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Brasiliens Präsidentschaftskandidatin Silva: Arm und deshalb sexy

Marina Silva lebt ein Leben, das für drei reicht. Aus ärmsten Verhältnissen hat sie sich hochgeschuftet zur Präsidentschaftskandidatin - auf unbrasilianische Art. Gerade deshalb lieben sie die Leute.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Grün, asketisch, gläubig, aus ärmsten Verhältnissen: Brasiliens Präsidentschaftskandidatin Marina Silva

Grün, asketisch, gläubig, aus ärmsten Verhältnissen: Brasiliens Präsidentschaftskandidatin Marina Silva

Das nächste Staatsoberhaupt Brasiliens wird wieder eine Frau sein. Das ist so gut wie sicher. Nur welche? Die linke Amtsinhaberin Dilma Rousseff oder die grüne Marina Silva, die für die Sozialisten ins Rennen geht? Als Herausforderin könnte Silva die erste schwarze Präsidentin des Landes werden - ein Attribut, das ihr so gar nicht passt. Weil ihre Hautfarbe auf viele Brasilianer ohnehin nicht sonderlich schwarz wirkt. Und weil es zu einfach wäre, sie darauf zu reduzieren. Denn die Frau blickt auf eine Karriere, gegen die Barack Obamas Werdegang wie eine absehbare Zwangsläufigkeit wirkt.

Jan-Christoph Wiechmann, stern-Korrespondent in Rio de Janeiro, hat im Wahlkampf begleitet. Und ist dabei auf eine Frau getroffen, die erst lernen musste, über sich selbst zu sprechen. Dabei hat sie so viel zu erzählen, dass es für drei Leben reicht.
Etwa über...

... ihre Essgewohnheiten

Im fällt als erstes auf: Sie legt nicht, wie Politiker sonst, an jedem Essensstand eine Pause ein. Sie isst kein Eis, keine Schokolade, kein Fleisch, sie nimmt keine Einladung zum Grillabend an. Sie zieht durch Rios Favela Rocinha und trinkt keine gekühlten Getränke, weder Cola noch Bier, auch keinen Kaffee, sie trinkt nichts außer lauwarmem Wasser. Ein Barbesitzer bietet ihr Caipirinha an. Sie lehnt ab. Ein anderer ein Würstchen vom Grill. Sie lehnt ab.

Sie lebt von Vollkornkeksen, wenn sie unterwegs ist. Sie wiegt nur 48 Kilo. Sie hat seit August drei Kilo verloren. Sie braucht dringend Kalorien.

Marina Silva hat schwere Krankheiten überlebt - Malaria, , eine Schwermetallvergiftung. Sie hat seitdem starke Allergien und ihre Essgewohnheiten völlig umgestellt. Schon der Geruch von gegrillten Scampi führt dazu, dass sie Atemnot bekommt.

In vielerlei Hinsicht ist Marina eine etwas andere Politikerin, nicht sehr brasilianisch. Sie lebt asketisch, meditiert gern, betet. Sie liest Brecht und die Bibel. Sie zitiert Shakespeare und .

... ihre Kindheit in Armut

Sie geht gern in die Armenviertel von . Dort erzählt sie den Menschen etwas von ihrer eigenen Kindheit in bitterer Armut. "Ich weiß, was es heißt Hunger zu erleiden. Ich erinnere einen Tag 1968. Alles was meine Mutter für uns acht Kinder hatte, war ein Ei, etwas Mehl und Salz. Ich erinnere mich, dass ich meine Eltern fragte: Esst ihr nichts? Meine Mutter antwortete: Wir haben keinen Hunger. Als Kind glaubt man das."

Marina Silva wuchs im Amazonasgebiet auf, im Bundesstaat Acre, als Tochter einer Weißen und eines Vaters mit schwarzen und indianischen Wurzeln. Schon mit sechs half sie bei der Arbeit des Vaters, er war Kautschukzapfer. Lesen und Schreiben lernte sie erst sehr viel später, mit 16.

Früher, erzählt sie, stand sie um vier Uhr auf und bereitete das Essen für die Familie zu. Sie half auch ihrem Vater beim Kautschukzapfen. Sie half beim Säen, bei der Ernte, bei der Hausarbeit, an Schule war nicht zu denken. Sie und ihre Geschwister taten dies gern, um den Eltern zu helfen.

