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Soziale Medien als Prognose-Instrument: UN bekämpft zukünftige Armut per Twitter

Lassen sich Arbeitslosigkeit, Seuchen und steigende Reispreise vorhersagen? Mithilfe sozialer Medien wissen die Vereinten Nationen von Notlagen, die erst in Zukunft eintreffen.

Von Sebastian Jannasch, New York

Es fühlt sich an, als wäre man geradewegs in das Büro eines Start-ups geraten, in dem junge Online-Visionäre am neuen heißen Ding von morgen tüfteln. Die Mitarbeiter hinter den Bildschirmen sind Anfang dreißig, tragen Jeans und T-Shirt, sie sitzen an blauen Tischen in einem Gemeinschaftsraum, an den Wänden kleben große Tafeln, um jeden Geistesblitz gleich festzuhalten. Fehlen nur noch Hängematte und bunte Sitzbälle. "Aber so etwas bekommen wir auch noch", sagt Robert Kirkpatrick. Kleiner Scherz.

Er ist nicht etwa Chef eines aufstrebenden Online-Unternehmens im Silicon Valley, sondern Leiter der Initiative Global Pulse der Vereinten Nationen (UN) in New York, jener internationalen Organisation, die vor allem für schleppende Bürokratie und langwierige Verhandlungen bekannt ist. Doch steife Etikette überlässt das Team den Diplomaten im nur wenige hundert Meter entfernten UN-Hauptquartier am East River. Bei Global Pulse in der Lexington Avenue nennt man sich nicht Abteilung, sondern Innovationslabor. Seine Aufgabe: Es soll der UN-Entwicklungsarbeit ein Update für das digitale Zeitalter verpassen.

Hilfe aufgrund von jahrealten Informationen

Während der Online-Handel und Werbefirmen das Internet schon lange mit ausgefeilten Programmen durchkämmen, um mehr über Wünsche und Gewohnheiten ihrer Kunden zu erfahren, entdeckt nun auch die Politik die digitalen Datenmassen - für humanitäre Zwecke. Den Anstoß gab 2009 eine Initiative von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon. Er wollte wissen: Wie betrifft die globale Wirtschaftskrise die Ärmsten in Entwicklungsländern? Doch es gab schlicht keine Daten, um die Frage zu beantworten. Bis dahin beruhten viele Hilfsprojekte auf Statistiken, die viele Jahre alt waren, und aus manchen Entwicklungsländern lagen gar keine gesicherten Informationen vor.

"Wenn Eltern aus Armut ihre Kinder heute aus der Schule nehmen und zum Arbeiten schicken, nützt es nichts mehr, wenn wir es in drei Jahren wissen. Dann ist es für das ganze Leben des Kindes zu spät", sagt Kirkpatrick, der Global Pulse leitet. Die Aufgabe seines Teams ist es nun, diese Lücken zu schließen und digitale Werkzeuge zu entwickeln, die Informationen in Echtzeit liefern, etwa über sich ausbreitende Krankheiten, Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen oder Engpässe bei Nahrungsmitteln.

20.000 Tweets aus dem Katastrophengebiet

Wie wertvoll die Kurznachrichten des sozialen Netzwerks Twitter sein können, zeigte sich 2012, als Taifun "Pablo" über den Philippinen wütete und schwere Schäden verursachte. Innerhalb von 36 Stunden werteten die UN und das Hilfsnetzwerk "Digital Humanitarians" mehr als 20.000 Tweets aus, um Verwüstungen zu entdecken, Überflutungen zu lokalisieren und die Stimmung in der Bevölkerung zu ermitteln. "Daraus wurde eine Karte erstellt, um herauszufinden, wo die Zerstörungen besonders verheerend waren, wo also die Hilfe zu erst hingeschickt werden musste", erzählt UN-Mitarbeiterin Imogen Wall, die den Einsatz der sozialen Netzwerke aus Manila koordinierte. Auf den Philippinen gibt es mehr Mobiltelefone als Einwohner. Mehr als 90 Prozent der Philippiner mit Internetzugang haben schon einmal Facebook benutzt, viele auch Twitter.

Ein Viertel der Menschen in Entwicklungsländern verfügt über Internet, 70 Prozent der Afrikaner haben ein Handy, wie eine aktuelle UN-Untersuchung zeigt. Aus diesem riesigen Informationspool können die internationalen Entwicklungshelfer für ihre Arbeit schöpfen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Selbst über drohende Arbeitslosigkeit lassen sich Prognosen aufstellen. Mit Hilfe einer Marketingsoftware, die eigentlich die Kundenzufriedenheit misst

"Ich mag den teuersten Reis" zählt nicht mehr

In Indonesien nutzte das Team von Global Pulse zwischen Juli 2010 und Oktober 2011 Twitter-Meldungen, um Rückschlüsse auf die Preisentwicklung von Reis zu ziehen. Das Ergebnis: Verstärkte Diskussionen auf dem Netzwerk über den Preis von Reis bilden relativ verlässlich tatsächliche Preisanstiege ab - und das Wochen vor der offiziellen Statistik. Politiker erfahren so schon viel früher von herannahenden Krisen und können Nahrungsmittel subventionieren.

