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Terror: Wie aus Kumpels Killer werden

Sie waren nett und unauffällig. Doch irgendwann müssen sie aus der Tradition ihrer Familien und ihres gemäßigten Glaubens gefallen sein. Sie zimmerten sich eine eigene Welt. Voller Empörung über das Unrecht an Muslimen. Voller Träume von der großen Racheaktion: dem Attentat von London.

Sie verzweifeln an diesen Köpfen. Was ging in ihnen vor? Woher kam ihre Entschlossenheit? Britische Psychologen, Pathologen, Polizeiermittler, Geheimdienstler, Hundertschaften von Scotland Yard, vom Inlandsgeheimdienst MI5, lauter Spurensucher fahnden nach dem Unfassbaren. Redet man mit ihnen, kommen am Beginn der Gespräche noch Antworten, erst rasch, dann stockender. Aber am Ende bleibt immer die eine Frage übrig: Warum?

Warum geben vier junge Briten, die nie im Krieg waren, kein großes Leid erfahren haben, die Jobs, Familie, Frauen, Kinder hatten, alles auf - und sprengen sich in Stücke, um so viele andere Briten zu töten wie nur möglich? Die Ermittler, sie verzweifeln an diesen Köpfen, die auch Monate nach dem Inferno vom 7. Juli noch in der Gerichtsmedizin von London liegen. Köpfe sind das, was übrig bleibt von einem, der zwischen seinen Beinen fünf Kilo Sprengstoff detonieren lässt. Sie sind formstabil und werden von der Wucht der Explosion am Hals abgetrennt. Diese Köpfe der Attentäter sind wieder und wieder untersucht worden auf Drogengebrauch, organische Veränderungen, Krankheiten: nichts.

Alles an den Taten ist klar, kein Täter ist flüchtig, aber nichts ist erklärt. Gespenstisch genau dokumentiert von den Überwachungskameras an den Parkplätzen und Eingängen der Bahnstationen ist dieser letzte Morgen der vier am 7. Juli 2005: Wie drei von ihnen in Jeans, T-Shirts, Turnschuhen um 6.48 Uhr auf dem Parkplatz des Bahnhofs von Luton eintreffen, wo der vierte seit 5.07 Uhr auf sie wartet. Wie sie die Vorortbahn nach London besteigen und um 8.26 Uhr den U-Bahn-Knotenpunkt King's Cross betreten.

Sie wirken völlig normal und machen sich ohne Abschiedsgesten in verschiedene Richtungen auf: Der Student Shehzad Tanweer, 22, sprengt sich zwischen den Stationen Liverpool Street und Aldgate; der Hilfslehrer Mohammed Sidique Khan, 30, sprengt sich nahe der Station Edgware Road; Germaine Lindsay, 19, nimmt die Picadilly Line gen Westen und sprengt sich vor der Station Russell Square; alle drei zünden ihre Sprengsätze binnen Sekunden um 8.50 Uhr. Hasib Hussein, 18, nimmt den Doppeldeckerbus der Linie 30 nach Hackney, geht auf das Oberdeck und lässt die Bombe in seinem Rucksack um 9.47 Uhr detonieren. 56 Menschen sterben, über 700 werden verletzt. Die vier haben Ausweise, Führerscheine, Kreditkarten dabei und auch sonst nichts getan, ihre Identität geheim zu halten.

Nichts, kein Indiz ist aufgetaucht, weshalb diese vier jungen Muslime aus Mittelengland anders gewesen sein sollten als Hunderttausende. Es ist ein Ende ohne Anfang. Denn dort, wo die Geschichte beginnt, weist nichts auf ihren monströsen Ausgang hin.

Beeston, 16 000 Einwohner - jeder Vierte mit asiatischen Wurzeln - sieht aus, als hätte man hügelauf, hügelab rote Ziegelhäuser aneinandergeschoben: gebaut, als die Textilindustrie noch billige Arbeitskräfte ansog. Erst kamen die Iren in den Vorort von Leeds, dann vor einem halben Jahrhundert die Inder und Pakistanis, kamen die Eltern von Sidique Khan, Shehzad Tanweer und Hasib Hussein nach Beeston und in das Nachbarviertel Holbeck. Sie kamen vom Lande, brachten ihren milden Islam sowie den Glauben mit, dass man nur genug arbeiten müsse, um es schaffen zu können.

