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Pressestimmen zu Aleppo: "Das Innehalten der Welt dauert nur einen Wimpernschlag"

Und plötzlich hat der Syrien-Krieg ein Gesicht: Die Bilder eines Jungen aus Aleppo, der nach Luftangriffen verletzt und apathisch in einem Krankenwagen sitzt, schockieren die Welt. Die Pressestimmen.

Verletzter Junge aus Aleppo: Ein Bild, das um die Welt geht

Verletzter Junge aus Aleppo: Ein Bild, das um die Welt geht

Nach neuen Luftangriffen in Aleppo sorgt ein Video des oppositionellen Aleppo Media Center (AMC) für Entsetzen, das einen überlebenden kleinen Jungen zeigt. Die Aufnahme des Kindes drückt den täglichen Schrecken des syrischen Bürgerkriegs in wenigen Sekunden herzzerreißend aus. Sie wurde am Donnerstag tausendfach rund um den Globus über soziale Medien verbreitet. Der Junge schreit und weint nicht - aber das Grauen ist an seinem blutigen Gesicht und seinem leeren Blick abzulesen.

Die Pressestimmen:

Landeszeitung (Lüneburg):

"Omran D. ist unschuldig und verletzlich. Und genau deshalb gibt er dem syrischen Drama ein Gesicht. Doch das Innehalten der Welt angesichts dieses Leids dauert nur einen Wimpernschlag. So wie beim Bild des ertrunkenen Aylan K. Längst ist der kollektive Aufschrei verhallt und vom allgemeinen Achselzucken verdrängt worden. Auf diese Reaktion setzen Diktatoren wie Hafis Assad, der Vater des jetzigen syrischen Machthabers. Er löschte 1982 die Stadt Hama aus, so wie sein Sohn es mit Aleppo vorhat. Hafis verfehlte sein Ziel, die Muslimbruderschaft auszulöschen. So mag die Empörung über das Leid von Omran D. schnell verhallen, die Botschaft seines Bildes aber bleibt: Wer nur durch Streubomben im Amt gehalten wird, steht schon auf der Seite der Verlierer der Geschichte."


Badische Zeitung (Freiburg):

"Das Video und die Bilder des geretteten Omran sind schwer zu ertragen. Aber soll man sie deshalb zurückhalten? Menschen dürften nicht als Opfer gezeigt werden, das raube ihnen die Würde, argumentieren die Befürworter eines solchen Bilderverbots. Aber ist es würdevoll, wenn Hunderttausende zerbombt und ausgehungert werden? Wir leben in einer Welt der Bilder. Da ist es legitim, die Welt mit Bildern aufzurütteln. Gut möglich, dass der Junge eben deshalb gefilmt worden ist. Das ändert aber nichts an der Not in Aleppo. Hinschauen - das ist die Botschaft diese Bilder. Verdrängen ist nicht. Selbst wenn all dies an der Ohnmacht dem Krieg gegenüber erst mal nichts ändert."


Lausitzer Rundschau (Cottbus):

"Das Bild des kleinen Jungen, der verdreckt und apathisch auf einer Bank sitzt, nachdem er einen Bombenangriff in der Hölle von Aleppo überlebt hat, ist nicht nur herzzerreißend. Es ist ein Bild von enormer symbolischer Kraft. Es bündelt vieles in sich: die Qual und die Angst des Kindes, den Horror des Krieges, Gefühle des Betrachters wie Mitleid, Trauer und auch Wut. (...) Die Flüchtlingskrise ist jedem auf einmal so nah gegangen wie nie zuvor gewesen. Und es hat politisch dafür gesorgt, dass man intensiver nach Lösungen gesucht hat. Immerhin das. Noch etwas: Gut, dass es die sozialen Netzwerke gibt. Zu Recht werden sie heftig dafür kritisiert, zur Enthemmung der Menschen beizutragen und teilweise nur noch Plattform von Pöbeleien und Angriffen zu sein. Aber der Welt - oder zumindest einem Teil davon - wäre dieses Bild des kleinen Jungen   womöglich verborgen geblieben. So wie viele andere abscheuliche Taten in diesem verbrecherischen Krieg auch."


La Croix (Frankreich):

"Das Bild ist natürlich ein Symbol für die Unmenschlichkeit des wilden Krieges, der Syrien seit dem Frühjahr 2011 verheert - und insbesondere Aleppo, eine Stadt mit sehr hoher Zivilisation, die heute in Ruinen liegt. Aber nicht nur das muss man sich merken. Die Filmsequenz zeigt uns auch die Retter, die Omran und die anderen Kinder in den Krankenwagen bringen, bevor sie in ein Krankenhaus kommen. Beim Anschauen dieses Videos spürt man gleichzeitig ein tiefes Mitgefühl für die Opfer und eine grenzenlose Bewunderung für diese Menschen, die ihr eigenes Leben riskieren, um Hilfe zu leisten."


Neue Osnabrücker Zeitung:

 "Hunger, Durst und die Zerstörung von Kliniken sind zu Mitteln der Kriegsführung geworden. Der kleine Omran aus Aleppo, dessen berührendes Bild der Verletzlichkeit gerade um die Welt geht, wird nicht das letzte unschuldige Opfer dieses Kriegs sein. Da eine Lösung am Verhandlungstisch offenbar nicht möglich und gewollt ist, wird dieser Konflikt militärisch entschieden. Und so massiv, wie Russland und Iran den Massenmörder Assad unterstützen, wird dieser noch viele Jahre lang weiter Tausende von Menschen zu Tode foltern können."


Nordbayerischer Kurier (Bayreuth):

Ein Bild, das unter die Haut. Verbreitet hat es das Aleppo Media Center, das der Opposition gegen Baschar al-Assad nahesteht. Die naheliegende Absicht dahinter: Die Grausamkeit des Gegners an den Pranger stellen. Aber dieses Bild ist mehr als Propaganda nur einer Kriegspartei. Es ist Anklage gegen alle, die diesen sinnlosen und grausamen Krieg um eigener machtpolitischer Vorteile willen seit Jahren führen und bis zum Exzess weitertreiben.

kis / DPA