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Simbabwe: Mthokozisi allein zu Haus

Auf der Flucht vor Armut, auf der Suche nach Essen kämpfen sich viele Simbabwer durch den krokodilverseuchten Limpopo Richtung Südafrika. Zurück lassen sie ihre Kinder, die sich alleine durchs Leben schlagen müssen. Wie Mthokozisi. Er war vier, als ihn seine Eltern im Stich gelassen haben.

80 Prozent der Bevölkerung Simbabwes sind arbeitslos, geschätzte vier Millionen wissen nicht, wann sie das nächste Mal essen werden. Da bleibt vielen jungen Erwachsenen gar keine andere Wahl, als sich auf das Glücksspiel Südafrika einzulassen. Dort bietet das Leben mehr Chancen, dort ist mehr Geld zu verdienen. Dort ist vor allem überhaupt Geld zu verdienen. Mthokozisi Moyo ist acht Jahre alt und gehört zu der stetig wachsenden Gruppe, die von ihren Eltern im Tausch für den Traum vom besseren Leben zurückgelassen wurden. Seit ihrem Weggang hat er nichts mehr von ihnen gehört. Er trägt abgewetzte schmutzige Kleidung und ist so tieftraurig, dass er nur herumsitzt und keine Lust mehr hat, zu spielen. Das, was Kindheit eigentlich ausmachen sollte, wurde ihm geraubt.

Er und 147 andere Kinder treffen sich jeden Tag in einem Haus in Northvale, einem Vorort von Simbabwes zweitgrößter Stadt Bulawayo. Dort bekommen sie eine warme Mahlzeit. Die Hilfsorganisation World Vision Simbabwe hatte ein Projekt für Gemeinschaftsküchen ins Laufen gebracht. An vielen Ecken der Stadt wurde an Obdachlose, Mittellose und chronische Kranke täglich eine warme Mahlzeit ausgegeben; es sind nicht nur die Alten, die kommen, sondern auch die Jungen. 2145 Menschen, den Schutzlosesten der Stadt, wird in diesen Zentren geholfen. Jetzt ist diese Unterstützung in Gefahr. Die Regierung hat den internationalen Hilfsorganisationen diese Arbeit verboten.

Mthokozisi ist eines der Kinder, die jeden Tag in die Gemeinschaftsküchen kommen. Was er jetzt machen soll, weiß er nicht. Eigentlich betreut ihn seine 61-jährige verwitwete Großmutter, aber bei ihr leben auch noch neun weitere "Cousins", die ebenfalls von ihren Eltern im Stich gelassen wurden oder gar keine Eltern mehr haben.

"Mit vier Jahren haben mich meine Eltern im Stich gelassen"

"Ich habe immer Hunger", sagt Mthokozisi mit einer resignierten Stimme, in der die Traurigkeit unüberhörbar ist. "Mit vier Jahren haben mich meine Eltern im Stich gelassen und sind nach Südafrika gegangen. Sie sind nie zurückgekommen. Ich weiß noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch am Leben sind." Wilfred Mlay, Vizepräsident von World Vision Africa, sagt: "Wir sind eine Hilfsorganisation, die sich auf Kinder spezialisiert hat und sind aus diesem Grund in großer Sorge um fast 400.000 von ihnen, die wir eigentlich auch in diesem Monat durch unsere Aufbau- und Entwicklungsarbeit hätten unterstützen wollen."

Ausgedehnte Dürreperioden und wirtschaftliche Not sind daran schuld, dass der Zusammenhalt in Tausenden von Familien nicht mehr existiert. Ein rasanter Abstieg in bitterste Not und Hunger waren die Folge, und eine Lösung dieses Problems ist nicht in Sicht. Auf fast vier Millionen wird die Zahl der Simbabwer geschätzt, die der wirtschaftlichen und politischen Ausweglosigkeit entfliehen wollten. Ihr bevorzugtes Ziel ist Südafrika.

