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Terroristenjagd: Osama, verzweifelt gesucht

Der US-Geheimdienst CIA hat eine interne Abteilung geschlossen, die für die Fahndung nach dem Al-Kaida-Chef zuständig war: Seit Jahren gibt es keine Spur des Gesuchten. Dabei meldet sich Osama bin Laden regelmäßig zu Wort.

Zehntausende Soldaten durchkämmen seit Jahren die Berge im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auf der Suche nach Osama Bin Laden. Am nächsten waren sie dem Al-Kaida-Führer im Jahr 2001. Seitdem aber fehlt von dem Mann, der als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September gilt, jede noch so schwache Spur. In den USA gibt es nur noch wenig Hoffnung, Bin Laden zu fassen. Der US-Geheimdienst CIA hat eine interne Abteilung geschlossen, die für die Fahndung nach dem Al-Kaida-Chef zuständig war. Und die US-Streitkräfte in Afghanistan suchen nicht mehr vorrangig nach dem Al-Kaida-Führer, sondern kämpfen in erster Linie gegen die wieder erstarkten Taliban.

Stochern im Nebel

"Das ist hier, wie wenn man Geistern hinterherjagt", sagt US-Unteroffizier George Williams. Mehr als 100.000 Soldaten aus den USA, Afghanistan und Pakistan sind im Grenzgebiet im Einsatz, dazu gibt es technisch hochausgestattete Horchposten, Satellitenbilder und unbemannte Spionageflugzeuge. Und natürlich das Kopfgeld von jeweils 25 Millionen Dollar, das die US-Regierung auf Bin Laden und seinen Stellvertreter Ajman al Sawahri ausgesetzt hat. Dennoch melden sich beide immer wieder unbehelligt zu Wort und rufen in Erklärungen auf islamistischen Web-Sites zu weiteren Angriffen gegen den Westen auf.

Bin Laden hat seit Jahresbeginn fünf Audiobotschaften veröffentlicht, auf einem Video war er zuletzt 2004 zu sehen. Der pakistanische Geheimdienst ist der Ansicht, dass der im August vereitelte Plan von Bombenanschlägen auf Transatlantikflüge möglicherweise auf Al Sawahri zurückgeht. Pakistan hat einen Großteil von Bin Ladens Stab gefasst, darunter den Koordinator der Anschläge vom 11. September 2001, Chalid Scheich Mohammed, und hat nach eigenen Angaben der Kommandoebene von Al Kaida einen schweren Schlag versetzt. Ihre Unterstützung der Taliban stellte die Regierung in Islamabad offiziell ein.

Pakistan soll Taliban und Terrorführer schützen

Afghanistan wirft dem Nachbarland dennoch vor, nicht nur ranghohen Taliban Zuflucht zu bieten und den Nachwuchs aus radikalen Islamschulen zu dulden, sondern möglicherweise auch Bin Laden zu schützen. Der Terrorführer werde möglicherweise als Druckmittel bei Verhandlungen mit den USA benutzt, sagt ein afghanischer Regierungsmitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will. Latfullah Maschal, ein ehemaliger Sprecher des Innenministeriums in Kabul, geht sogar davon aus, dass sich Bin Laden in einem Tal in der pakistanischen Provinz Nord-Waziristan versteckt hält.

Islamabad weist solche Vermutungen empört zurück. Bei der Fahndung nach Bin Laden habe wohl kein anderes Land eine wichtigere Rolle gespielt als Pakistan, betont Innenminister Aftab Khan Sherpao. Die Regierung hat mit rund 80.000 Soldaten den Großteil der Truppen an der Grenze zu Afghanistan stationiert. Die USA haben angesichts der Situation im Irak lediglich 20.000 Soldaten in Afghanistan, die Hälfte davon im unzugänglichen Grenzgebiet mit zerklüfteten, im Winter unpassierbaren Bergen, reißenden Flüssen und hunderten von Höhlen. Bin Laden könne dort auf ein seit rund 20 Jahren aufgebautes Netzwerk von Kontakten zurückgreifen, sagt Michael Scheuer, Leiter der ehemaligen CIA-Abteilung für die Jagd auf den Al-Kaida-Chef. Außerdem kenne er sich in der Region bestens aus, und sein Status "als Held in der islamischen Welt ist ein weiterer Faktor, warum er noch nicht gefasst ist".

Al Kaida kann auf starkes Netzwerk bauen

Am nächsten waren die Truppen dem Terrorführer nach Einschätzung von westlichen, afghanischen und pakistanischen Behörden im November 2001 in den Bergen von Tora Bora. Versuche, Bin Laden und Al Sawahri zu fassen, gab es seitdem viele, aber sie beruhten ausschließlich auf "Rätselraten", wie der ehemalige Generalleutnant Ali Mohammed Jan Aurakzai einräumt, der die pakistanischen Truppen in der Grenzregion nach 9/11 leitete: "Niemand hat uns je eine genaue Information gegeben, dass Bin Laden oder Al Sawahri in dieser oder jener Gegend sind. Nicht einmal einen groben Hinweis."

Heftiger Kritik setzten sich die USA aus, als sie im Januar ein pakistanisches Dorf nahe der afghanischen Grenze beschossen. Nach Angaben aus Geheimdienstkreisen sollte Al Sawahri dort am Tag des Angriffs an einem Abendessen teilnehmen. Er blieb dem Essen jedoch fern, statt seiner wurden mindestens 13 Zivilpersonen getötet. Berichte, wonach auch mehrere ranghohe Al-Kaida-Mitglieder ums Leben kamen, wurden nicht bestätigt. Geheimdienstinformationen zufolge nutzen Bin Laden und Al Sawahri ein komplexes Netz von Kurieren und haben nur einen kleinen Kreis Vertrauter um sich.

Spione in Lebensgefahr

Solide Informationen über die Gesuchten zu bekommen ist dagegen ein gefährliches Unterfangen: Seit Ende 2004 seien etwa 70 Stammesmitglieder getötet worden, weil sie mit der Regierung zusammenarbeiteten, sagt Aurakzai. Auf einer Notiz, die an einer enthaupteten Leiche in einem Dorf in Nord-Waziristan befestigt war, hieß es im August: "Jeder, der uns ausspioniert, wird das gleiche Ende nehmen."

Paul Garwood/AP / AP