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Impfstreit um AstraZeneca "Impf-Nationalismus ist ein Schuss ins eigene Bein" – die internationale Presse zu AstraZeneca

Der Impfstoff von AstraZeneca gegen das Coronavirus
Der Impfstoff von AstraZeneca gegen das Coronavirus
© Prakash Mathema / AFP
Zwischen der EU und dem Pharmaunternehmen AstraZeneca tobt ein Streit um den Impfstoff gegen das Coronavirus. Die Lieferung erfolgt nicht so, wie es Europa gern hätte. Doch daran ist die EU wohl selbst schuld, heißt es in Kommentaren großer Zeitungen.

Die EU-Kommission und das Pharmaunternehmen Astrazeneca streiten über die Lieferung von Corona-Impfstoff, auch ein weiteres direktes Gespräch konnte den Konflikt am Mittwoch nicht beilegen. Der Impfstoff-Hersteller hatte in der vergangenen Woche bekanntgegeben, der EU wegen Produktionsproblemen in einem Werk in Belgien in nächster Zeit deutlich weniger Impfstoff liefern zu können als vorgesehen. Brüssel stört besonders, dass Großbritannien und andere Nicht-EU-Länder offenbar weiterhin ungekürzte Mengen erhalten sollen. Der Streit wirft ein Schlaglicht auf die Impfstrategie in Europa, an der die internationale Presse teils harsche Kritik übt.

Internationale Pressestimmen zur Impfkrise um AstraZeneca

"El País" (Madrid): "Die Versäumnisse von Pharmaunternehmen bei der Lieferung von Impfstoffen gegen das Coronavirus haben in der Union eine schwere Krise ausgelöst. Zu den Schwierigkeiten von Pfizer, die Produktion zu sichern, kommt nun die Ankündigung von AstraZeneca hinzu, die Menge an Impfstoff, die im ersten Quartal geliefert werden sollte, um mehr als 60 Prozent zu kürzen. (...)

Der zentrale Einkauf von Impfstoffen war ein Durchbruch. Er hat Europa davor bewahrt, in einen ebenso ineffizienten wie ungerechten Gesundheitsnationalismus abzurutschen. Aber diese Krise zwingt uns dazu, über die begangenen Fehler nachzudenken. Im Vergleich zu anderen Regierungen hat die EU zu langsam gehandelt. Die Verträge wurden später unterzeichnet, was sich nun als Problem erweist. Zudem war man zu zögerlich bei den Beschaffungsinvestitionen sowie bei der Sicherstellung von Produktionskapazitäten in der EU selbst, indem die Anlagen anderer Pharmafirmen benutzt, wie nun – zu spät vielleicht – vorgeschlagen wird. Man muss den Kurs sofort korrigieren. Es ist lebenswichtig – in gesundheitlicher, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht."

"La Repubblica" (Rom): "Am Ende hat das Virus gesiegt. (...) Jede Minute, die ohne einen ernsthaften und konkreten Plan vergeht, die europäische Bevölkerung zu impfen, ist eine vergeudete Minute. Die EU hat beschlossen, 24 Stunden zu verschwenden, um in einer nutzlosen, kontraproduktiven und unhöflichen Art und Weise auf das Interview des AstraZeneca-Chefs Pascal Soriot zu antworten.

Wir wussten bereits, dass der "Impfstoff-Nationalismus" mit dem mehrere Länder versuchen, so viel Vorrat wie möglich anzuhäufen, den Kampf gegen diesen mächtigen und tödlichen Feind verlangsamen würde. Aber gestern ist Brüssel ein gutes Stück weiter gegangen, indem ein neuer "Impfprotektionismus" mit Drohungen ausgeprägt wurde, Exporte von Ampullen "made in Europe" zu blockieren. Es ist ein wenig erbauliches Schauspiel, das das wahre Wunder in dieser tragischen Zeit unserer Geschichte verdunkelt: Die von Regierungen, Unternehmen und Universitäten unterstützten internationalen Bemühungen, in Rekordtempo ein Gegenmittel gegen eine Pest zu finden, die die Leben aller durcheinander bringt."

"Lidove noviny" (Prag): "Sollten wir das gemeinsame europäische Vorgehen bei den Impfstoff-Bestellungen aufgeben? Sollte unser Land für sich mit den einzelnen Impfstoffherstellern verhandeln? Kurzfristig könnte uns das helfen. Doch die Frage ist, ob sich dann nicht andere Staaten auch so verhalten würden. Hätten wir eine Chance, die Deutschen oder die Österreicher im Preis zu überbieten? Ist es sinnvoll, das zu riskieren?

