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Folter-Bericht aus US-Gefangenenlager Guantánamo-Häftling berichtet von sexuellem Missbrauch


Schlafentzug, Kältekammer, sexueller Missbrauch: Das US-Gefangenenlager Guantánamo ist für harte Foltermethoden bekannt. Das Tagebuch eines Häftlings gewährt erschreckende Einblicke.

Guantánamo. Ein Name, der längst zum Synonym geworden ist für besonders rigide Haftbedingungen und unmenschliche Foltermethoden. Das Spezialgefängnis der amerikanischen Streitkräfte auf Kuba gilt als eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des US-Militärs.

Am Dienstag ist ein Buch erschienen, das erneut düstere Einblicke in das Gefangenenlager gewährt. Das Besondere: Der Autor sitzt noch immer in derselben Zelle, in der er sein Buch verfasst hat.

Es handelt sich um den Mauretanier Mohamedou Ould Slahi, für die USA ein Top-Terrorist. In Guantánamo ist er Gefangener Nummer 760. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war er von US-Militärs zunächst nach Jordanien, dann nach Afghanistan verschleppt worden. Schließlich kam er nach Guantánamo: Seit mehr als zwölf Jahren sitzt Slahi dort dest. Der Verdacht, er sei in die Planung der Anschläge verwickelt gewesen, hat sich nicht bestätigt, eine offizielle Anklage gab es bis heute nicht.

Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

Im Sommer 2005 schreibt Slahi auf, was er im Lager erlebt. Auf 466 Seiten, handgeschrieben, schildert er die Foltermethoden des US-Militärs. Der Bericht des Mannes, der in einem früheren Leben in Duisburg Elektrotechnik studiert hat, ist detailliert – und fällt ausgesprochen düster aus. Schlafentzug, Endlos-Verhöre, die Verlegung in eine Kälte-Kammer mit rund zehn Grad Celsius, Schläge und immer wieder Beleidigungen: Die Foltermethoden, mit denen Slahi zum Reden gebracht werden soll, sind ebenso vielfältig wie grausam.

"Plötzlich brach ein Kommandoteam, bestehend aus drei Soldaten und einem Schäferhund, in unseren Vernehmungsraum ein", beschreibt Slahi eine Szene. Zwei vermummte Männer hätten ihn ins Gesicht und in die Rippen geschlagen. "Verbindet dem Motherfucker die Augen, wenn er sich umschaut", habe einer gerufen, dann habe ihm jemand kräftig ins Gesicht geboxt, ihm eine Tüte über den Kopf gestülpt und ihn gefesselt. Ein anderes Folterteam hätte ihn dazu gezwungen, Salzwasser zu trinken. Später sei seine Kleidung von Hals bis zu den Knöcheln gefüllt worden.

Einem Bericht des "Spiegel" zufolge schildert Slahi in seinem Buch auch den sexuellen Missbrauch durch mehrere weibliche US-Beamte. Sie hätten ihn "in absolut entwürdigender Weise" zum Sex gezwungen, schreibt Slahi demnach.

Donald Rumsfeld ordnete die Folter an

Ein Jahr wurde Slahi eigenen Angaben zufolge an einem geheimen Ort von "Camp Echo" festgehalten. Selbst Vertreter des Roten Kreuzes, die sonst Zugang zu Guantánamo-Insassen haben und für bessere Haftbedingungen kämpfen, sei der Zutritt "aus militärischer Notwendigkeit" verwehrt worden.

Besonders brisant: Das Sturmkommando folgte mit seinen harten Foltermethoden einem Beschluss von ganz oben: Donald Rumsfeld selbst war mit der Akte vertraut. Der ehemalige US-Verteidigungsminister hatte angeordnet, den Druck auf den mutmaßlichen Al-Kaida-Verschwörer zu erhöhen.

CIA-Verhörmethoden noch brutaler als bekannt

Damit die Aufseheher ihn schonender behandeln, hat Slahi in der Haft eigene Strategien entwickelt: "Ich habe mich immer ängstlicher gegeben, als ich in Wirklichkeit war", schreibt er. Zu seiner Familie durfte Slahi erst Jahre nach seiner Inhaftierung erstmals wieder Kontakt aufnehmen. Sein Bruder Yahdih Ould Slahi, der in Düsseldorf lebt, ist von der Unschuld seines Bruders Mohamedou überzeugt: "Er weiß, dass er unschuldig ist, deswegen hat er durchgehalten", sagte er bei der Vorstellung des Tagebuchs in London. Von der Inhaftierung Slahis in Guantanamo hat die Familie erst durch einen Bericht im "Spiegel" erfahren.

Ob der Bericht von Mohamedou Ould Slahi der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht überprüfen. Doch erst vergangenen Monat schilderte ein Senatsbericht die CIA-Verhörmethoden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als weit brutaler als bisher bekannt.

las/DPA DPA

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