Tschetschenien Nicht nur der Präsident wurde zu Grabe getragen


Ursprünglich hatte der Kreml geplant, zur Stabilisierung der Region den Tschetschenen weit reichende Autonomierechte zu gewähren. Nach dem tödlichen Attentat auf Präsident Kadyrow kann Putin seine Strategie für die Kaukasus-Republik wohl zu Grabe tragen.

Nach dem tödlichen Bombenanschlag auf den tschetschenischen Präsidenten Achmad Kadyrow kann der Kreml wohl auch seine Strategie für die vom Krieg zerrüttete Kaukasus-Republik zu Grabe tragen. Die russische Regierung hatte ursprünglich geplant, zur Stabilisierung der Region den Tschetschenen weit reichende Autonomierechte zu gewähren, so zum Beispiel die Wahl eines eigenen Präsidenten. Nach dem Attentat von Sonntag werden jedoch die Forderungen lauter, der russische Präsident Wladimir Putin müsse die direkte Kontrolle über Tschetschenien übernehmen.

Während sich Ärzte in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny noch um die Rettung der Verletzten bemühten, versicherte die Regierung bereits, ihre Strategie im Kampf gegen die Rebellen werde unverändert bleiben. "Nicht einmal in Zeiten dieses tragischen Vorfalls haben wir die Arbeit in der Republik eingestellt und wir werden sich nicht einstellen", sagte der tschetschenische Ministerpräsident Sergej Abramow bei einem Treffen mit Putin in Moskau. Abramow übernahm nach dem Tod von Präsident Achmad Kadyrow vorläufig dessen Amtsgeschäfte. Medien berichteten unter Berufung auf Regierungsvertreter, der neue tschetschenische Präsident werde wie in der Verfassung vorgeschrieben innerhalb von vier Monaten gewählt.

Forderung nach "direkter Herrschaft über Tschetschenien"

Zahlreiche Abgeordnete forderten dagegen, Russland müsse wieder stärker in den Konflikt eingreifen. "Es ist notwendig, eine direkte Herrschaft über Tschetschenien herzustellen und möglicherweise den Ausnahmezustand in den Grenzgebieten auszurufen", sagte der regierungsnahe stellvertretende Parlamentspräsident Ljubow Sliska der Nachrichtenagentur Interfax. Der nationalistische Abgeordnete Dmitri Rogosin teilte diese Ansicht und fügte hinzu, jetzt sei es von größter Bedeutung, die Schuldigen zu finden und "zu zerstören".

Mit ähnlich harschen Worten hatte sich Putin nach Kriegsbeginn 1999 geäußert. 2002 änderte der Kreml jedoch seine Strategie und setzte auf den Aufbau einer Zivilgesellschaft, nachdem die russischen Truppen die Rebellen trotz ihrer technischen Überlegenheit nicht unter Kontrolle bekamen.

"Ernsthaftes Dilemma"

"Die Ermordung von Achmad Kadyrow stellt die Behörden vor ein ernsthaftes Dilemma", sagte der politische Kommentator Nikolai Uljanow. "Die Einrichtung eines brutalen Notstandsregimes und die direkte russische Kontrolle können nicht ausgeschlossen werden."

Nach der Explosion des Sprengsatzes im Stadion von Grosny am Sonntag begannen die Sicherheitskräfte die Fahndung nach den Tätern und nahmen fünf Verdächtige fest. Möglicherweise kommt es erneut zu einer Welle von Razzien, bei denen die Truppen ganze Ortschaften abriegeln und Jungen und erwachsene Männer abführen. Mit dieser Vorgehensweise haben die russischen Streitkräfte jedoch in den vergangenen zwei Jahrzehnten wenig erreicht. Grosny ist nach den zahlreichen Bomben- und Raketenangriffen nur noch ein Trümmerfeld, an jeder Ecke patrouillieren Soldaten. Dennoch gelingt es den Rebellen immer wieder, Militärkonvois und militärische Stellungen anzugreifen.

Machtmissbrauch könnte zur Ermordung geführt haben

Der Bombenanschlag in einem schwer bewachten Stadion lässt nach Ansicht von Beobachtern nur zwei Schlüsse zu: Entweder waren die Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft oder russische Soldaten und tschetschenische Sicherheitskräfte arbeiteten mit den Attentätern zusammen. In Tschetschenien bedeutet die Treue zu einem Clan oft mehr als eine politische Allianz, daher glaubt auch der Abgeordnete Rogosin, dass der Präsident zu seinem Schicksal selbst beigetragen habe. Kadyrow überließ seinem Sohn Ramsan die Führung einer gefürchteten Sicherheitstruppe, die für die Verschleppung von Zivilisten verantwortlich sein soll. Dieser Machtmissbrauch habe wahrscheinlich zur Ermordung des Staatschefs geführt.

Jim Heintz/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker