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Verschwörungstheorien: Steckt Erdogan selbst hinter dem Putsch?

Der versuchte Staatsstreich des Militärs in der Türkei war dilettantisch ausgeführt und schnell beendet. Vor allem aber: Er nützt Recep Tayyip Erdogan. Hat der Staatschef den Putsch selbst inszeniert?

Türkei Präsident Erdogan ruft im Fernsehen an

Der Präsident der Türkei am Telefon: Per Handy und Facetime meldete sich Recep Tayyip Erdogan beim Sender CNN-Türk

Ganz ohne Zweifel nützt der Putsch dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass er auf dem Weg zum allmächtigen Staatschef nun die günstige Gelegenheit hat, viele Posten und Institutionen von Kritikern und Gegnern zu säubern. Und siehe da: Keine 24 Stunden nachdem sich Teile des Militärs gegen Erdogan erfolglos erhoben hatten, verfügt er nicht nur die Festnahme der Putschisten, sondern lässt ganz nebenbei mehr als 2700 Richter ins Gefängnis stecken. In welchem Zusammenhang die Juristen auch immer mit dem versuchten Putsch stehen mögen.


Putschisten in der Türkei auffällig unauffällig 

Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit dieses Versuchs, die Staatsspitze zu entmachten: Die Aufständischen besetzten zwar ein paar wichtige Zufahrtswege in Istanbul, den Staatssender TRT und ließen demonstrativ ein paar Jets im Tiefflug über die Metropolen donnern - aber das war es im Wesentlichen schon. Der in Bodrum urlaubende Erdogan wurde unbehellligt gelassen, genau wie die zahlreichen privaten TV-Stationen und die wichtigen Flughäfen fielen nur kurz nach ihrer Besetzung durch die Putschisten wieder in die Hände der regierungstreuen Sicherheitskräfte.

Eine von vielen Verschwörungstheorien auf Facebook:


Wenig überraschend machten schon kurz nach dem Aufstand die ersten Verschwörungstheorien die Runde. War der Putschversuch gar von Präsident Recep Tayyip Erdogan selbst inszeniert? Diese Vorstellung teilen nicht nur Erdogan-Kritiker in der Türkei, sondern auch im Westen.

Was könnte da dran sein? Fragen und Antworten:

War der Putsch nicht verdächtig dilettantisch?

Er wurde zwar schnell niedergeschlagen, kostete aber einen hohen Blutzoll. Der prominente türkische Autor und Journalist Ahmet Sik bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass die Regierung von dem Plan Wind bekam und die Umstürzler sich zum Handeln gezwungen sahen, bevor ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren. Dafür spricht, dass Sicherheitsvorkehrungen durch regierungstreue Polizeikräfte zuvor sichtbar erhöht wurden. Es ist auch nicht der erste gescheiterte Putsch in der Türkei - einen solchen gab es bereits 1963.


Hätte Erdogan den Putschversuch inszenieren können?

Angesichts von Erdogans Einfluss wäre das vermutlich nicht undenkbar, aber doch sehr schwierig. Unter den mutmaßlichen Rädelsführern sollen fünf Generäle und 28 Oberste sein, die mit Erdogan unter einer Decke hätten stecken müssen. Erdogan hat öffentlich angekündigt, dass sie "einen sehr hohen Preis" bezahlen werden, vermutlich werden sie viele Jahre im Gefängnis sitzen müssen. Welchen Vorteil die Offiziere von einer solchen Verschwörung hätten, erschließt sich nicht.


Was hätte Erdogan von einem inszenierten Putsch? 

Die Aussicht auf mehr Macht. Der Putschversuch dürfte Erdogan als Argument für sein wichtigstes und umstrittenstes Ziel dienen: Die Einführung eines Präsidialsystems, das nach seinen Worten für mehr Stabilität in der Türkei sorgen soll. Allerdings: Erdogan ist bereits jetzt unangefochten der mächtigste Politiker der Türkei. Die Chancen, dass er sein Präsidialsystem bekommt, standen schon vor dem Putschversuch nicht schlecht. Es erscheint ein sehr hohes Risiko, einen Umsturzversuch zu inszenieren, um diese Chancen zu erhöhen.


Ist Erdogan nicht bekannt für seine Risikofreude? 

Doch. Aber ein inszenierter Putsch wäre wohl auch für seine Verhältnisse extrem hoch gepokert. Ein westlicher Sicherheitsexperte, der an eine Inszenierung nicht glauben mag, drückt das so aus: "Das ist, als würdest Du Dein Haus anzünden und hoffen, dass es nicht abbrennt. Aber am Ende brennt es vielleicht doch ab."

Wirkte Erdogan beim Putschversuch, als habe er alles unter Kontrolle?

Nein. Er und auch Ministerpräsident Binali Yildirim wirkten nervös. Mitarbeiter aus Erdogans Umfeld schienen verunsichert.

War es nicht verdächtig still um Erdogan in den Tagen davor?

Das stimmt. Regierungskreise liefern dafür aber eine plausible Erklärung: Erdogan habe den Bayram-Urlaub nachgeholt, den er während des Festes zum Ende des Fastenmonats Ramadan nicht mit seiner Familie verbringen konnte - weil er beim Nato-Gipfel in Warschau war.

Türkischer Staatschef: Warum Erdogan wegen Hetze schon im Gefängnis saß


nik mit DPA