Damit verbunden ist auch die Frage, ob man nicht Impfstoffe bei östlichen Imperien wie Russland und China einkaufen sollte. Diese Großmächte geben sich freundschaftlich, doch langfristig geht es ihnen nur um die Ausweitung der eigenen Macht. Wir sollten daher versuchen, die Probleme zuerst mit Brüssel zu lösen, wo man die Verantwortung für die Lieferverträge trägt. Zu Insellösungen sollte es erst dann kommen, wenn höchste Not herrscht."

"Rzeczpospolita" (Warschau): "Jeder kann mit einem Klick auf sein Smartphone vergleichen, wie viele Menschen in Großbritannien geimpft wurden, das sich nun schon außerhalb der EU befindet, und wie viele in Deutschland. Und wenn es erst einmal soweit ist, dass die Briten nicht nur nicht mehr an Covid-19 sterben, sondern auch zu einem normalen Leben zurückkehren können, dann wird ihr Beispiel Gewissensbisse bei der Staatengemeinschaft auslösen. Und die EU hängt hinterher, nicht nur beim Tempo der Impfungen, sondern auch beim Corona-Aufbaufonds.

Die erste Folge einer solchen Niederlage könnte sein, dass sich das Tempo zur Vertiefung der Integration verringert, das doch größer werden sollte, wenn sich die britischen Bremser nicht mehr an Bord befinden. Und der Preis für die Niederlage im Kampf mit dem Virus könnte für die EU sogar noch größer werden, wenn sie nicht schnell die begangenen Fehler korrigiert. Einen Groll gegen die Integration hegen sogar bereits Gründerstaaten wie die Niederlande und Italien. Mit schwer abzusehenden Folgen."

"de Volkskrant" (Amsterdam): "Der Konflikt ist schwer zu beurteilen, auch für das Europäische Parlament, denn der Vertrag zwischen der EU und Astrazeneca ist nicht öffentlich. Das ist üblich bei solchen Abmachungen, aber bei einer Gesundheitskrise von diesem Ausmaß ist mehr Transparenz dringend erwünscht. Astrazeneca sollte den Vertrag – notfalls in teils geschwärzter Form – veröffentlichen, wie dies von der EU-Kommission gefordert wird. 

Der ungewöhnlich scharfe Streit ist kennzeichnend für die angespannte Atmosphäre in Europa. Das gemeinsame Vorgehen bei den Impfstoffen schien eine Erfolgsstory für die EU zu sein, doch nun kann sich das gegen Europa kehren. In den Mitgliedstaaten stehen politische Führungen unter Druck. Sie haben ihre Exitstrategie auf eine schnelle Impfkampagne aufgebaut, die Einschränkungen akzeptierbar machen sollte – "noch einmal die Zähne zusammenbeißen und dann ist die Pandemie vorüber". Doch wenn nun die Impfkampagne stockt, muss auch diese Exitstrategie überdacht werden."

"Der Standard" (Wien): "Der Konflikt zwischen der Pharmafirma AstraZeneca und der EU nimmt zunehmend hysterische Züge an. Auf substanzlose Gerüchte, denen sofort widersprochen wird – etwa, dass der Covid-19-Impfstoff über 65-Jährige nur zu acht Prozent schütze –, folgte die Absage eines für Mittwochabend geplanten Treffens der Streitparteien; keine halbe Stunde später wurde das wieder dementiert.

Beobachter schütteln den Kopf, Unionsbürger und -bürgerinnen wenden sich mit dem Eindruck ab, dass auf längere Sicht mit dem glorreich angekündigten unionsweiten Massenimpfen und einer baldigen Entspannung der Pandemielage nicht zu rechnen ist. Vertrauen gerät ins Wanken, weitere Hoffnungslosigkeit und Fatalismus drohen."

"Dagens Nyheter" (Stockholm): "Schweden hat nicht allein Rückschläge in den ersten Impfwochen erlitten. Die Lieferung von weniger Dosen als erwartet hat zusammen mit logistischen Problemen einen langsamen Start in Großteilen der EU verursacht. Eifersüchtig blicken viele auf Länder wie Israel und selbst Großbritannien, die es geschafft haben, einen höheren Anteil der Bevölkerung zu impfen. In der EU kommt dem nur Dänemark nahe. Die Nervosität ist deshalb greifbar.

Ein Vorschlag zur Registrierung von Impfexporten bei der EU-Kommission kann die Transparenz erhöhen. Aber es gibt die Befürchtung, dass diese Anforderung als Exportbeschränkung für im EU-Raum hergestellte Impfstoffe benutzt wird. Solche Restriktionen machen die internationalen Lieferketten kaputt, die die Voraussetzung dafür sind, schnell Impfstoffe in ausreichender Menge herstellen zu können, um die Pandemie zu unterdrücken. Andere Länder könnten Gegenmaßnahmen ergreifen. Und wenn EU-Maßnahmen dazu beitragen, die Folgen der Pandemie in anderen Staaten zu verlängern, dann betrifft das auch uns."

anb DPA

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