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Tschetschenien: Wahlen in bester Sowjet-Tradition

Dass Tschetschenien durch die Neuwahl eines Präsidenten zur Ruhe kommt, gilt als unwahrscheinlich. Die Kreml-treue Regierung in Grosny verbot dem ernsthaftesten Konkurrenten Alchanows, Moskaus Favoriten, die Teilnahme.

Alles sah so ruhig und friedlich aus: Die Ehrenamtlichen lächelten in die Kameras des Staatsfernsehens, sie harkten gemäß dem Slogan "Saubere Stadt - saubere Wahlen" am vergangenen Samstag Blumenbeete und sammelten Müll von den Straßen Grosnys. In bester sowjetischer Tradition hatten die Behörden zum Großreinemachen aufgerufen. In der Nacht herrschte wieder blutige Realität: Dutzende Separatisten überfielen Polizeiwachen und Wahllokale in der tschetschenischen Hauptstadt. Laut Medienberichten kamen dabei mehr als 30 tschetschenische und russische Sicherheitskräfte sowie Zivilisten ums Leben. Einem russischen Militärsprecher zufolge wurden etwa 50 Separatisten getötet.

Der Kreml und die von ihm gestützte Regierung in Tschetschenien versuchen dennoch, ein Bild der Normalität aufrecht zu erhalten: Vor einigen Wochen wurde in Moskau ein Spiel für die tschetschenische Fußballmannschaft ausgerichtet. Die Behörden in Grosny weihten jüngst mit großem Pomp ein neues Stromnetz ein und gaben die Ausweitung des Mobilfunknetzes in der tschetschenischen Hauptstadt bekannt.

So gut wie nichts funktioniert

Dabei funktioniert in der Kaukasusrepublik so gut wie nichts: Elektrizität und Telefonverbindungen sind weitgehend ein Fremdwort. Rund drei Viertel der mehr als eine Million Einwohner sind arbeitslos. Hunderte Menschen sind einfach verschwunden, die meisten wurden wohl von den Separatisten entführt, einige aber wahrscheinlich von russischen Truppen und ihren einheimischen Verbündeten. Zehntausende Menschen sind geflohen, die meisten ins benachbarte Inguschetien. Die Regierung versucht, sie mit Prämien wieder zurück zu locken.

Der Ausnahmezustand wurde gerade verschärft: Am Donnerstag ordnete der Polizeichef, Generalmajor Alu Alchanow an, jeden Maskierten sofort zu erschießen, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete. Ein Sprecher der russischen Armee in Tschetschenien bestätigte am Donnerstag, dass russische Truppen in den vergangenen fünf Tagen mehr als 60 Separatisten im Land getötet hätten. Für rund 17.000 Soldaten und Polizisten, die zur Bewachung der Wahllokale und Polizeistationen abgeordnet wurden, gilt die höchste Sicherheitsstufe.

Und zuletzt erhärtete sich der Verdacht, dass der Absturz zweier russischer Passagierflugzeuge einen terroristischen Hintergrund hat: Am Wrack einer Maschine seien Spuren von Sprengstoff gefunden worden, erklärte der russische Inlandsgeheimdienstes FSB am Freitag. Zuvor war im Internet eine Erklärung aufgetaucht, mit der sich eine islamistische Gruppe zu Anschlägen auf die Flugzeuge bekannte.

Spirale der Gewalt

Dass Tschetschenien durch die Wahl zur Ruhe kommt, gilt als unwahrscheinlich - der Konflikt schwelt seit Jahrhunderten. Nach jahrzehntelangen Kämpfen besetzte die zaristische Armee 1859 das Land. Stalin ordnete im Zweiten Weltkrieg Massendeportationen an. Im Jahr 1991 erklärte Präsident Dschochar Dudajew die Unabhängigkeit von Russland, dessen Truppen 1994 einmarschierten, um den Verbleib in der Russischen Föderation zu sichern - Tschetschenien produziert Öl und grenzt an wichtige ölreiche Regionen an. Rund 30.000 Menschen kamen ums Leben, darunter Dudajew. 1996 zogen sich die russischen Truppen zurück. Im September 1999 marschierte Russland wieder ein, nachdem Rebellen eine Nachbarprovinz überfallen hatten und bei einer Serie von Bombenanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Städten rund 300 Menschen ums Leben gekommen waren.

Vor vier Monaten wurde der Präsident der Kaukasusrepublik, Achmad Kadyrow, mit einem Bombenanschlag ermordet. Am Sonntag stellen sich sieben Kandidaten für seine Nachfolge zur Wahl. Sechs von ihnen gelten nur als Zählkandidaten, der Favorit Moskaus ist Generalmajor Alu Alchanow. Beim Überraschungsbesuch von Russlands Präsident Wladimir Putin in der vergangenen Woche stand Alchanow neben Putin am Grab von Kadyrow. Die Regierung in Tschetschenien verbot dem einzigen ernsthaften Konkurrenten Alchanows die Teilnahme an der Wahl.

Urnengang als Farce

Viele Menschen halten den Urnengang für eine Farce: "Ich verstehe nicht, warum sie so viel Geld verschwenden", sagt die 28-jährige Sulai aus Grosny. "Das ist doch genau wie während der Sowjetherrschaft." Sergej Kowaljow, ein prominenter russischer Bürgerrechtler, kritisiert, keine Wahl sei in Tschetschenien jemals rechtmäßig gewesen. Vielen Tschetschenen sind die Wahlen sowieso egal: Magomet Isarapilow, ein tschetschenischer Musiker, der vor acht Jahren nach Moskau geflohen war, sehnt sich nur nach Ruhe und Ordnung - egal, wer letztlich der Gewinner sein sollte. "Ich leide mit meinem Volk. Es ist völlig erschöpft."

Mike Eckel/AP / AP / DPA
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