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Seligsprechung: "Alles nur Habsburger Geschichtsklitterung"

Seit Tagen erhitzt die angekündigte Seligsprechung von Kaiser Karl I., für Monarchisten ein "vorbildlicher Christ", die Gemüter in Österreich. Republikaner begegnen dem Akt des Vatikans mit Zynismus.

Mehr als 10 000 Pilger aus dem Alpenland werden am kommenden Sonntag auf dem Petersplatz stehen, wenn Papst Johannes Paul II. Österreichs letzten Kaiser in den Reigen der Seligen aufnimmt. Rund 200 Mitglieder der Familie Habsburg haben ihre Teilnahme an der Zeremonie zugesagt. Und selbst der umstrittene Bischof von St. Pölten, Kurt Krenn, der im Juli vom Vatikan nach dem Sex-Skandal in seinem Priesterseminar entmachtet wurde, will dabei nicht fehlen.

Erhitzte Gemüter

Die Seligsprechung des 1922 im Alter von 35 Jahren gestorbenen Kaisers Karl I. erhitzt die Gemüter in Österreich. Der religiöse Akt des Vatikans beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen der Tagespresse, Rundfunk und Fernsehen brachten ausführliche Sondersendungen. Obwohl das Land die Monarchie 1919 offiziell abgeschafft hat, wird das ORF-Fernsehen Live über die Zeremonie berichten. Sehr zum Leidwesen der überzeugten Republikaner, die für den Hochadel nichts übrig haben.

Bereits seit 55 Jahren arbeitet die "Kaiser Karl Gebetsliga", deren amtierender Präsident Bischof Krenn ist, in Österreich an dem Projekt "Seligsprechung". Ihre Repräsentanten sind überzeugt, dass der fromme Monarch Karl, der im Exil auf Madeira starb, das Leben eines Heiligen führte. Er soll sogar ein Wunder vollbracht haben, das ihm den Status eines Seligen garantierte: Eine brasilianische Nonne, so heißt es, sei 1960 von ihren Krampfadern geheilt worden, nachdem sie von dem toten Ex-Kaiser Hilfe erfleht hatte.

Außerdem ging Karl I. täglich bis zu drei Mal zur Kommunion. "Er besiegelte seine Einswerdung mit Christus durch sein Lebensopfer für seine Völker", heißt es in einem Gebetsbüchlein der "Gebetsliga", in der Karls Gattin Zita eine führende Rolle spielte.

Doch ausgewiesene Monarchie-Gegner finden für die Seligsprechung nur zynische Kommentare und sehen im Verhalten vieler Landsleute einen Beweis für das heimliche Liebäugeln der Gesellschaft mit der imperialen Vergangenheit. Für sie ist Karl I. alles andere als ein Heiliger. Immerhin habe er als Nachfolger von Kaiser Franz Josef (1916) den Einsatz von Giftgas in Italien zu verantworten. Zwar bemühte sich der junge Monarch, den Ersten Weltkrieg hinter dem Rücken seiner deutschen Bündnispartner zu beenden, doch versuchte er nach 1918 auch, die k.u.k. Monarchie zwei Mal von Ungarn aus zu restaurieren.

Republikanische Kaiser-Kritik

Kritiker werfen Karl I. vor, er habe die Republik Österreich nie anerkannt und nie abgedankt. Österreich schaffte nicht zuletzt deshalb alle Adelstitel ab und konfiszierte das Vermögen der Habsburger, die erst in den 60er Jahren wieder nach Österreich zurückkehren durften; allerdings nur nach einer offiziellen Verzichtserklärung des Kaisersohns Otto von Habsburg (91).

Die Seligsprechung Karls I. hat einmal mehr die zwiespältigen Gefühle der Österreicher gegenüber ihrer monarchistischen Vergangenheit offenbart. Bis heute wird etwa Otto von Habsburg in Österreich schlicht mit "Herr Habsburg" angeredet. Alles andere ist tabu. Öffentliche Aufregung und Empörung löste deshalb der Leiter des Wiener kunsthistorischen Museums, Wilfried Seipel, aus, als er von Habsburg dieser Tage mit den Worten "Kaiserliche Hoheit" begrüßte.

Anti-Monarchisten erregten sich allein über die Tatsache, dass der katholische Parlamentspräsident Andreas Khol als Vertreter Österreichs mit einer prominenten Delegation zur Zeremonie auf dem Petersplatz am Sonntag fährt. Khol ("das ist ein Sturm im österreichischen Wasserglas") sieht darin aber lediglich "einen Akt diplomatischer Höflichkeit". Immerhin würden auch aus Ungarn und der Slowakei, Teilen der alten Habsburger-Monarchie, Parlamentspräsidenten nach Rom kommen.

Doch Sozialdemokraten und Grüne witterten "anti-republikanische Umtriebe". So nannte der SPÖ-Fraktionsvorsitzende Josef Cap die Begründung der Seligsprechung "alles nur Habsburger Geschichtsklitterung". Die katholische Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, die ebenfalls nach Rom fliegt, nimmt dagegen die Habsburger in Schutz, denen "aus ideologischer Verblendung tiefes Unrecht geschehen" sei. Weniger dramatisch sieht dagegen der "Freiheitliche" Fraktionschef Herbert Scheibner die Diskussion um die Seligsprechung. Er meinte zu dem Medien-Rummel in der Alpenrepublik: "Ich bin dagegen, dass man die Familie Habsburg ständig madig macht, aber muss man sie deshalb gleich selig sprechen?"

"Vorbildlicher Christ"

Der Botschafter Österreichs beim Vatikan, Walter Greinert, verteidigte in einem Interview mit Radio Vatikan die Seligsprechung von Kaiser Karl I. Er habe tatsächlich Versuche unternommen, auf persönlicher Ebene gegen den Willen des deutschen Verbündeten und auch gegen den Willen seiner eigenen Regierung einen Friedensprozess einzuleiten, was ihm sehr viele Verleumdungen eingebracht habe. Bei der Seligsprechung werde nicht seine politische Rolle in den Vordergrund gestellt, sondern das, was er, als vorbildlicher Christ, Ehemann, Familienvater und Herrscher, tatsächlich geleistet habe. Hier wurde ihm nach vielen Jahrzehnten immer wieder bestätigt, dass er tugendhaft und heiligmäßig gelebt habe, sagte Greinert.

Christian Fürst/DPA / DPA