Die Bitte werde geprüft, erklärte Pentagon-Sprecher John Kirby. Der Fokus liege derzeit aber darauf, bei den Ermittlungen zu helfen, sagte er dem Sender Fox News. Es werden aber auch erste Stimmen laut, die einen erneuten UN-Einsatz in dem Westteil der Insel Hispaniola fordern. Denn neben den politischen Querelen, quälen auch noch zahlreiche Banden die Bevölkerung. Zuletzt trieben deren blutige Kämpfe um die Kontrolle über Teile der Hauptstadt mehr als 14.000 Menschen in die Flucht.

nik mit DPA und AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker