Tschetschenien Tödliches Attentat auf "Volksfeind Nummer eins"


Mehrfach war Achmad Kadyrow schon Ziel von Attentatsversuchen. Als Präsident von Moskaus Gnaden fand er keinen Zugang zur tschetschenischen Aufstandsbewegung. In Grosny wurde er jetzt bei einem Anschlag getötet. Putin kündigte Vergeltung an.

Bis zu seinem gewaltsamen Tod am Sonntag hat sich Achmad Kadyrow immer wieder um Verständigung zwischen Russen und Tschetschenen bemüht. Kadyrow sollte den 1995 getöteten ersten tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew und dessen Nachfolger Aslan Maschadow vergessen machen. Aber als Präsident von Moskaus Gnaden fand er keinen Zugang mehr zur Aufstandsbewegung.

Kadyrow weithin unbeliebt

Die archaische tschetschenische Gesellschaft, gespalten in Familienclans, lässt sich nur schwer einigen. Kadyrows Herrschaft in Tschetschenien beschränkte sich auf die Orte, an denen sein Clan Benoi stark war. Der radikale Flügel der Rebellen trachtete dem Kollaborateur nach dem Leben. Der ehemalige Geistliche nutzte sein Amt, um die Kassen seiner Familie zu füllen, und war deshalb weithin unbeliebt.

Mehrfach war der 52-Jährige schon Ziel von Attentatsversuchen tschetschenischer Nationalisten gewesen. Mit dem blutigen Anschlag im Dynamo-Stadion von Grosny richtet sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf einen Konflikt, der nun schon seit zehn Jahren auf beiden Seiten bitteres Leid verursacht. In Moskau kündigte Präsident Wladimir Putin bereits Vergeltung an. Doch die politische Strategie des Kremls in Tschetschenien muss wieder neu durchdacht werden, denn einen Nachfolger für Kadyrow gibt es nicht.

Schwerer Schlag Putins Politik

Die Explosion auf der Ehrentribüne des Stadions - ausgerechnet während der Gedenkfeier zum nationalen Feiertag des Sieges im Zweiten Weltkrieg - ist ein schwerer Schlag für die russische Tschetschenien-Politik. Neben Kadyrow kam auch General Waleri Baranow ums Leben, der Befehlshaber der russischen Truppen im Kaukasus. Der Sprengsatz sei unter der Tribüne versteckt gewesen, von der die tschetschenische Führung die Parade beobachtete. Ersten Angaben zufolge handelte es sich bei dem Sprengsatz um eine Landmine. Möglicherweise wurde sie bei Reparaturarbeiten unter der Tribüne angebracht.

Die Ehrentribüne des Dynamo-Stadions in Grosny glich nach der Explosion einem Schlachtfeld. Schwer verletzt konnten seine Helfer den völlig entstellten und blutverschmierten Kadyrow noch in ein Krankenhaus einliefern. Dort starb er nach einer halben Stunde, was sein Verwaltungschef aber zunächst dementierte.

Bei dem Anschlag kamen mindestens 14 Menschen ums Leben, mehr als 40 Menschen seien verletzt worden. Auch am Siegestag 2002 waren bei einem Anschlag in der Stadt Kaspijsk in der Teilrepublik Dagestan mehr als 40 Menschen getötet worden. Der tschetschenische Rebellensprecher Osman Firzaouli hat dem tschetschenischen Präsidenten Achmat Kadyrow vorgeworfen, "gegen den Frieden" gearbeitet zu haben. In einem Interview des britischen Rundfunk- und Fernsehsenders BBC in London sagte Firzaouli, der sich selbst als stellvertretender Außenminister bezeichnet: "Kadyrow war Teil der russischen Militäroperation in Tschetschenien."

Der Präsident habe viele seiner Landsleute tief enttäuscht, fuhr Firzaouli fort. Ohne ihn habe der Frieden eine bessere Chance. Firzaouli zeigte sich jedoch überzeugt davon, dass der "russische Staatsterrorismus" in Tschetschenien weiter gehen werde.

Mufti von Tschetschenien und einst selbst Feldkommandeur

Kadyrow war im ersten Tschetschenien-Krieg nach der Auflösung der Sowjetunion - von 1994 bis 1996 - noch selbst auf der Seite der Unabhängigkeitsbewegung. Als einer von mehreren Feldkommandeuren der Tschetschenen rief er diese zum Heiligen Krieg gegen Moskau und den damaligen Präsidenten Boris Jelzin auf. Kadyrow, der in Usbekistan Islam-Wissenschaften studierte, wurde 1995 Mufti von Tschetschenien, also das geistliche Oberhaupt der muslimischen Bevölkerung.

Nach dem Tod des tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew im April 1996 war Kadyrow anfangs auch noch dessen Nachfolger Aslan Maschadow ergeben. Doch konnte er sich nicht mit dem wachsenden Einfluss islamischer Fundamentalisten in der Umgebung Maschadows abfinden. Es kam zum Bruch, und Maschadow erklärte Kadyrow zum "Volksfeind Nummer eins".

Mit Beginn des zweiten Krieges im September 1999 stellte sich Kadyrow dann auf die Seite Russlands und sorgte dafür, dass die zweitgrößte tschetschenische Stadt Gudermes ohne eine Schlacht von den russischen Streitkräfte eingenommen wurde. Nach der blutigen Eroberung von Grosny belohnte Präsident Wladimir Putin Kadyrow im Juni 2000 mit dem Amt des Verwaltungschefs für Tschetschenien. Unter der Aufsicht des Kremls wurde eine neue Verfassung verabschiedet, und im Oktober vergangenen Jahres gewann Kadyrow die Präsidentenwahl - als einziger Kandidat erhielt er in der von Menschenrechtsgruppen als Farce verurteilten Abstimmung 81 Prozent der Stimmen.

Um Distanz zu Moskau bemüht

Im Verhältnis zu Russland zeigte sich Kadyrow aber weiter um eine gewisse Distanz bemüht. Als Ende April ein Militärgericht vier russische Offiziere freisprach, die wegen Mordes an sechs Zivilpersonen in Tschetschenien angeklagt waren, kritisierte er das Urteil. Es zerstöre "das brüchige Vertrauen in die Regierung", klagte der Präsident. Für die tschetschenischen Rebellen im Untergrund und in den Bergen aber blieb er bis zuletzt ein Verräter.

Nach dem Attentat deutete Putin an, er wolle an dem Modell eines tschetschenischen Präsidenten festhalten. Bis zum 9. September solle der Übergangs-Republikschef Sergej Abramow Neuwahlen organisieren. Doch bei der Wahl im Oktober 2003 hatte Moskau, um Kadyrows Sieg zu sichern, alle halbwegs namhaften tschetschenischen Politiker aus dem Rennen gedrängt. Der Moskauer Geschäftsmann Malik Saidulajew musste seine Kandidatur zurückziehen, der Duma-Abgeordnete Aslachan Aslanbekow wurde auf einen Beraterposten im Kreml berufen. Neue Kandidaten dürften schwer zu finden sein.

Am Sonntag kam ein Vorschlag wieder auf, der bereits vor der Überfall tschetschenischer Terroristen auf das Musical-Theater "Nordost" im Oktober 2002 erörtert worden war. Putin solle Tschetschenien seiner direkten Herrschaft unterstellen und eine Art Generalgouverneur mit Vollmachten über Militärs und Zivilisten ernennen, forderte der Politiker Dmitri Rogosin. 2002 hatten sich auch Sprecher des immer noch als gemäßigt geltenden Tschetschenen- Führers Maschadow diese Idee zu Eigen gemacht.

Zwischen Separatismus, Öl und Drogen

Die Hoffnung dabei ist, dass ein direkter Zugriff Putins die Wirtschaftsinteressen im Tschetschenien-Krieg durchbrechen könnte. Es gehe in Tschetschenien längst nicht mehr um Separatismus, sondern "um persönliche Macht, Korruption und Geschäfte mit Waffen, Öl und Drogen", sagte auch Putins Menschenrechtsbeauftragte Ella Pamfilowa an diesem Wochenende der Zeitung "Welt am Sonntag".

Peter Zschunke/AP AP DPA

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