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Rumänien-Serie, Teil 7: "Ich kenne keine Freundschaft mehr"

Catalin Botezatu ist Rumäniens bekanntester Designer. Er hat Geld wie Heu, ist erfolgreich. Und er hätte seine Seele verkauft, um etwas ganz Bestimmtes zu erreichen. Eine Geschichte über Ruhm, Einsamkeit und eine ewige Suche.

Von Karin Spitra, Bukarest

Obwohl Catalin Botezatu, 41, seine Karriere unter dem Ex-Diktator Ceausescu begonnen hat, wird ihm dieser Umstand nicht wirklich vorgeworfen - selbst in der neuerdings dafür recht sensiblen rumänischen Gesellschaft. Vielleicht, weil er damals "nur" ein Model war, vielleicht auch, weil er nie ein Geheimnis daraus machte. "Es war eine schwere Zeit, damals", erinnert sich Catalin. "Ich war 18, und ich brauchte Geld." Er sollte Atomphysik studieren, hatte sogar schon die Aufnahmeprüfung bestanden, wollte aber lieber zur Theaterwissenschaft wechseln. Worauf ihm die Eltern Glück wünschten, ihm aber gleichzeitig eröffneten, dass er aber ab sofort auf eigenen Beinen stehen würde.

Elena Ceausescu als Karriere-Kick

Dumm nur, dass Catalin hier die Aufnahmeprüfung nicht schaffte: "Es gab nur drei Plätze für hunderte von Bewerbern. Ich hatte das viertbeste Resultat." Knapp daneben, ist auch vorbei. Catalin hatte vergessen, dass man bei so wenigen Plätzen nicht mit Glück oder Wissen, sondern nur mit Geld oder Beziehungen den Einzug schafft. Also versuchte er sich als Model - und kam auf den Geschmack. Er fing an, am staatlichen Modeinstitut zu studieren und gewann in Leipzig einen Modelwettbewerb. "Ein Sieg bei diesem Wettbewerb war bei uns im Osten so, als wenn jemand aus dem Westen den 'Supermodel of the Year'-Contest gewinnen würde." Kein Wunder, dass Diktatoren-Ehefrau Elena Ceausescu auf ihn aufmerksam wurde. Die 70-Jährige wurde zur ersten Mentorin des knapp 20-Jährigen - und pusht seine Karriere.

Wenn ausländische Staatsgäste das Land besuchten, gab es im Rahmen des Damenprogramms eine Modeschau, und natürlich wurde Catalin dafür gebucht. "Sie liebte es, wenn ich ihr am Ende der Show den obligatorischen Blumenstrauß überreichte. Ich war ihr Favorit", nennt er das und meint, dass sie sich immer korrekt verhalten hätte. Gleichzeitig lernte er so, wie man Schauen organisiert, wie man die Regiearbeit macht, Musik und Licht einsetzt. "Schnell wurde mir klar, dass ich Designer werden will."

Gianni Versace wird sein Mentor

Nach der Revolution 1989 schlug seine große Stunde, Catalin gewann ein Stipendium für das Internationale Modeinstitut in Mailand. "Dort habe ich dann Gianni Versace kennen gelernt, und er hat mich unglaublich stark beeinflusst", erzählt Catalin. Die Faszination muss eine gegenseitige gewesen sein, denn Versace bot dem jungen Rumänen an, bei ihm als Desinger zu arbeiten. Wofür andere töten würden, ließ Catalin kalt: "So ehrenvoll das auch war, ich wollte nicht der Diener bei jemandem anderen sein, wenn ich in meinem Land König sein konnte."

Also kehrte er nach Rumänien zurück und machte unaufhaltsam weiter Karriere: Eröffnete 1990 das erste private Modehaus, "wenn auch nicht mit eigenem Geld", wie er bemerkt. Vier Jahre später kam dann das eigene Atelier "Delfi by Catalin Botezatu". Für seine erste Kollektion schmiss er eine Riesenparty: "Ich habe damals eine Riesenshow inszeniert, ich habe Ted und Olivier Lapidus eingeladen, Paco Rabanne, die Moderedaktion der französischen Vogue, die angesagtesten internationalen Models. Ich wollte allen zeigen, dass wir zwar aus einer dunklen Epoche kommen, aber Potenzial haben."

"Es gibt nur zwei soziale Klassen"

Es ist ihm wichtig zu beweisen, dass es in Rumänien "nicht nur Bettler gibt, die an der Straßenecke stehen." Wie die meisten seiner Landsleute ist er ein Patriot und liebt sein Land. "Es tut mir weh, wenn man uns nur als das Land sieht, in dem Diebe und behinderte Waisenkinder leben. Niemand spricht über unseren großen spirituellen Reichtum, über unsere Künstler und Intellektuellen." Dabei sieht Catalin auch die Probleme auf dem langen Marsch in die Normalität: "Die große Gefahr diese Landes ist, dass es nur zwei soziale Klassen gibt: die arme Klasse und die reiche Klasse." In der Klasse der Reichen dominieren die Neureichen, die Snobs und Parvenüs. Die wirklichen Intellektuellen, die noch Werte und Herzensbildung kennen, gehören zur sozialen Klasse der Armen. "Bis diese Menschen nicht wieder den Mittelstand bilden, bleibt Rumänien gefährdet", ist Catalin überzeugt.

