Saddam Hussein Das Ende des Tyrannen


Er war kaum tot, da gab es schon Streit um seine letzten Minuten und seine letzten Worte. Die Hinrichtung des irakischen Diktators Saddam Hussein kam für die einen zu früh, für die anderen zu spät, für die Nächsten war sie eine Provokation. An der schrecklichen Lage des Iraks ändert sein Tod nichts.
Von Christoph Reuter

Ein Missverständnis. Saddam Husseins Hinrichtung war ein einziges großes Missverständnis. Darauf läuft es hinaus. Wie so oft im Leben des ehemaligen irakischen Diktators. Wie so oft, wenn die Welt versuchte, sich auf ihn einen Reim zu machen.

Falls irgendwer wirklich glaubt, dass die Exekution im Morgengrauen des 30. Dezember 2006 ein "Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie" (George W. Bush) gewesen ist, ein Akt der nationalen Versöhnung für den Irak und der Aufarbeitung von Saddams Verbrechen, so wird er bald merken: Diese Hinrichtung war nichts von alledem. Sondern das vollkommen legale Ergebnis eines Prozesses, dessen Vollzug dennoch den Gedanken aller Gesetze widerspricht, die das Tribunal gegen Saddam und seine Entourage erst ermöglicht haben.

Wer lebend im Gericht erschien, wurde gehört

Dabei verlief das erste Verfahren gegen ihn, das vor zwei Monaten mit einem Todesurteil zu Ende ging, ziemlich fair, abgesehen von der Ermordung dreier Verteidiger und eines Zeugen. Wer von den Zeugen den Gerichtsbunker lebend erreichte, wurde gehört und von der Verteidigung ins Kreuzverhör genommen. Nicht alle Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, einer durfte das Gericht sogar als freier Mann verlassen (wobei seine Lebenserwartung im Gefängnis weit höher gewesen wäre, als sie auf Bagdads Straßen sein wird). Und akzeptiert man, dass staatlich verordnetes Töten erlaubt ist, erfüllte kaum jemand trefflicher die Anforderungen der Todesstrafe als Saddam Hussein.

Doch welchen Sinn hatte dieses Tribunal in der jetzigen Situation? Die Sunniten, von denen sich nach seiner Beisetzung im Ort Ouja bei Tikrit einige Tausend zum Protest zusammenfanden, werden sich bestätigt sehen in ihrem Glauben: dass Amerikaner und Schiiten ihnen die seit Jahrhunderten ausgeübte Herrschaft übers Zweistromland genommen haben und sie unterdrücken, vertreiben, ausmerzen wollen. "Die Perser haben ihn umgebracht", nannte es einer der Demonstranten in Anspielung auf die iranischen Verbündeten der Regierung, "Unfassbar! Wir werden ihn rächen!" Die Schiiten wiederum werden sich darin bestätigt sehen, dass der Irak ihnen gehört, und damit fortfahren, ihn unter ihre Kontrolle zu bringen.

In einem Land, in dem Todesschwadronen so ziemlich jeder Couleur Jagd auf echte wie vermeintliche Feinde machen, konnte das Verfahren nur den Bürgerkrieg eskalieren lassen. Egal, wie es ausgehen würde. Die meisten Sunniten wären höchstens mit einem Freispruch zu überzeugen gewesen. Die meisten Schiiten fanden schon die Präsenz eines Verteidigers für die Angeklagten suspekt und die gewohnte Justizform, also Schnelltribunal, erschießen, vielleicht vorher foltern vertrauenerweckender. Alles andere als ein Todesurteil hätte sie weiter aufgestachelt.

Über Husseins letzte Worte herrscht Uneinigkeit

Jede Fraktion des Bürgerkriegs mordet nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung. Über nichts gibt es mehr eine Verständigung im Irak. Nicht mal über das Ende des Diktators und seine letzten Worte: Haben seine schiitischen Bewacher ihn in der Nacht zuvor daran gehindert, zum letzten Mal zu schlafen, als Saddam sich um ein Uhr früh, fünf Stunden vor seiner Exekution, zur Ruhe hinlegen wollte? Hat er die Henkersmahlzeit, ein gekochtes Huhn, ausgeschlagen und stattdessen um eine letzte Zigarette gebeten - vergebens? War ein ängstliches Flattern in seinen Augen zu sehen, wie einer der Augenzeugen der Hinrichtung danach erzählte? Oder ist er wie ein Mann und Märtyrer gestorben, wie seine Tochter im Exil am Bildschirm beobachtet haben will?

