HOME

Flugzeugabstürze in Russland: Terrorverdacht bestätigt

Der russische Geheimdienst hat zwei tschetschenische Frauen in Verdacht, die beiden Flugzeuge gesprengt zu haben. An beiden Flugzeugwracks wurden die gleichen Sprengstoffspuren sichergestellt.

Vier Tage nach dem Absturz von zwei russischen Passagierflugzeugen mit insgesamt 90 Toten haben Ermittler auch am zweiten Flugzeugwrack den Fund von Sprengstoff bestätigt. In den Trümmern der bei Tula entdeckten Tupolew-134 seien Spuren von Hexogen ermittelt worden, teilte der Inlandsgeheimdienst FSB am Samstag in Moskau mit. Zahlreiche Hinweise deuten darauf hin, dass Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien an Bord beider Flugzeuge Bomben zündeten. In der Konfliktrepublik wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt.

Zwei verdächtige Tschetscheninnen

In beiden Maschinen flog je eine tschetschenische Frau, die sich nach vorläufigen Erkenntnissen auf dem Flug in die Luft sprengte. Die beiden mutmaßlichen Selbstmord-Attentäterinnen sind die einzigen Passagiere, nach denen sich bislang kein Angehöriger erkundigt hat. Die mutmaßliche Attentäterin in der Tu-154 habe möglicherweise ihren Bruder rächen wollen, der vor drei Jahren von russischen Soldaten in Tschetschenien entführt wurde und seitdem vermisst sei. Das schreibt die Tageszeitung "Iswestija" unter Berufung auf Nachbarn der Tschetschenin. Nach unbestätigten Meldungen einer russischen Internetzeitung waren die Leichen der beiden Frauen als einzige völlig zerfetzt worden, was auf einen Selbstmordanschlag hinweist. Ein Sprecher des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB sagte dazu lediglich, die Ermittler überprüften das Umfeld von Personen, die möglicherweise für einen Terrorakt an Bord der Tupolew 154 in Frage kämen. Diese war am Dienstagabend auf dem Weg nach Sotschi bei Rostow am Don in Südrussland abgestürzt. Die andere Maschine vom Typ Tu-134 war 40 Minuten nach der Tu-154 vom selben Moskauer Flughafen in Richtung Wolgograd gestartet und bei Tula, etwa 200 Kilometer südlich von Moskau, abgestürzt.

Terroranschläge mit Hexogen

Inzwischen geht der russische Geheimdienst davon aus, dass beide Abstürze Terroranschläge waren. Am Wrack beider Maschinen fanden die Ermittler Spuren von Sprengstoff. "Vorläufige Analysen deuten auf Hexogen", erklärte ein FSB-Sprecher im russischen Fernsehen. Dieser Sprengstoff wurde nach amtlichen Angaben bei Anschlägen auf russische Wohnblocks benutzt, denen 1999 rund 300 Menschen zum Opfer fielen. Dafür wurden seinerzeit tschetschenische Separatisten verantwortlich gemacht.

Russische Medien berichteten, auf einer islamistischen Internet-Seite habe ein Terrorkommando mit der Bezeichnung "Islambuli-Brigade von Al Kaida" die Verantwortung für die Abstürze übernommen. Beide Maschinen seien entführt und zum Absturz gebracht worden, um den Tod von Moslems im Tschetschenien-Konflikt zu rächen. In dem Schreiben, dessen Echtheit offen blieb, wurden weitere Anschläge angedroht.

Tschetschenische Separatisten hatten jede Verantwortung für die Abstürze abgelehnt. In der Kaukasusrepublik Tschetschenien wird am Sonntag ein Nachfolger des ermordeten Präsidenten Achmad Kadyrow gewählt. Kadyrow war im Mai einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen. In den vergangenen Jahren hat es wiederholt blutige Anschläge tschetschenischer Separatisten gegen Russen und russische Einrichtungen gegeben. In Tschetschenien kämpft Russland seit einem Jahrzehnt gegen moslemische Separatisten.

Unregelmäßigkeiten vor dem Abflug

Nach Augenzeugenberichten hatte es bereits vor dem Abflug einer der beiden Maschinen Unregelmäßigkeiten geben. So berichten Passagiere, die auf andere Flüge gebucht waren, von Verzögerungen bei der Abfertigung der Tu-154 der Fluggesellschaft Sibir. Das Flugzeug habe auf dem Rollfeld in einer großen Pfütze Treibstoff gestanden, der beim Betanken ausgelaufen war. Da die Flughafenfeuerwehr das Kerosin hätte wegspülen müssen, sei das bereits begonnene Boarding unterbrochen worden. Beim erneuten Einsteigen in die Maschine seien die Bordkarten offenbar nicht noch einmal kontrolliert worden.

Eines der beiden abgestürzten Flugzeuge hat nach Angaben der Untersuchungskommission kurz vor dem Unglück noch ein Notsignal SOS abgesetzt. Allerdings habe die Besatzung der Maschine Tupolew-154 das Signal nicht bestätigt, sagte der russische Verkehrsminister Igor Lewitin am Donnerstag an der Unglücksstelle bei Rostow am Don. Zu Berichten, es sei der Alarm für eine Flugzeugentführung eingegangen, äußerte sich der Minister als Leiter der Kommission nicht.

Wilde Gerüchte und Spekulationen

Das Misstrauen gegenüber dem russischen Geheimdienst führte in den Internetforen des Landes zu wilden Spekulationen. Darunter auch zur Theorie, die beiden Flugzeuge seien von der russischen Luftwaffe abgeschossen worden, um einen vermuteten gezielten Absturz wie am 11. September in den USA zu verhindern. Nach offiziellen Angaben hatte die Besatzung der Tu-154 die Entführung über ein spezielles Signal an die Bodenstationen gemeldet. Westliche Flugzeuge verwenden eine ähnliche Technik. Sie stellen den so genannten Transponder auf die international vereinbarte Kennung "7700" ein. Diese Ziffernfolge wird dann auf dem Radarschirm des Fluglotsen eingeblendet. Auch die am 11. September in den USA entführten Flugzeuge übermittelten dieses Signal. Beim Auslösen des Alarms kam es allerdings zu Missverständnissen in der Kommandokette, was den Entführern genug Zeit gab, die Maschinen in ihre Ziele zu lenken.

Trotz des Terroranschlags will Bundeskanzler Gerhard Schröder am Montag zu einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac nach Sotschi reisen. In den südrussischen Städten Sotschi und Wolgograd, den Zielorten der beiden abgestürzten Flugzeuge, trugen Angehörige am Samstag die ersten Toten zu Grabe.

Malte Arnsperger, mit Material von Reuters/DPA / DPA