In der rumänischen Presse führt er einen Dauerkrieg gegen diese Neureichen - auch das macht ihn so beliebt. Er nennt die Dinge beim Namen. Heiratet eine 18-Jährige einen um 40 Jahre älteren Millionär, nennt er sie ein "schlechtes Beispiel". Und bedauert, dass jetzt eine ganze Mädchengeneration einem falschen Vorbild nacheifern wird, dass es viele geben wird "denen das Wort 'Nutte' auf der Stirn steht." Er bedauert, dass jetzt alle ganz schnell nach ganz oben wollen - und das möglichst mühelos. "Aber so klappt das nicht. Zum Erfolg gehörten lange dunkle Stunden, mühsame Stunden und auch einsame Stunden."

"Keine Manieren, kein Anstand"

Er erträgt die jungen Burschen nicht, die das Geld ihrer Eltern herauswerfen, "die keine Manieren und keinen Anstand haben und glauben, ihnen gehört die Welt." So etwas akzeptiert er nicht, denn er hat immer gearbeitet. Dass er sich dadurch vielleicht Kunden vergrault, ist ihm egal. "Ich mache keine Kompromisse. Ich hätte vieles leichter erreicht, aber ich wollte nicht." Dafür ist er seiner Mutter dankbar, die ihm diese Gradlinigkeit beigebracht hat. Von ihr hat er auch gelernt, die Menschen zu respektieren: "Ich achte die Arbeit eines jeden Menschen - auch die der Putzfrau, ohne die es bei mir nicht sauber wäre." Diese Einstellung hätte ihm im Leben viel geholfen, erzählt Catalin.

Diese Einstellung schätzen auch seine Kundinnen. "Wenn es um eine Abendrobe geht, um etwas, worin man auffallen will, dann bin ich die erste Adresse. In meinem Kleidern steht man im Mittelpunkt", erklärt Catalin. Er ist stolz darauf, dass von ihm noch nie jemand unzufrieden wegegangen sei. "Ich frage, welches Budget die Frauen haben. Und ich mache jeder ein Kleid, ich sage nicht: Wenn du diese Summe nicht hast, dann kannst du gleich wieder gehen. Zu mir kann jede kommen - und kriegt auch für 200 Euro noch ein Botezatu-Kleid." Dann sei halt der Stoff billig.

"Sie wollen nur mit mir ins Bett"

Doch die Erfolgsgeschichte kennt auch Schattenseiten. "Von dem Moment an, wo man sich entscheidet mit den Medien zu arbeiten, muss man auch lernen, eine öffentliche Person zu werden", erzählt Catalin. Aber nicht jeder kann das. Für ihn ist es ungeheuer schwierig, dass er als Trophäe gilt. "Die meisten wollen nur mit mir ins Bett oder auf ein Titelbild. Keine denkt daran, dass ich eigentlich auch ein Monster sein könnte - sie wollen durch mich nur ins Rampenlicht, koste es, was es wolle", klagt er. Dass vielleicht nur zwei Prozent ihn wirklich wollen, wie er ist - er genau diese zwei Prozent aber nie trifft. Weil er niemanden findet, bleibt er lieber allein. "Wenn ich dann doch endlich jemanden treffe, klammere ich mich so verzweifelt an diese Person, dass es nur schiefgehen kann."

Nach seiner letzten großen Enttäuschung hat es bei ihm "klick" gemacht, seitdem steckt er seine Energien nur noch in die Arbeit. Er eröffnete ein Restaurant, ihm gehört der nobelste Nachtclub der Stadt, er entwirft eine Möbellinie, designt Teppiche, Stühle und Geschirr. "Ich wollte von Frauen und Liebe nichts mehr wissen. Am kreativsten war ich, als ich am unglücklichsten war. Aber das Unglück hat mich auch dunkel gemacht." Catalin erzählt, dass er seitdem kein Vertrauen mehr in andere Menschen, in Freundschaft hat. Weil er niemandem vertraut, muss er alles selber machen. Er sucht die Models aus, bestimmt die Accessoires, die Schuhe, die Musik, die Choreographie, das Licht. "Ich will niemandem Rechenschaft ablegen. Ich kann auch nicht um Hilfe bitten. Selbst wenn ich am Boden zerstört bin und das Herz vor Kummer nicht mehr schlagen will - selbst dann bleibe ich stumm." Deshalb ist für Catalin auch nicht wichtig gewinnen zu können. "Wichtiger ist es, verlieren zu können - und zwar mit Würde."

"Hätte meine Seele verkauft"

In letzten Jahr war er sogar zu einem Pakt mit dem Teufel bereit. "Ich hätte meine Seele verkauft, mein Geld, meinen Ruhm, meine Karriere hergegeben - für ein bisschen Glück und Frieden. Ich hätte die Straße gekehrt, unter dem Gespött der Leute - wenn es geholfen hätte." Passiert ist nichts. Auch wenn er als strahlender Mittelpunkt des Bukarester High-Life nicht so wirkt, Catalin ist ein ziemlicher Einzelgänger. "Ich will niemanden mit meinem Geschichten belasten. Ich bin lieber allein und unglücklich, als diese schwarzen Gefühle mit jemand anderem zu teilen. Ich will ja auch nicht, dass man mir aus Höflichkeit zuhört." Da ist es wieder, das Problem mit dem Vertrauen: "Auch ich habe einmal geglaubt, dass ich Freunde habe, auf die ich mich verlassen kann. Ich habe viel risikiert - und viel verloren. Als ich mich davon erholt hatte wurde mir klar, dass ich alleine bin - und bleibe."

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