Ihre Kinder werden in England geboren. Briten dem Pass nach, die damit aufwachsen, dass ihre Väter noch so viel arbeiten können und doch nie ganz dazugehören in der feingestaffelten, schwer zu durchschauenden britischen Gesellschaft. Als die meisten Fabriken in den 80er Jahren dichtmachen, eröffnen viele der Eingewanderten kleine Läden, Werkstätten, Reisebüros. So der Vater von Shehzad Tanweer und sein Freund Hanif Mohammed, der heute noch seinen Eckladen betreibt: "Wir haben jeden Tag gearbeitet, von früh bis spät, damit unsere Kinder aufs College gehen, etwas erben können. Damit", er krault seinen weißen Bart, "sie es besser haben!"

Es funktioniert - und geht doch schief. Viele ihrer Söhne sind nicht zufrieden mit den kleinen Chancen des Systems, sondern boykottieren es komplett, weil es ihnen die großen Chancen vorenthalte. Drogen und Kleinkriminalität ziehen sich in den 80er und 90er Jahren wie ein Pilzgeflecht durch die kleine Welt von Beeston. Die Familien haben Angst. Es ist die Zeit, da Sidique Khan, den sie Sid rufen, beliebt wird. Denn er ist anders. Der begeisterte Bodybuilder, der nach einer USA-Reise monatelang in Cowboystiefeln durch Beeston lief und Sozialpädagogik studiert hat, kümmert sich: trainiert in Rollenspielen mit Jugendlichen, wie man die Dealer vertreibt; richtet mit 2000 Pfund aus einem EU-Förderprogramm den verwahrlosten Trainingsraum unter der Moschee des "Kaschmir-Wohlfahrtszentrums" in der Hardy Street wieder her, vermittelt den Jungen Disziplin und Ausdauer an den Geräten und Gewichten; sorgt als Hilfslehrer der Hillside-Grundschule dafür, dass Kinder aus schwierigen Familien angezogen und nicht hungrig zur Schule kommen. Die Eltern lieben ihn.

Jeden Morgen kommt er, seine Schützlinge vom "Frühstücksclub" an der Hand, an Hanif Mohammeds Eckladen vorbei, wenn dessen Tochter Shakila gerade aufgeschlossen hat: "Ich mochte ihn, er hatte immer ein freundliches "as-salamun eleykum" auf den Lippen. Vor allem aber kümmern sich hier nicht viele Männer um Kinder, nicht mal um die eigenen. Und er? Sid kümmerte sich rührend um all jene, denen sonst keiner half, machte ihnen Brote, holte sie von zu Hause ab, achtete darauf, dass sie warm genug angezogen waren und brachte sie pünktlich zur Schule. Himmel..."

Als unendlich geduldig und warmherzig beschreiben ihn Eltern und Lehrerkollegen. So vertrauenswürdig, dass er gemeinsam mit dem Direktor Aufnahmegespräche mit den Eltern führte. Auf einem Foto, 2003 aufgenommen, sieht man ein Gesicht, das man nicht durchschaut, das aber auch nichts Böses vermuteten lässt. 2004 besucht er, eingeladen vom örtlichen Abgeordneten, mit einer Schulklasse das Parlament in London, plaudert mit dem Entwicklungshilfeminister.

Im winzigen Eckladen schaut Shakila zwischen Curry-Tütchen und Süßigkeiten aus dem Fenster: "Hätte die Stadtverwaltung noch am 6. Juli einen aus Beeston gesucht, um junge Muslime besser zu integrieren, Sid wäre ihre erste Wahl gewesen! Es ist so... paradox."

Beim Bodybuilding lernt Sid die beiden anderen, acht und zwölf Jahre jüngeren Mittäter kennen: Shehzad Tanweer, den Kricket-begeisterten Sohn eines zum Besitzer mehrerer Läden aufgestiegenen Geschäftsmannes. Und Hasib Hussein, den hochgewachsenen, stillen Sohn traditionell religiöser Eltern, die in einem Übersetzungsbüro arbeiten. Sid und Hasib sind auf dieselbe Schule gegangen, Hasibs Bruder und Shehzads spielen zusammen Kricket, alle drei verbringen Stunden bei Shehzad, den seine Freunde Khakha rufen. Und Freunde hat er viele: Witzig sei er gewesen, sagen die "lads", die jungen Kerle vor dem Jugendzentrum noch heute über ihn: "Ein Kumpel! Hat immer fish & chips ausgegeben" aus dem Laden seines Vaters, wo er jobbt. Unterwegs meist im roten Mercedes seines Vaters, in Markenkleidung und mit Baseball Cap, hat er es weiter geschafft als die meisten.

Zwar ist die Arbeitslosigkeit in Beeston doppelt so hoch wie in Leeds insgesamt - aber Pakistanis schaffen es hier schneller nach oben als Weiße. Beeston mit seinem Hamara-Gemeindezentrum in der ehemaligen Methodistenkirche, seinen zwei großen Moscheen und dem großen Park ist ein Mischmasch, aber mitnichten ein Slum. Ist unübersichtlich, aber nicht hoffnungslos. Junge Muslime imitieren den Akzent der "Caribbeans" aus Jamaika und singen "Ragga"-Texte auf Punjabi. Mohammed "Sid" Khan will unbedingt, dass auf dem Abschlussbericht seines Drogenprojektes der Union Jack steht, weil er doch stolz sei, Brite zu sein - aber irgendwann muss eine winzige Saat in seinem Kopf aufgegangen sein: zu hassen, worauf er stolz war.

Warum? Sein Leben bietet keine Anhaltspunkte, und auch in seinen Worten gegenüber Freunden spricht er bloß vom Unrecht, das Muslimen andernorts angetan werde, in Bosnien, in Tschetschenien, schließlich im Irak.

Das Leben ihrer Eltern ist nicht das ihre, und so ist auch der traditionelle Islam nichts, womit Sid, Khakha und Hasib etwas anfangen können. Sie suchen sich ihren eigenen Glauben: Islam ja, aber je radikaler, desto besser. Es beginnt jene Phase kleiner Auffälligkeiten, an die sich manche heute erinnern: Sids Reden. Sein Beten. Der Ärger in der Moscheegemeinde, als Eltern sich beschweren, dass Sid im Übungsraum den Jungs vom Dschihad erzähle statt vom Muskeltraining. Ende 2002 bittet der Moschee-Vorstand ihn, sich einen neuen Trainingsraum zu suchen. Sarwar Khan, der Verwalter, fragt sich, ob sie etwas falsch gemacht haben damals. "Hätten wir zur Polizei gehen sollen, nur weil er ausspricht, was hier Tausende denken? Macht ihn das zum Terroristen?" Ihn ja. Aber damals konnte sich das keiner vorstellen. Überhaupt war der Umstand, dass einer religiöser geworden sei, eher beruhigend: "Unsere Sorgen drehten sich um Drogen, nicht um Terroristen!"

Wer betet, rutscht nicht ab. Wer mehr betet, erst recht nicht. Dass die drei viel Zeit im islamischen Buchladen "Iqra", arabisch für: "Lies!", verbringen, irritiert niemanden. Dass sie sich im Internet zwischen Hasspredigten, radikalen Chatrooms und bosnischen Massaker-Videos bewegen, bekommt kaum jemand mit.

In ihren Köpfen errichten die netten Jungs aus Beeston sich ihre eigene Welt. Eine, die der muslimische Psychologe Atif Imtiaz aus der Nachbarstadt Bradford kennt. Denn er ging ein Stück ihres Wegs, um umzukehren, wo sie weitergingen. Aber er kennt die Wut, den Hass, die Einsamkeit der Empörten: "Du siehst die Bilder, Videos, wie Muslime umgebracht werden. Du denkst, alle müssen fassungslos und wütend sein. Aber dein Nachbar ist nicht wütend, niemand sonst ist es, weil es sie nicht betrifft. Bis du denkst, dass auch deine muslimischen Nachbarn es verdienen, mit unterzugehen: weil sie gleichgültig sind gegenüber der Barbarei." Weil es eine Verschwörung des Westens gegen den Islam gebe und es Gottes Auftrag sei, in den Kampf zu ziehen.

Im Internet finden sich alle Beseelten randständiger Neigungen, entstehen lauter kleine Paralleluniversen. Harmlos die meisten von ihnen, aber nicht alle: Im Internet begegnen sich Milchtütchenverschlusssammler, finden Kannibalen zu Kannibalen - und Selbstmordbomber zu ihresgleichen. Ein paar hundert unter Millionen schaffen sich ihre eigene, höchst reale Welt. Wenn jeder von ihnen dieselbe Wahnidee für wahr hält, schwinden die Gründe anzunehmen, dass nicht die Welt verrückt sei, sondern man selbst.

