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Seeräuber vor Afrika: Kampf gegen die Hightech-Piraten

Vor der Küste Somalias terrorisieren Seeräuber die Handelsschifffahrt. Sie agieren zunehmend professioneller und skrupelloser. So haben sich Piraten jüngst in einen Server des Maritimen Sicherheitscenters der EU gehackt und versucht, ahnungslose Schiffe auf falsche Routen zu locken.

Von Manuela Pfohl

Wieder ist ein Handelsschiff in den Händen von Piraten. Der deutsche Tanker Longchamp wurde am Donnerstag im Golf von Aden gekapert. Ihm wurde offenbar zum Verhängnis, dass er nicht in einem von Kriegsschiffen bewachten Konvoi fuhr. Doch selbst Schiffe, die sich auf das maritime Sicherheitscenter der Europäischen Union (MSCHOA) verlassen, sind vor Überfällen nicht sicher. Dann nämlich, wenn - wie jüngst geschehen - Piraten den EU-Server manipulieren, über den sich Handelsschiffe über die Bedrohungslage und sichere Fahrtrouten am Horn von Afrika informieren können. Nach Erkenntnissen des US-Geheimdienstes CIA hatten Piraten den Server Mitte Januar mit Trojanern verseucht, was dazu führte, dass ahnungslose Schiffe in die falsche Richtung geschickt wurden, direkt in die Arme der Piraten. Roland Vogler-Wander vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam bestätigte den Vorfall. Es sei durch diese Manipulation seines Wissens aber zu keiner Schiffskaperung gekommen, sagte Vogler-Wander stern.de.

Der von Piraten gekaperte deutsche Flüssiggastanker "Longchamp" befindet sich inzwischen in somalischen Küstengewässern, sagte der Sprecher des Internationalen Schifffahrtsbüros (IMB), Cyrus Mody, in London. Um die Sicherheit der Besatzung nicht zu gefährden, werde die genaue Position des Tankers nicht bekanntgegeben.

"Mission Atalanta ist erfolgreich"

Die Piraten hatten das rund 3500 Tonnen - Schiff am frühen Donnerstagmorgen im Golf von Aden in ihre Gewalt gebracht. Nach Darstellung der Hamburger Reederei Bernhard Schulte war es gemeinsam mit anderen Schiffen im Golf von Aden unterwegs. Dabei handelte es sich um eine Gruppe, die von einem indischen Kriegsschiff begleitet wurde, sagte ein Unternehmenssprecher. Um die Sicherheit von Schiff und Besatzung sicherzustellen, habe die MS «Longchamp» rund 16 Stunden gewartet, bis sie sich der Gruppe anschließen konnte. Zudem seien die Koordinationsstelle für die alliierten Kräfte in der Region (UKMTO) sowie die Reederei in Hamburg informiert gewesen. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam erklärte gegenüber stern.de, das Schiff sei zunächst für die Fahrt in einem Konvoi angemeldet gewesen, der von einem deutschen Kriegsschiff begleitet wurde. Zum vereinbarten Zeitpunkt sei das Schiff aber nicht da gewesen. Zur aktuellen Situation der "Longchamp" verwies der IMB-Sprecher in London auf die Eigner des Schiffes. Bisher sei die IMB nicht gebeten worden, Kontakt mit den Piraten aufzunehmen.

Trotz der jüngsten Entführung wertet die deutsche Marine die EU- Mission "Atalanta" zum Kampf gegen die Piraterie als Erfolg. "Es ist zweifelsohne eine erfolgreiche Mission, auch wenn das jetzt mit Blick auf die "Longchamp" scheinbar anders aussieht", sagt der Kommandant der deutschen Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern", Kay-Achim Schönbach.

Christoph Kohlmorgen, Korvettenkapitän auf der Marine Logistikbasis in Djibuti stimmt dem zu und erklärt, dass die beiden deutschen Kriegsschiffe, die sich im Golf von Aden befinden, zum Zeitpunkt der Entführung, ungefähr 200 Kilometer von der Longchamp entfernt waren. "Da war keine Hilfe möglich." Stattdessen sei es aber gelungen in diesem Zeitraum zwei Piratenangriffe auf zwei andere Schiffe erfolgreich abzuwehren.

Piraten werden professioneller

Neben den vier Kriegsschiffen, die im Rahmen von Atalanta im Golf von Aden unterwegs sind, sind auch Schiffe vor Ort, die innerhalb der Operation Enduring Freedom eingesetzt wurden. "Dazu kommen noch die Schiffe, die von einzelnen Staaten in die Region geschickt wurden, um die jeweils eigenen Handelsschiffe zu begleiten", zählt Kohlhagen auf. Insgesamt ist laut MSCHOA eine Flotte von mindestens 14 Schiffen aus den USA, China, Indien, Russland, der Europäischen Union und anderen Ländern im Seegebiet. Demgegenüber steht allerdings, dass das gesamte Einsatzgebiet ungefähr achtmal so groß ist, wie die Bundesrepublik.

Dass der Kampf gegen die Piraterie vor der Küste Somalias schwierig ist, erkläre sich aber auch damit, dass Piratenschiffe zumindest von Weitem nicht eindeutig als solche identifizierbar seien. Bislang seien Angriffe von Booten aus erfolgt, die auf den ersten Blick aus normale Fischerboote sein könnten. Erst aus der Nähe seien sie an schwereren Motoren, der Bewaffnung, Leitern und ähnlichem "Piratenzubehör" zu erkennen.

Tatsächlich hat auch die Qualität der Angriffe in jüngster Zeit zugenommen. Das bestätigt Vogler-Wander vom Einsatzführungskommando in Potsdam. Er meint: "Inzwischen sind die Piraten professioneller geworden. Sie greifen im Schwarm an. Die Bewaffnung hat zugenommen und auch die Skrupellosigkeit, mit der sie vorgehen."

Aussicht auf Millionengewinne

Jede erfolgreiche Entführung bringt den Piraten Geld, das in neue effektivere Waffen, schnellere Boote und bessere Logistik investiert werden kann. Die Aussicht auf Millionengewinne ist für Rebellen und Milizen am Horn von Afrika mehr als verlockend und hat zur Entwicklung einer regelrechten Piratenindustrie geführt, erklärt Matthias Soyka vom Hamburger "Hafenreport", der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Zwischen dem Horn von Afrika und der jemenitischen Küste lauern nach Schätzungen rund 1000 Freibeuter auf fette Beute. Gesteuert werden sie von der somalischen Küste aus, wo die Piraterie für einen regelrechten Wirtschaftsboom gesorgt hat. Die Hintermänner sitzen nach Einschätzung von Experten in Nairobi, Dubai oder London im Trockenen.

Der FDP-Verteidigungspolitiker Rainer Stinner hat die Bundesregierung aufgefordert, die Möglichkeiten des Anti-Piraterie-Mandats endlich voll auszuschöpfen. "Wir dürfen die Piraten nicht nur vertreiben, wir müssen sie bekämpfen", sagte Stinner der "Passauer Neuen Presse". Zu dem neuen Fall von Piraterie vor der somalischen Küste sagte er: "Die deutsche Marine sollte hier alles tun, um das deutsche Schiff und seine Besatzung aus der Gewalt der Piraten zu befreien." Die defensive Begleitung von Schiffen reiche zu ihrem Schutz nicht aus. Eine Bewaffnung von Handelsschiffen ist derzeit nach deutschem Recht nicht erlaubt.

  • Manuela Pfohl