Saddam war kaum tot, da kursierten schon die unterschiedlichsten Varianten dessen, was er gesagt hatte, bevor der Strick sein Genick brach: "Nieder mit den Verrätern, den Amerikanern, den Spionen und den Persern", behaupteten die einen. "Ohne mich ist der Irak nichts", wussten die Nächsten. Doch auf den wackeligen Filmbildern der Hinrichtung spricht er nur die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ...", da öffnete der Henker die Klappe.

Ist die Vollstreckung des Urteils wenigstens ein Akt der Sühne? Vielleicht wäre sie es geworden, hätte die irakische Regierung nicht das Verfahren zur Farce gemacht: Saddam Hussein wurde für das vergleichsweise geringste seiner Vergehen verurteilt, die Hinrichtung von 148 Bewohnern der Ortschaft Dujail 1985 als Reaktion auf einen Anschlag drei Jahre zuvor. Alle anderen Verfahren - wegen der Mordanschläge gegen die Kurden in den Achtzigern oder der Massaker nach dem Aufstand am Ende des Golfkriegs 1991 - alle anderen Verfahren müssen nun ohne den Hauptbeschuldigten auskommen. Und auf dessen Befehlsgewalt können sich alle Untergebenen berufen.

Am Tag nach Saddams Tod beklagten kurdische Politiker im Nordirak bereits, die Hinrichtung sei "Teil einer gegen das kurdische Volk gerichteten Verschwörung". Denn nun wird der Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabja, werden die Zehntausende Opfer auf kurdischer Seite kein Verfahren mit dem Verantwortlichen mehr bekommen. Man stelle sich vor: In Deutschland hätte es nach 1945 anstelle der Nürnberger Prozesse nur ein Verfahren gegeben. Für die Annexion des Sudetenlandes, danach ein paar Hinrichtungen und dann Schweigen.

In einem Prozess um die Massaker in Kurdistan wären die peinlichen Details amerikanischer Unterstützung für Saddam erörtert worden. Und wie Washington damals versuchte, selbst den Giftgasangriff 1988 auf Halabja dem Iran in die Schuhe zu schieben. Doch es musste schnell gehen mit Saddams Tod. Premierminister Nuri al-Maliki drängte auf die Exekution und ließ Stunden danach Saddams Leiche in seinen Büroräumen ausgewählten Gästen präsentieren: als große Trophäe seiner ansonsten bislang glücklosen Amtszeit.

Es war eben ein Missverständnis zu glauben, mit Saddams Hinrichtung werde ein neues Kapitel irakischer Geschichte eröffnet. Stattdessen verströmt sie den Hautgout irakischer Tradition. Denn dort scheint erst das Umbringen des Vorgängers dem Nachfolger die nötige Autorität des Amtes zu verleihen.

Als die irakischen Militärs 1958 nach einer Reihe vergeblicher, brutal niedergeschlagener Aufstände erfolgreich putschten, prägten sie den Stil für die kommenden Jahrzehnte: Hatte Ägyptens Putschgeneral Nasser den abgesetzten König Faruk 1952 noch auf dessen Yacht friedlich ins Exil schippern lassen, endete Iraks letzter König sechs Jahre später als verstümmelte Leiche in den Straßen Bagdads. Sein Nachfolger wurde hingerichtet, einer von dessen Nachfolgern starb beim Hubschrauberabsturz. Putsch folgte auf Putsch, und der größte Fehler, den ein Diktator begehen konnte, war, gegenüber möglichen Rivalen zu milde zu sein und sie nicht alle umzubringen.

Saddam bestritt die Todesurteile nicht

Im Prozess bestritt Saddam nicht, die Todesurteile gegen die Bewohner von Dudschail verhängt zu haben. Er beharrte darauf, als irakischer Staatschef nur das getan zu haben, was man als solcher eben tun müsse, wenn das Land nicht in mörderischer Anarchie versinken solle. Seine Verteidigung verfing nicht vor den Richtern. Aber die Lage im Land schien ihm mit jedem Tag mehr recht zu geben.

