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Äußerungen nach G7 "Endlich" ein Kurswechsel? So urteilt die Presse über Merkels neuen Umgang mit Trump

Angela Merkel hat die Europäer aufgerufen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen
Angela Merkel hat die Europäer aufgerufen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen
© Sebastian Widmann/Getty Images
Es war ein Desaster. Nach dem G7-Gipfel bleiben in Europa Enttäuschung, Frustration und Verbitterung über den US-Präsidenten zurück. Auch bei Angela Merkel. Sie distanziert sich von Trump und sorgt damit für Aufsehen. Die Reaktionen der Presse im Überblick.

"Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen", forderte Angela Merkelnach dem ernüchternden G7-Gipfel in Italien. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt", sagte die Kanzlerin bei einer Wahlkampfveranstaltung in München.

Ein vernichtendes Fazit: In Taormina ist die G7, die Gruppe der sieben führenden Industriestaaten des Westens, scheinbar zerbrochen. Doch Merkels Worte finden bei der internationalen Presse dennoch Beifall.

"Tagesschau"

Endlich! Endlich kehrt Realismus im Umgang mit Donald Trump ein. Endlich werden die Hoffnungen auf den Politiker und Transatlantiker im US-Präsidenten über Bord geworfen. Zu lange schon dachten einige Europäer, dass man den nicht mehr ganz so neuen Mann im Weißen Haus schon in die Spur bringen, ihm erklären könne, wie wichtig das Pariser Klimaabkommen ist oder warum es nicht möglich ist, bilaterale Handelsverträge mit EU-Mitgliedern auszuhandeln.

Nehmt die Zukunft selbst in die Hand, Europäer - da hat Angela Merkel ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Es hat lange genug gedauert. Denn Trump liefert nur, was er versprochen hat: "America First" - das sagt er seit fast zwei Jahren, und das setzt er um."

"Washington Post"

"Merkels Worte sind eine deutliche Veränderung der politischen Rhetorik. Die (amerikanische) Öffentlichkeit ist vertrauter mit der speziellen Beziehung zwischen den USA und Großbritannien. Aber die deutsch-amerikanische Beziehung war bis heute wohl wichtiger.

Merkels Kommentar über das, was sie in den vergangenen Tagen erlebt hat, bezieht sich eindeutig auf Trumps desaströse Europatour. Ihre Äußerung, wonach die USA kein verlässlicher Partner mehr seien, ist eine direkte Folge von Trumps Worten und Taten.

Die Kanzlerin ist vorsichtig. Ihre Rede war keine impulsive Reaktion. Stattdessen versucht Merkel, eine andere EU zu bilden, eine, die stärker und selbstständiger ist und weniger geneigt ist, die Führung den USA zu überlassen."

"Augsburger Allgemeine"

"Taormina ist eine Zäsur. Washington hat sich aus G7 verabschiedet, erfreut sich an seiner selbst gewählten Isolation. Nun lastet auf Berlin und Paris die ganze Verantwortung, die Gruppe der Industrienationen anzuführen, alle Augen richten sich auf Angela Merkel und Emmanuel Macron. Die Bundeskanzlerin hat die Herausforderung angenommen. Europa, so sagte sie gestern, müsse sein Schicksal nun in die eigene Hand nehmen.
Die Bewährungsprobe wartet bereits in fünf Wochen beim G20-Gipfel in Hamburg auf Merkel. Dann muss sich endgültig zeigen, ob die Staatengemeinschaft noch handlungsfähig ist."

"De Tijd"

"Die Antwort auf den Bulldozer-Präsidenten kam aus einem Bierzelt in München. Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte fest, die 'Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei'. Und sie schlug gleich ein neues Kapitel auf: 'Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen'.

Die deutsche Kanzlerin hat erkennbar die Nase voll vom amerikanischen Präsidenten. Nach einem bemerkenswerten Besuch im Weißen Haus, bei dem Merkel bereits sichtlich von ihrem Gastgeber genervt war, seinen Auftritten im neuen Nato-Gebäude und beim G7-Gipfel in Taormina, reicht es Berlin nun. Washington wird nicht länger als vertrauenswürdiger Mitstreiter angesehen. Europa muss nun allein weitermachen. In aller Freundschaft übrigens.

Merkel ist keine Frau, die Menschen von vornherein ausschließt. Aber sie ist auch jemand, der einmal getroffene Entscheidungen nicht so leicht wieder ändert. Das Bierzelt in München könnte daher sehr wohl ein Wendepunkt in den transatlantischen Beziehungen sein."

"Rhein-Neckar-Zeitung" 

Europäer, Japaner und Kanadier müssen sich nun überlegen, wie sie auf den Blockade-Kurs der USA reagieren wollen. Denn auch das wurde deutlich: Die westliche Wertegemeinschaft existiert weiter, sie ist nur um ein - wenn auch sehr wichtiges - Mitglied ärmer geworden. Wenn die Amerikaner die Führungsrolle verweigern, müssen die Europäer ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen - wie Angela Merkel zu Recht fordert. Einfach wird das freilich nicht. Denn die Europäer sind nicht immer so einig wie in der Opposition zu Donald Trump auf Sizilien.

"Frankenpost"

"Der Westen muss trotz Trump nicht zerbersten, wenn es den Einsichtigen gelingt, eine Mauer der Vernunft gegen Trump zu errichten. Im Augenblick sieht es nicht danach aus. In der Klimapolitik legt der US-Präsident eine unglaubliche Ignoranz an den Tag, und eine enttäuschte Kanzlerin Merkel nennt das Ergebnis der Gipfeldebatte in Taormina "unzufriedenstellend". Damit drückt sie den katastrophalen US-Kurs diplomatisch verbrämt und sehr verharmlosend aus. Gerade auf diesem wichtigen Feld drohen verhängnisvolle Rückschritte. Mit einer kaputten Umwelt kann die Welt freien, ergiebigen Handel - und damit Wohlstand - in der Zukunft aber vergessen."

ivi

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