Aber noch geht das normale Leben in Beeston weiter. Sid heiratet gegen den Widerstand seiner Familie die Frau, in die er sich beim Studium verliebt hat: Hasina Patel, 28, bildschön, Muslimin, aber: aus Indien. Pakistans Erzfeind. Sid kümmert das nicht. Und ihre Mutter, die vom Islam wenig, von Frauenrechten viel hält, mag den umsichtigen, humorvollen Mann. Im Mai 2004 kommt Tochter Maryam zur Welt, im Juli 2005 ist Hasina wieder schwanger, im vierten Monat. Im November 2004 fliegen Sid und Khakha nach Pakistan. Sie wollen den Koran studieren, Verwandte besuchen. Ob Sid, wie von inhaftierten Islamisten bezeugt, sich dort mit Al-Qaeda-Verbindungsleuten getroffen hat, ist nicht geklärt. Shehzad jedenfalls kommt früher zurück als geplant: Es habe ihm nicht gefallen, so sein Onkel Bashir Ahmed: "Khakha meinte, die Leute in Pakistan würden keine Menschen aus England akzeptieren." Außerdem bekam er Durchfall vom ungewohnten Essen.

Trotzdem lässt er sich einen Bart wachsen, betet fortan regelmäßig und mag mit seinen Kumpels nicht mehr über Musik und Mädchen reden. Äußerlich bleibt er der Alte, spielt mit gleicher Leidenschaft Kricket. Er, Sid, Hasib sowie der vierte Attentäter Germaine Lindsay, ein zum Islam konvertierter Jamaikaner, führen in ihren letzten Monaten eine gespaltene Existenz: verhalten sich nach außen hin unauffällig und bereiten gleichzeitig ihren Anschlag vor, besorgen sich die Zutaten für den Sprengstoff, verbringen Tage und Nächte miteinander - sodass Germaines ebenfalls schwangere Frau ihn verdächtigt fremdzugehen.

Noch am Vortag des Anschlags spielt Shehzad Kricket mit Hasibs großem Bruder, ausgelassen wie immer. Bevor die drei vorm Morgengrauen des 7. Juli aufbrechen, in Luton noch einen Parkschein ziehen und mit dem Vorortzug nach London fahren.

Was tut der Letzte der vier, bevor er sich sprengt? Hasib geht zu McDonalds. Das letzte Abendmahl des Dschihadisten, ein Big Mac. Und dann zum Bus, Linie 30, Minuten später ins Inferno.

Als die Identitäten der vier bekannt werden, beginnt die weltweite Suche nach den Hintermännern - zumal im zurückgelassenen Auto in Luton noch ein ganzer Satz selbst gebastelter Bomben liegt. Sidique Khan war sogar wegen Verbindungen zu anderen Radikalen ins Überwachungsraster der Polizei geraten - und wieder herausgefallen, weil er "nicht ins Terroristenprofil passte", so ein Polizeisprecher. Viele Zeugen tauchen auf, die Khan mit diesem oder jenem Al-Qaeda-Mann gesehen haben wollen. Aber den Sprengstoff stellten die vier selbst her in einer Badewanne in Leeds, und auch die Bomben um ihren Leib sprengten sie selbst mit schlichten Handzündern. Der Plan, das Material, die Anschlagorte: alles selbst besorgt und erdacht.

Im "Foreign Policy Research Institute" im amerikanischen Philadelphia klickt Marc Sageman an seinem Computer Grafiken auf, die aussehen wie Schnittmusterbögen: zahllose Linien, mal als locker gesponnene Maschen, mal verwoben zu dichten Knäueln. Es sind die Netze persönlicher Beziehungen von Tätergruppen. Denen vom 11. 9., jenen aus Madrid - und denen von London. Wer wen kannte und vor allem: seit wann. Seit 2002 hat Sageman an den Beziehungen innerhalb dieser Gruppen geforscht, hat 400 Lebensläufe zusammengepuzzelt. Und herausgefunden: Allen gemein ist ein wiederkehrendes Muster, das sich deckt mit den übrigen Ermittlungen zu den Londoner Anschlägen - aber die Fahnder trotzdem nicht froh stimmt. Die Kernzellen der Attentäter bestanden aus Freunden, die sich lange vor den ersten Schritten zur Tat kannten; die sich aus eigenem Antrieb radikalisierten - und erst dann Kontakt zu bestehenden Terrornetzen suchten. Oder sich die notwendigen Anleitungen gleich aus dem Internet holten.