... ihre Hautfarbe

Eigentlich spricht Marina Silva nicht über ihre Hautfarbe. Sie ist einfach kein Thema. Sie spricht über die schlechte Wirtschaftslage und die Korruption im Land, über ihre Botschaft von "Hope" und "Change". Lediglich aus der Registrierung ihrer Kandidatur geht hervor: Maria Osmarina Marina da Silva Vaz de Lima. Brasilianerin. Geboren in Rio Branco am 8.2.1958. Verheiratet. Hautfarbe: schwarz.

Bei einer Wahlveranstaltung in Joao Pessoa im Nordosten sprach sie das Thema nun erstmals an. Sie sagte, sie sei Opfer einer Hetzkampagne der regierenden Arbeiterpartei PT. Sie – "Tochter armer Eltern, schwarz und evangelisch". Es gab viel Beifall. Sie wirkte erleichtert. Sie hatte es endlich gesagt.

Marina Silva wäre die erste schwarze Präsidentin, aber anders als in den USA spielt die Hautfarbe bei dieser Wahl kaum eine Rolle. Das mag daran liegen, dass sich Brasilien gern als multikulturelle Demokratie sieht. Aber auch daran, dass sie in den Augen der Brasilianer eher eine "Cabocla" ist, eine kaum noch differenzierbare Mischung aus weiß, indigen und manchmal auch schwarzen Vorfahren.

Ihre eigene Definition von sich lautet anders. Sie wäre, so sagt sie, "gern die erste schwarze Frau armen Ursprungs, die dieses Land regiert."

... Bibel, Beauty und Bio-Stil

Sie führt die Bibel überall mithin. Sie soll ihr Halt geben aber auch Inspiration. Sie steht hinter der Wahlkampfbühne, erschöpft, abgemagert. Ab und zu blickt sie auf und denkt nach. Dann trinkt sie ein Schluck lauwarmes Wasser.

Aus der Nähe betrachtet hat sich Marina Silva verändert in diesen Wochen. Sie hat begonnen ihre Haare zu färben, wogegen sie sich Jahre lang gewehrt hat. Ihre älteste Tochter Shalon überzeugte sie davon. Allerdings benutzt sie nur eine Tönung aus organischen Materialien. Auch Lippenstifte lehnt sie ab. Sie nimmt stattdessen eine hausgemachte Tinktur aus organischer Rote Beete und Zucker.

Sie hat auch ihre Einmalbrille aus der Apotheke eingetauscht gegen eine (nicht sehr viel teurere) Brille mit braunen Bügeln. Sie soll sie weniger großmütterlich erscheinen lassen.

Sie macht ihren Schmuck selber, aus den Samen und Steinen des Amazonasgebiets. Einen persönlichen Stilberater lehnt sie weiter ab. Sie will sich nicht abheben von anderen. Die Freundinnen in ihrem grünen Netzwerk geben ihr Tipps oder kaufen ihr Kleidungsstücke, die sie in Läden finden. Marinas Bedingung: Sie dürfen nicht viel kosten, sie müssen neutrale Farben haben, maximal Pastelltöne, am liebsten aus Recycle-Material, am liebsten der Stil "hippie-chique".

Heute, nach 16 Jahren im Senat, muss sie sich keine finanziellen Sorgen mehr machen. Aber sie kann mit Statussymbolen nichts anfangen. Das macht sie glaubwürdig, im Land der korrupten Politiker.

... ihren Erfolg in der Politik

Marina Silva ist die erfolgreichste Grüne aller Zeiten. Vor vier Jahren erhielt sie 20 Millionen Stimmen, knapp 20 Prozent, sehr viel mehr als Joschka Fischer oder Jürgen Trittin je erreicht hatten. Diesmal tritt sie für die Sozialisten an, aber das Grüne ist ihr geblieben.

Im Wahlkampf gibt sie sich volksnah, will nicht zu "sophisticated" wirken. "Schönes Spiel von Flamengo gestern", ruft sie einem Fußball-Fan im Flamengo-Trikot zu. Sie kann mit Fußball nicht viel anfangen.

Wenige Tage vor der Wahl am 5. Oktober haben sich ihre Chancen, in den Präsidentenpalast in Brasilia einzuziehen, allerdings verschlechtert. In Umfragewerten liegt Silva momentan nur noch bei 24 Prozent - und damit weit hinter Amtsinhaberin Rousseff, die mit 40 Prozent führt. Das würde allerdings eine Stichwahl zwischen Rousseff und Silva bedeuten.

Sollte es ins direkte Duell der beiden Frauen gehen, will Silva mit ihrem größten Vorteil punkten und Boden gut machen: Sie gilt als ehrliche Haut. Ob das reicht, um Brasilien zu regieren, entscheidet sich dann am 24. Oktober.

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