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Terror in Mumbai: Der Albtraum ist noch nicht vorbei

Mumbai kommt auch mehr als 48 Stunden nach Beginn der Anschlagsserie noch nicht zur Ruhe. Ein versprengter Attentäter befindet sich noch immer auf den Fluren des Taj Mahal Hotels und liefert der Armee ein tödliches Katz- und Maus-Spiel. Zuvor war im jüdischen Zentrum eine Befreiungsaktion blutig zu Ende gegangen.

Bei der blutigen Anschlagsserie in Mumbai sind nach derzeitigem Stand knapp 200 Menschen ums Leben gekommen. Darunter befinden sich nach Angaben der indischen Behörden elf Ausländer, vier davon sind Deutsche. Experten des Bundeskriminalamts sind dem Vernehmen nach an der Identifizierung der Leichen beteiligt. Auch unter den 22 ausländischen Verletzten sollen drei Deutsche sein. Bereits am Donnerstag war bekannt geworden, dass ein Müncher Medienunternehmer ums Leben gekommen ist.

Anders als zunächst gemeldet, haben die Sicherheitskräfte das Hotel Taj Mahal aber noch nicht unter Kontrolle. Dort hält nach Angaben des Befehlshabers ein einzelner Attentäter, der zwei Geiseln in seiner Gewalt haben soll, Hunderte Einsatzkräfte in Atem. In dem historischen Hotel befanden sich angeblich noch große Mengen Sprengstoff. Bei der Befreiungsaktion im Nariman-Gebäude, in dem sich ein jüdisches Zentrum befindet, wurden zwei Terroristen getötet. Fünf von acht Geiseln wurden tot aufgefunden - darunter auch ein Rabbiner-Ehepaar. Ein festgenommener Terrorist berichtete laut dem Sender NDTV, rund 40 Komplizen seien an den Angriffen beteiligt gewesen, die meisten von davon kämen aus Pakistan.

Im Taj Mahal waren während des Tages wiederholt Detonationen zu hören, immer wieder brachen auf einzelnen Etagen Brände aus. Das Hotel wurde Zimmer für Zimmer durchkämmt. Der Befehlhaber der Einsatzkräfte sagte, er habe in dem Gebäude 50 Leichen entdeckt. Ein zu allem entschlossener und skrupelloser Extremist narre dort seit vielen Stunden die Einsatzkräfte, die das Gebäude nicht so gut kennen wie der Täter. "Er bewegt sich in zwei Stockwerken hin und her", berichtete der Einsatzleiter. Besonders kritisch sei eine Tanzfläche, die völlig im Dunkeln liege. Zuvor hatte die indische Elite-Truppe National Security Guard (NSG) das umkämpfte Luxushotel Oberoi Trident unter Kontrolle gebracht und auch dort 24 Tote gefunden. Laut NSG-Kommandant J.K. Dutta wurden zwei der Terroristen im Hotel getötet, 15 Polizisten und zwei NSG-Soldaten kamen nach Informationen der "Times of India" ums Leben.

Am Nachmittag brachten Elite-Truppen das Nariman-Gebäude nach eigenen Angaben unter ihre Kontrolle. Allerdings ist die Operation dort noch nicht beendet. Fünf Geiseln wurden tot aufgefunden, die Soldaten erschossen nach eigenen Angaben zwei der Terroristen. Auf den Straßen vor dem Gebäude feierten die Menschen schon das Ende der Terrorbedrohung. Doch die Polizei musste die vorzeitig Feiernden wieder vertreiben. Schon beim Beginn des Sturmangriffs auf das Gebäude im Süden Mumbais waren bizarre Szenen zu beobachten: Während sich Sicherheitskräfte vom Hubschrauber über dem Gebäude abseilten, wurden sie von Hunderten Schaulustigen beobachtet, viele mit Ferngläsern, etliche kletterten sogar auf Dächer.

148 Geiseln aus dem Oberoi befreit

Im Hotel Oberoi waren zuvor nach offiziellen Angaben 148 Geiseln befreit worden. Unter den Geretteten waren rund 20 westliche Mitarbeiter von Fluggesellschaften, darunter auch der Lufthansa. Zuvor waren bereits zwei deutsche Mitarbeiterinnen des Auswärtigen Amtes befreit worden. Frankreich entsandte ein Flugzeug nach Mumbai, mit dem alle Europäer aus der Terrorstadt ausgeflogen werden sollen.

