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Truppenstationierung: Misstrauen auf allen Seiten

«Wir haben keine geheimen Ziele im Irak», versichert das türkische Außenministerium. Doch Ankara ist besorgt, dass die irakischen Kurden einen eigenen Staat gründen könnten - und will im Kriegsfall mit zehntausenden Soldaten in den Norden einrücken.

Die USA werden mit Billigung der türkischen Regierung eine Nordfront gegen den Irak mit 62 000 Soldaten aufbauen können. Wie viele türkische Soldaten im Kriegsfall in den Norden des Nachbarlandes einmarschieren werden, gibt Ankara bisher nicht preis - und sorgt damit für Unruhe bei den irakischen Kurden, die seit dem Golfkrieg 1991 in der von Briten und Amerikanern überwachten Flugverbotszone vor dem irakischen Machthaber Saddam Hussein sicher sind. Das Misstrauen ist gegenseitig. «Die Reibungen zwischen Ankara und den irakischen Kurden könnten durchaus eine Schlüsselrolle für einen Erfolg (oder Misserfolg) der Nordfront spielen», meinte am Mittwoch das Blatt «Turkish Daily News».

Während die irakischen Kurdenführer keine türkische «Besatzung» wollen, trauen die Türken den Versicherungen nicht, dass die Kurden im Nordirak keinen eigenen Staat anstreben. Doch das Misstrauen richtet sich auch gegen die Amerikaner. «Warum bestehen die USA darauf, dass die kurdischen Gruppen schwere Waffen und Flugabwehrraketen erhalten?», fragte die türkische Zeitung «Milliyet». Da Saddams Flugzeuge dort ohnehin nicht fliegen dürften, blieben als Ziel nur türkische Maschinen übrig. Angesichts der «zwiespältigen» Haltung der Amerikaner, sei das türkische Militär «beunruhigt», befand das Blatt.

Bereits vor Wochen versicherte der türkische Außenminister Yasar Yakis, dass türkische Soldaten im Irak nicht kämpfen werden. «Wenn sie in den Irak vorstoßen, dann nur zu humanitären Zwecken.» Gern stellt Ankara die «betrüblichen Erfahrungen» mit 500 000 Irak-Flüchtlingen in den Vordergrund, die während des Golfkrieges vor zwölf Jahren in einer völlig unvorbereiteten Türkei Zuflucht suchten. Die Bilder von hungernden und frierenden Männern, Frauen und Kindern, von türkischen Soldaten, die Warnschüsse in die Luft abgaben, gingen damals um die Welt.

Diesmal sollen die befürchteten Flüchtlingsströme möglichst noch vor der türkischen Grenze gestoppt und in Auffanglager im Nordirak untergebracht werden. Keinen Hehl macht Ankara daraus, dass es gleichzeitig die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) im Auge hat, die sich nach der Gefangennahme von PKK-Chef Abdullah Öcalan vor vier Jahren in den Nordirak zurückgezogen haben. Mit den Golfkriegsflüchtlingen kamen damals auch tausende PKK-Kämpfer in die Türkei, woraufhin der Krieg zwischen der Armee und den Rebellen in der Südosttürkei eskalierte.

Wohl aus diesem Grunde bestand die Türkei in ihren Verhandlungen mit Washington darauf, «freie Hand» im Nordirak zu haben und die türkischen Soldaten nicht dem Kommando des US-Militärs zu unterstellen. «Wir haben keine geheimen Ziele im Irak», versicherte dieser Tage das türkische Außenministerium. Es gehe um Flüchtlinge und um die Sicherheit der Türkei. Die soll, scheint es, die türkische Armee schon jenseits der Grenze sicherstellen.

Kampf um Autonomie

Die Kurden sind eines der größten Völker der Erde ohne eigenen Staat. Die rund 25 Millionen Menschen starke Volksgruppe ist hauptsächlich auf vier Länder verteilt: die Türkei, den Irak, Iran sowie Syrien. Außerdem finden sich kleinere Gruppen in Armenien und Aserbaidschan. In der Türkei kämpfen die als Minderheit nicht anerkannten und als «Bergtürken» bezeichneten Kurden ebenso wie im Irak und Iran seit 1925 um Autonomie. Die wiederholt in Aufständen gipfelnden Unabhängigkeitsbestrebungen wurden bis in die Gegenwart mit Gewalt unterdrückt.

Für das erstmals vor fast 4000 Jahren in sumerischen Schriften erwähnte und im 14. Jahrhundert in das Osmanische Reich eingegliederte kurdische Volk war mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 erstmals ein eigener Staat greifbar. Im Friedensvertrag von Sevres sicherten die Siegermächte den Kurden weitgehende Autonomie auf eigenem Gebiet zu. Die türkische Nationalbewegung unter Mustafa Kemal Atatürk verhinderte aber die Entstehung eines kurdischen Staates. 1923 wurde der Friedensvertrag in Lausanne neu verhandelt. Es entstand die Türkei in ihren heutigen Grenzen, das kurdische Gebiet wurde integriert.

In der Türkei gibt es nach Schätzungen heute zwischen 5 und 15 Millionen Menschen kurdischer Abstammung. Ein großer Teil von ihnen lebt im Südosten der Türkei, wo sie in einigen Provinzen die Bevölkerungsmehrheit bilden. Im Zuge der Landflucht sind viele Kurden in Großstädte wie Istanbul und Ankara abgewandert. Nicht wenige haben es zu einflussreichen Stellungen in Wirtschaft und Politik gebracht. Der Kampf für staatliche Unabhängigkeit oder Autonomie wurde in der Türkei vor allem von der 1978 gegründeten marxistischen kurdischen Arbeiterpartei PKK unter Abdullah Öcalan geführt, dessen Verurteilung zum Tode inzwischen in lebenslange Haft umgewandelt wurde.

Die im Norden des Iraks siedelnden und nach Glaubensrichtungen zerstrittenen Kurden genießen zwar seit 1974 eine Teilautonomie, wurden aber vom Regime Saddam Husseins regelmäßig bekämpft. Seit Jahren steht der größte Teil des Kurdengebiets im Irak als so genannte nördliche Flugverbotszone unter dem Schutz von Amerikanern und Briten.

Ingo Bierschwale / DPA