Es sind Täter, die aus dem Nichts auftauchen: keine polizeibekannten Islamisten, keine Afghanistan-Veteranen, keine traumatisierten Flüchtlinge aus Tschetschenien. Sondern die netten Jungs von nebenan. Und es werden immer mehr: Männer wie der jordanische Rechtsanwalt Riad Mansur, der in Kalifornien gelebt hat und sich im Februar 2005 in Bagdad sprengte; der Marokkaner Abu Osama al-Maghribi, 26, der gut verdiente und seine schwangere Frau verließ, um sich ebenfalls in Bagdad in die Luft zu jagen; der ägyptische Webdesigner Omar Ali, 42, der mit seiner palästinensischen Frau in Qatar lebte, 6000 US-Dollar im Monat verdiente, nicht sehr religiös war, sich am 19. März 2005 in einem Theater nahe der britischen Schule in Qatar sprengte und einen Menschen tötete.

So rätselhaft jeder Einzelne erscheint, so alarmierend sind Ähnlichkeit und Ausmaß dieser Fälle. Vieles, was für die Profile der Selbstmordattentäter im Libanon, in Israel, Sri Lanka einmal galt - ihre Herkunft, Biografie, Ideologie, Gruppenstruktur - gilt nicht mehr für die neue Generation im Fahrwasser von al Qaeda.

Es ist wie mit dem Sprengstoff, den die vier von London benutzten: Acetonperoxid, TATP, herzustellen aus so simplen Zutaten wie Nagellackentferner, Blondierungsmittel und Abflussreiniger. Heraus kommt eine instabile, aber mörderisch wirksame Substanz. So ähnlich dürfte die Reaktion in den Köpfen der vier gelaufen sein. Eine Kombination an sich ungefährlicher Elemente, die erst gemeinsam ihre todbringende Wirkung entfalten: als junge Pakistanis oder Konvertiten aus dem mäßigenden Korsett der Tradition zu fallen und sich seinen eigenen Glauben zu schaffen; erfolgreich und bedeutend sein zu wollen; Empörung zu spüren über das Unrecht gegenüber Muslimen, wiederholt und verstärkt durchs Internet; ein charismatischer Führer, Sid, der eine Gruppe Entschlossener um sich scharen kann; und schließlich dieser Verschwörungsglaube, der im Westen nur das Böse in raffinierter Verkleidung sieht.

So machtvoll ist die Wahnidee von der Verschwörung, dass noch Monate nach der Tat die meisten Freunde der drei in Beeston deren Täterschaft für eine Geheimdienstverschwörung halten. Erst als am 1. September das Video von Sidique Khan auf al-Jazeara läuft, versiegen alle Zweifel. Das ist Sid, der auf Englisch den Engländern seinen Krieg erklärt - "in einer Sprache, die ihr versteht", womit er den Terror meint: "Eure demokratisch gewählten Regierungen begehen fortwährend Grausamkeiten uns gegenüber, und eure Unterstützung dieser Regierungen macht euch direkt verantwortlich! Wir sind im Krieg, und ich bin Soldat!"

Das Video, zusammengeschnitten mit einer Ansprache von bin Ladens rechter Hand, Ayman al-Zawahiri, belegt, dass es Verbindungen gegeben hat. Aber offensichtlich keine engen, denn weder tauchen Zawahiri und Khan gemeinsam vor der Kamera auf, noch erwähnt Letzterer irgendeine Verbindung. In einem vier Wochen nach dem Anschlag veröffentlichten Bekennervideo wiederum war von Khan nichts zu sehen. Das lässt die Ermittler vermuten, dass al Qaeda bis September brauchte, das Khan-Video in die Hände zu bekommen.

Mohammed Sidique Khan, ein Wahnsinniger? Nein. Schlimmer. "Man muss nicht verrückt oder teuflisch sein, um solch eine Tat zu begehen", bündelt es der Londoner Kriminalpsychologe Andrew Silke: "Es müssen nur ein paar Dinge zusammenkommen." Eine kleine Verschiebung der Wahrnehmung, Orientierungslosigkeit und Entschlossenheit.

Wahrscheinlich hätten die Köpfe der vier gar kein monströses Geheimnis zu offenbaren. Zumindest die Forensiker haben die Suche aufgegeben. Ende Oktober gaben sie die Leichen frei oder das, was von ihnen geblieben war.

Christoph Reuter / print