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Präsidentschaftswahl in Brasilien: Marina Silva - von der Favoritin zur Königsmacherin

Lange sah es so aus, als hätte Marina Silva Chancen, nächste brasilianische Präsidentin zu werden. Doch die Mitfavoritin wurde Dritte - nun rätselt das Land, wem sie ihre 22 Millionen Stimmen gibt.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Da stand Marina Silva auf der Bühne und dankte Gott, dass er sie bis hierher geführt hatte, bis auf den dritten Platz dieser Wahlen, 21 Prozent, 22 Millionen Stimmen, bis nah an die Präsidentschaft. Aber eben nicht dahin.

Sie wollte die erste schwarze Präsidentin werden. Die erste aus dem Amazonasgebiet. Die erste evangelikale Christin. Die erste, die auf die konstanten Angriffe der Regierungspartei PT nicht mit den gleichen Angriffen antwortet. Das war wohl etwas zu viel für die Brasilianer.

Marina Silva kam fast aus dem Nichts. Sie startete in den Umfragen bei neun Prozent, lag dann lange gleichauf mit der Präsidentin Dilma Rousseff. Sie hätte Zweite werden müssen, um in die Stichwahl am 26. Oktober zu gelangen, doch dann stürzte sie binnen wenigen Tagen ab, von 33 auf 21 Prozent.

Jetzt beginnt die große Umgarnung

Wie konnte es dazu kommen? Am ersten Wahlabend sagte sie nicht viel dazu. Sie fühle sich nicht geschlagen, nicht als "Besiegte". Sie hob hervor, dass, obwohl sie Zielscheibe von Attacken wurde, sie nicht in eine Schlammschlacht eintrat. Vielleicht war es das: Sie schien etwas zu weich, zu höflich für ein Amt, das Härte erfordert, Kampfeswille und eine gewisse Skrupellosigkeit in einem so korrupten und verkrusteten Land wie Brasilien.

Jetzt wird sie bereits umgarnt. In der Stichwahl am 26. Oktober trifft Dilma Rousseff (41,6 Prozent) auf den sozialdemokratischen Herausforderer Aecio Neves (33,6 Prozent). Beide kämpfen um Marinas 22 Millionen Stimmen. Die Präsidentin ist Favoritin, aber dieser Wahlkampf erlebte schon so manche Überraschung. Zwar liegt sie in den Umfragen knapp vorne, aber sie holte weniger Stimmen als vor vier Jahren, und ein Großteil der Brasilianer wünscht sich den Wechsel. Sie haben genug nach zwölf Jahren Arbeiterpartei, nach einer Reihe von Korruptionsskandalen.

Wie wird sich Marina Silva entscheiden? Sie war lange selber Mitglied und Ministerin in der Arbeiterpartei, doch mit Hinweis auf die verfehlte Umweltpolitik trat sie einst zurück. Sie kann Rousseff nicht ausstehen, was auf Gegenseitigkeit beruht, und ist tief getroffen von den zum Teil persönlichen Attacken aus dem Regierungslager. Ihr Wahlprogramm hat größere Ähnlichkeit mit dem des Sozialdemokraten Aécio Neves.

Noch am Abend gab Marina einen ersten Hinweis auf ihre künftige Richtung. Sie sagte: "Brasilien hat sich mit Mehrheit gegen das ausgesprochen, was es als Fehler in der aktuellen Regierung ausgemacht hat. Und es wählte den Wechsel."

Das klingt nicht gerade nach einer Unterstützung für Rousseff. Marina Silva wäre dann zwar keine Präsidentin, aber womöglich so etwas wie eine Königsmacherin. Und womöglich hätte Aécio Neves für sie ein Ministeramt im nächsten Kabinett übrig.