In diesem Experiment wurde lediglich das Auftreten von Schlüsselbegriffen wie "Reis" oder "teuer" dokumentiert. Davon gab es reichlich, denn Jakarta ist weltweit die Stadt mit den meisten Tweets, wie Jennifer Poole von Global Pulse berichtet. In neuen Projekten wird nun eine ausgefeiltere Technik zum Einsatz kommen, die den Kontext genauer erkennt. So würde die Twitter-Meldung "Der Preisanstieg von Reis ist beängstigend" gezählt, während der Tweet "Ich mag den teuersten Reis am liebsten" nicht berücksichtigt werden würde. "Wir wollen auch die Stimmung eines Online-Beitrages erfassen", sagt Kirkpatrick.

"Leute wissen, wenn etwas im Unternehmen nicht stimmt"

Um herauszubekommen, ob sich mithilfe des Internets sogar Arbeitslosigkeit vorhersagen lässt, führten die digitalen Entwicklungshelfer von 2009 bis 2011 eine Untersuchung von fast einer halben Million Online-Dokumenten durch. Dafür nahmen sie Blogs und Foren in den USA und Irland unter die Lupe. Und tatsächlich: Veränderungen in der herausgefilterten Stimmung gingen bevorstehenden Entlassungswellen voraus. "Bereits fünf Monate vor zunehmender Arbeitslosigkeit, ließ sich in Irland ein Anstieg von ernsthafter Besorgnis um den Arbeitsplatz messen. Die Leute wissen, wenn etwas im Unternehmen nicht stimmt", so Kirkpatrick.

Für seine Arbeit ist das Team von Global Pulse auf ein Netzwerk von Universitäten und Unternehmen angewiesen. Gerade Daten, die für die Entwicklungsarbeit relevant sind, schlummern oft auf Servern privater Unternehmen wie Telekommunikationsanbietern. Deshalb versucht Global Pulse, Zugang zu diesem Datenschatz zu erhalten. Vergangenes Jahr wirkte Global Pulse am Wettbewerb "Data for Development" mit. Der französische Mobilfunkriese Orange stellte Forschern dafür 2,5 Milliarden Mobilfunkdaten aus der Elfenbeinküste zur Verfügung. Diese wurden zuvor anonymisiert und von IT-Spezialisten der Universitäten Cambridge und Pierre et Marie Curie in Paris getestet, um es Hackern unmöglich zu machen, Rückschlüsse auf Einzelne zu ziehen.

Die Software stammt aus dem Marketing

Mobilfunkdaten sind für die Entwicklungsarbeit auch deshalb eine wertvolle Quelle, weil anhand der Handyausgaben das Haushaltseinkommen zuverlässig abzuschätzen ist. "Wenn wir sehen, dass jemand bisher immer fünf Dollar im Monat aufs Handy lädt und dann auf einmal nur noch 10 Cent, ist das häufig ein Hinweis für Jobverlust oder Krankheit", sagt Kirkpatrick. Lassen sich solche Einschnitte in einer ganzen Region beobachten, können sie ein früher Indikator für steigende Armut sein. "Wissen wir davon in Echtzeit, lässt sich ein Abrutschen verhindern."

Zur Auswertung der Informationsberge muss Global Pulse keine eigenen Programme entwickeln. Denn die UN-Organisation arbeitet mit Firmen wie Crimson Hexagon oder dem SAS Institute zusammen, die über entsprechende Software verfügen. Eigentlich ist sie dafür gedacht, die Wirkung von Marken im Netz zu untersuchen. Kirkpatrick nennt ein Beispiel: "Wenn Apple im September sein neues iPhone herausbringt, wird das Internet damit systematisch nach Reaktionen durchsucht." Die Software könne auch Abstufungen filtern, beispielsweise ob jemand das neue Smartphone gut, super oder fantastisch findet. Statt der Beliebtheit von iPhones geht Global Pulse Reispreisen oder Malaria-Fällen nach.

Nützliche, digitale Rauchzeichen

Kritikern, die die Auswertung von sozialen Netzwerken für wenig repräsentativ halten und eine Entfernung von der Vorortarbeit fürchten, entgegnet Direktor Kirkpatrick: "Unsere Erkenntnisse sollen die Recherchen vor Ort nicht ersetzen und können auch kein umfassendes Bild liefern. Sie sind aber eine weitere Informationsquelle, die den Vorteil hat, sehr schnell und günstig Daten zu liefern", sagt er. Die gesammelten Informationen seien wie "digitale Rauchzeichen", die man nutzen könne, um rechtzeitig Hilfsprogramme zu starten. "Noch stecken die Programme in den Kinderschuhen, aber sie haben sehr viel Potential."

Bei allen seinen Projekten teilt das Team von Global Pulse eine weitere Eigenschaft mit Start-ups aus der Privatwirtschaft: die Geldnot. Es hat keinen Zugang zum UN-Budget, sondern ist auf Zuwendungen von einzelnen Staaten und Stiftungen angewiesen. "Das stärkt aber den unternehmerischen Geist und hält uns wach", sagt Leiter Kirkpatrick. Denn eines wollen sie bei Global Pulse auf keinen Fall: als Verwaltungseinheit im UN-Apparat untergehen.