Sudan Nirgendwo sind mehr Menschen in Gefahr


In Darfur sind weit mehr als die bisher angenommenen 70.000 Menschen dem Krieg zum Opfer gefallen. Die UN warnt, dass ein Massensterben von vielen Millionen nicht abzuwenden sei, wenn der Sudan nicht mehr Hilfe bekomme.

Der UN-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten, Jan Egeland, kam mit schockierenden Nachrichten von seiner viertägigen Erkundungsmission in Darfur zurück. In der westsudanesischen Krisenregion seien nach seinen Einschätzung deutlich mehr Menschen ums Leben gekommen als bisher angenommen. Bislang wurde die Zahl der Todesopfer auf 70.000 geschätzt. Die Schätzung von vergangenem März sei nach Egelands Ansicht aber wenig hilfreich. "Sind es drei Mal so viele? Sind es fünf Mal so viele? Ich weiß es nicht, aber es sind insgesamt mehrere Mal 70.000 Menschen gestorben", so der UN-Gesandte.

Eine genaue Zahl der Todesopfer zu nennen sei laut Egeland vor allem deswegen unmöglich, weil sich Angriffe meist dort ereigneten, wo sich UN-Mitarbeiter gerade nicht aufhielten. Auch die Zahl der Flüchtlinge in der Region sei nach UN-Angaben gegenüber dem vergangenen Jahr auf zwei Millionen gestiegen. Auf der Flucht starben die meisten Menschen an Krankheiten wie Durchfall oder Lungenentzündung.

Mehr als sechs Millionen Menschen wurden vertrieben

In Darfur kommt es seit 2003 immer wieder zu Kämpfen zwischen Rebellen und von der Regierung unterstützten Reitermilizen. Der Konflikt begann vor zwei Jahren mit dem Aufstand zweier schwarzafrikanischer Rebellengruppen gegen die von Arabern dominierte Regierung und die arabischen Reitermilizen. Letzteren wird vorgeworfen, die Bevölkerung mit Mord, Vergewaltigungen und Brandstiftungen zu terrorisieren. Die Regierung hat jegliche Verwicklung in den Konflikt stets zurückgewiesen. Die Vereinten Nationen haben die internationale Gemeinschaft wiederholt aufgerufen, Maßnahmen zur Abwendung der menschlichen Tragödie zu ergreifen.

Derzeit stehen in Darfur mehr Menschenleben auf dem Spiel als in irgendeiner anderen Region. Mehr als sechs Millionen Menschen seien aus ihren Dörfer vertrieben worden oder geflohen, so Egeland. "Das sind fünf Mal so viele Menschen wie die Betroffenen der Flutwelle am Indischen Ozean". Wenn Sudan nicht umgehend mehr internationale Hilfe bekomme, sei ein Massensterben und Leiden von vielen Millionen nicht mehr abzuwenden, warnte Egeland.

Soldaten könnten helfen

Während der Süden des Landes mehr finanzielle Mittel brauche, um das kürzlich geschlossene Friedensabkommen durchzusetzen, Rebellen zu entwaffnen und eine Infrastruktur nach jahrzehntelangen Kämpfen zu schaffen, fehle es in Darfur nach Einschätzung der UN vor allem an Soldaten. Derzeit seien in der westsudanesischen Krisenprovinz, die die Größe Frankreichs hat, nur 2000 Soldaten der Afrikanischen Union (AU) stationiert. "Hätten wir 10.000, würde sich die Situation erheblich verbessern", sagte Egeland. Nur mit einer stärkeren Truppe könne dem Morden und dem systematischen Vergewaltigen von Frauen und jungen Mädchen endlich Einhalt geboten werden.

Egeland appellierte an die AU, ihr Mandat für Darfur zu erweitern und mehr für den Schutz der Flüchtlinge und Vertriebenen zu tun. Derzeit setzten sich AU-Soldaten zwar für den Schutz der humanitären Helfer ein, verteidigten die Bevölkerung Darfurs aber nicht gegen Angriffe der arabischen Reitermilizen, kritisierte er. UN- Generalsekretär Kofi Annan hatte Anfang der Woche mit dem Sicherheitsrat über eine eigene UN-Truppe in Darfur gesprochen. Dagegen befürwortet Egeland die Verstärkung der AU-Truppe mit Soldaten aus Afrika und unter Umständen auch aus Nordamerika und Europa.

AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

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