Doch auch dort sind sie nicht unbedingt willlkommen. Erst im Mai wurden die Nachbarn aus dem Norden vom aufgebrachten Mob durch die Straßen von Johannesburg geprügelt. 50 Menschen kamen bei der Gewaltorgie ums Leben, Zehntausende flohen zurück in die verarmte Heimat. Und auch der Staat Südafrika schiebt die Flüchtlinge ohne großes Wimpernzucken ab. Erst jetzt wieder wurden 450 Simbabwer über Nacht über die Grenze gebracht - darunter auch Frauen und Kinder, wie die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mitteilt. Die unfreiwilligen Rückkehrer waren erst in den vergangenen Tagen vor der politischen Gewalt in ihrer Heimat geflohen. Vor allem die Schlägertrupps des simbabwischen Staatschefs Robert Mugabe hatten Oppositionelle mit Gewalt dazu gezwungen, ihn als Präsidenten wiederzuwählen.

Selbst Grundnahrungsmittel kann sich niemand mehr leisten

In Mugabe-Land verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation täglich. Die Preise steigen in den Himmel, die Inflationstrate ist mit geschätzen 150.000 Prozent die höchste der Welt. Der Durchschnittsbürger kann sich selbst Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten. Hunger gehört für die Menschen zum Leben dazu, die Angst davor zu verhungern ist ein wahr gewordener Albtraum.

Sihle ist die Großmutter von Mthokizisi. "Früher", so erinnert sie sich, "konnte man sich in der Stadt immer etwas zu essen kaufen, selbst wenn auf dem Land Dürre herrschte. Aber das geht nicht mehr. Entweder gibt es keine Lebensmittel oder sie sind unerschwinglich. Und wegen Aids gibt es viele ältere Frauen in unserer Gemeinde, denen es genauso geht wie mir. Sie sind auf sich allein gestellt, haben viele kleine Kinder zu versorgen und wissen nicht, wie sie das bewerkstelligen sollen."

Ein sichtlich lethargischer Mthokozisi erzählt seine Geschichte weiter. "Keiner, weder meine Eltern noch meine Onkel, haben meiner Großmutter je Geld geschickt, um Essen, Kleidung oder Schulgebühren zu bezahlen. Und deshalb gehen wir auch nicht in die Schule. Das macht mich traurig. Ich verstehe einfach nicht, warum meine Eltern mich im Stich gelassen haben und mich leiden lassen. Meine Großmutter bemüht sich sehr, aber es ist auch für sie hart. Wir haben nichts zu essen im Haus und hungern. Manchmal wünsche ich mir, es wäre so wie früher, bevor meine Eltern weggingen, denn da hatten wir manchmal sogar ganz besonderes Essen, Fleisch, Brot und Zucker für den Tee."

720.000 Menschen soll geholfen werden

"Der Hunger hat meiner Familie Traurigkeit gebracht", sagt Mthokozisi und weint leise dabei. Eigentlich wollten die Hilfsorganisationen in den besonders instabilen Regionen und Gemeinden im kommenden Monat mit der Verteilung von Lebensmittelrationen an die Bedürftigen beginnen. 720.000 Menschen sollte so in Spitzenzeiten geholfen werden. Doch nun ist dieser Plan gefährdet. Mugabe hatte den Hilfsorganisationen ihre Arbeit kurzerhand verboten.

Seit Anfang Juni ist das so. Das Gesetz bezieht sich auf 33 lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen, die Lebensmittel und Wasser verteilen, sich um Bildungseinrichtungen, Kanalisation und Abfallbeseitigung, medizinische Versorgung und landwirtschaftliche Erschließung kümmern und mit ihren Aktivitäten eine wichtige Rolle im Überlebenskampf der Simbabwer und für das Gemeinwohl spielen.

Aber selbst wenn Hilfe ankommt, heißt das noch lange nicht, dass sie die Schwächsten der Schwachen erreicht: So hatten simbabwische Sicherheitskräfte vor der Wahl Lebensmittellieferung aus den USA für Schulkinder abgefangen und an Anhänger der Regierungspartei weitergeleitet. Allein Mitte Juni wurden Lkw mit 20 Tonnen Nahrungsmittel konfisziert, die eigentlich für die Kleinen gedacht waren. Die USA ließen über einen Sprecher den Vorwurf ausrichten, "den Hunger armer simbabwischer Kinder als Waffe gegen deren Eltern einzusetzen".

Dieser im Original englische Text ist mit Unterstützung von World Vision entstanden. Übersetzung: Gabriele Gugetzer, Bearbeitung: Niels Kruse

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