So musste Saddam Hussein sterben, als er einmal die Verhältnisse treffend einschätzte - während er sich in den zweieinhalb Jahrzehnten vor seinem Sturz ein ums andere Mal dramatisch verkalkuliert hatte und trotzdem die Macht behielt: Kaum hatte er sich 1979 zum Präsidenten erklärt, ließ er seine Divisionen im Iran einfallen in der Annahme, dem durch die Wirren der Revolution geschwächten Nachbarn den ölreichen Süden entreißen zu können. Was als Blitzkrieg geplant war, wurde ein acht Jahre währender Stellungskampf, der die Grenze nicht um einen Millimeter verschob, der Hunderttausende auf beiden Seiten das Leben kostete und aus dem reichen Irak ein Land mit Auslandsschulden in Milliardenhöhe machte. Das feierte Saddam 1988 als Sieg, auch wenn er weder die Schulden zurückzahlen noch seine auf eine Million Mann aufgeblähte Armee beschäftigen konnte.

Als sei es das Grundmuster seines Lebens, sich mit fieberhafter Flucht nach vorn aus jeder ausweglosen Lage zu retten, in die er sich zuvor hineinmanövriert hatte, überfiel Saddam im August 1990 Kuweit. Die alliierten Streitkräfte verwandelten die "Mutter aller Schlachten" in die größte aller Niederlagen. Aber als im März 1991 eine Revolte losbrach und binnen Tagen 14 der 18 irakischen Provinzen in die Hände der Aufständischen fielen, überließen die Amerikaner jene Unglücklichen, die den Rebellionsaufrufen von George Bush senior gefolgt waren, Saddams Republikanischen Garden. Nur er hielt das Kunstgebilde Irak nach Jahrzehnten der Diktatur zusammen, bewahrte seine Bewohner gewaltsam vor dem Ausbruch jener Bestialität, die er selbst gezüchtet hatte.

Ein Missverständnis besiegelte sein Schicksal

Erst sein Missverständnis, die CIA für allwissend zu halten, besiegelte sein Schicksal: Jahrelang ließ er die Welt in dem Glauben, er besitze Massenvernichtungswaffen. Damit wollte er den Angstgegner Iran abschrecken. Und er dachte, die CIA wisse bestimmt, dass er nur bluffe. Aber die CIA wusste nichts. Und George W. Bushs Regierung erlag ihrerseits dem Missverständnis, die Iraker würden die US-Truppen mit Blumen begrüßen, sich freudig unterwerfen und hernach eine prosperierende Demokratie nach amerikanischem Vorbild und mit israelischer Botschaft errichten.

Dieses Missverständnis hat ein Inferno entfesselt, dessen Kräfte niemand mehr zu kontrollieren vermag. Bislang hat es 3000 US-Soldaten und mehr als 100.000 Iraker das Leben gekostet. Für den weiteren Verlauf spielte Saddam Hussein ohnehin kaum noch eine Rolle.

So viele Missverständnisse.

Ist das zynisch? Vielleicht. Es ist der angemessene Tonfall. Angemessen der Ignoranz einer Welt, die bei Saddam noch einmal aufmerkt, aber sonst längst das Interesse am tagtäglichen Grauen im Irak verloren hat. Die sich schulterzuckend abwendet von den Millionen Irakern, die nur leben wollen, aber von einem Albtraum in den nächsten gestürzt worden sind.

Deshalb sei an dieser Stelle an einen anderen Iraker erinnert, der vier Tage vor Saddam Hussein starb. Ein junger Journalist, der auch für den stern arbeitete und für eine freie Presse in einem freien Irak eintrat und jenen Mut und jene Aufrichtigkeit besaß, wie sie für eine Demokratie lebenswichtig sind. Der ums Leben kam, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort stand, an einer Straßenecke in Bagdad.

Ein Bombensplitter zerschmetterte den Schädel von Yassin al Duleimi, der seine kleine Tochter liebte und seinen trockenen Humor pflegte. Der so gewissenhaft wie furchtlos war zu berichten, was in seinem Land geschieht. Der auch noch weitermachte, nachdem US-Soldaten grundlos sein Haus gestürmt und seinen Computer zerschlagen hatten; nachdem Milizionäre seinen Vater und einen seiner Brüder verhaftet und gefoltert hatten und erst halb tot ziehen ließen. Der ein guter Journalist, ein wunderbarer Mensch und, ja, ein irakischer Patriot war. Der ein rechtschaffenes Land mit aufbauen wollte. Der viel mehr Zeilen wert gewesen wäre als Saddam Hussein.

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