Die Lufthansa teilte mit, alle ihre Mitarbeiter - drei Deutsche, eine Österreicherin und drei Inder - seien nun frei. Zwei von ihnen konnten am Morgen das Hotel Oberoi aus eigener Kraft verlassen. "Darüber sind wir sehr sehr glücklich", sagte Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow. Die Befreiten wurden in Kleinbussen in Sicherheit gebracht. Zuvor waren bereits etwa zwei Dutzend Menschen aus dem Gebäude gerettet worden. Unter den Befreiten war auch ein Baby. Die Mitarbeiterinnen des Auswärtigen Amtes (AA) sind unverletzt und inzwischen im deutschen Generalkonsulat in Sicherheit. Sie hatten sich auf Dienstreise in Mumbai und bereits vor Beginn der Attentatswelle in dem Hotel ein Zimmer bezogen, berichtete eine Sprecherin des AA in Berlin. Alle befreiten Deutschen werden von einem eingeflogenen Spezialteam psychologisch betreut.

Die mutmaßlich muslimischen Extremisten hatten Augenzeugenberichten zufolge mit ihren Anschlägen vor allem Amerikaner, Briten und Juden im Visier. Getötet wurden aber zum überwiegenden Teil Menschen, die zufällig in den Kugelhagel und die Handgranatenexplosionen geraten waren, also vor allem Einheimische. Die Angreifer waren nach Polizeidarstellung mit AK-47-Sturmgewehren und Handgranaten aus chinesischer Herstellung bewaffnet. Sie kannten sich im Süden der Stadt, wo die meisten Anschläge verübt wurden, sehr gut aus.

Verbindungen nach Großbritannien?

Die britischen Behörden untersuchen unterdessen nach Informationen der BBC Verbindungen der Terroristen von Bombay nach Großbritannien. Grund seien Berichte, wonach sich auch britische Staatsbürger unter den Attentätern befunden hätten.

Nach Angaben von Premierminister Gordon Brown gibt es dafür jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse. Sein indischer Kollege Manmohan Singh habe in einem Telefonat keine Hinweise auf eine mögliche Verwicklung von Briten gegeben, sagte Brown am Freitag. Es würden umfangreiche Ermittlungen angestellt, aber noch sei es für eine abschließende Bewertung zu früh.

Der in London erscheinende "Evening Standard" hatte unter Berufung auf indische Regierungskreise gemeldet, einige der Attentäter seien britische Staatsbürger. Ähnliche Informationen kamen auch von der SPD-Europaabgeordneten Erika Mann, die den Attentätern von Bombay entkommen war

Verhältnis zu Pakistan verschärft sich

Die Anschlagswelle belastet auch die ohnehin sehr angespannten indisch-pakistanischen Beziehungen. Der indische Außenminister Pranab Mukherjee erklärte am Freitag, "Elemente in Pakistan" stünden nach bisherigem Informationsstand hinter den Anschlägen, Beweise gebe es aber noch nicht.

Nach indischen Medienberichten richtet sich der Verdacht auf die muslimische Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba (Armee der Reinen). Nach Überzeugung der indischen Sicherheitskräfte operiert Lashkar-e-Toiba von Pakistan aus. Die Gruppe wurde bereits für zahlreiche Anschläge in Indien in den vergangenen Jahren verantwortlich gemacht.

Der pakistanische Verteidigungsminister Ahmed Mukhtar sagte der Nachrichtenagentur AP in Islamabad, Pakistan sollte "nicht wie in der Vergangenheit" für Anschläge in Indien verantwortlich gemacht werden.

Die pakistanische Regierung willigte in einem bislang einmaligen Schritt ein, den Chef des berüchtigten Geheimdienstes ISI, Ahmed Shuja Pasha, zum Austausch von Informationen nach Neu Delhi zu schicken. Indien hat dem ISI in der Vergangenheit vorgeworfen, an Anschlägen beteiligt gewesen zu sein.

Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh hatte am Donnerstag zwar keine direkten Vorwürfe gegen Pakistan erhoben, wohl aber erklärt, die Angriffe seien von militanten Extremisten außerhalb Indiens vorbereitet worden. Das wurde in Islamabad als Vorwurf einer pakistanischen Verwicklung aufgefasst. Eine Verschlechterung der Beziehungen der beiden Atommächte, die seit 1947 wegen des Streits um die Himalaya-Region Kaschmir bereits drei Kriege führten, würde die gesamte Region - und damit auch die Lage in Afghanistan - zusätzlich destabilisieren.

DPA/AP/AFP/Reuters / AP / DPA / Reuters