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Ukraine-Konflikt: Was ist dieses Neurussland, von dem Putin spricht?

Es braucht nicht viel Fantasie, um aus Putins Äußerungen zu lesen, dass die Ost-Ukraine bald zu Neurussland werden soll - und damit zum Zugriffsgebiet Russlands. Was heißt das und was ist Neurussland?

Von Niels Kruse

Einschulung in der ostukrainischen Rebellenhochburg Slawjansk: Werden die ABC-Schützen am Ende ihres Schuljahres Ukrainer oder Neurussen seìn?

Einschulung in der ostukrainischen Rebellenhochburg Slawjansk: Werden die ABC-Schützen am Ende ihres Schuljahres Ukrainer oder Neurussen seìn?

Er hat schon wieder Neurussland gesagt. So beiläufig, so selbstverständlich, ganz so, als wäre diese Angelegenheit mit Neurussland schon eine ausgemachte Sache. Als müssten die Kartenzeichner in Schulen und Verlagen nur noch eben die Grenzen einzeichnen. "Verteidiger von Neurussland" nannte der russische Präsident die Separatisten im Osten und es dürfte das zweite oder dritte Mal im vergangenen halben Jahr gewesen sein, dass Wladimir Putin mit diesem Begriff aus der Mottenkiste der Geschichte Ukrainer und den Rest Europas aufschreckt. Schließlich heißt das nichts anderes als: Der Donbass ist für die Ukraine verloren, Moskau wird künftig (wieder) das Sagen haben. Faktenschaffen auf Kreml-Art.

Was also verbirgt sich hinter der nach Kolonialsprech klingenden Bezeichnung 'Neurussland' oder Noworossija, wie es im Russischen heißt? Kulturell gesehen ist Neurussland der Ursprung der Potemkinschen Dörfer - jene Orte, deren schön herausgeputzte Fassaden die dahinterliegende, zerfallende Substanz verbergen. Mitte des 18. Jahrhunderts war Grigori Potjomkin, der Vertraute von Katharina der Großen, damit beauftragt, die damals neue Provinz Neurussland auf Vordermann zu bringen: eine mit deutschen Tunichtguten, griechischen Seefahrern und polnischen Großbauern besiedelte Ecke zwischen dem Donezk-Becken und dem Schwarzen Meer - grob gesagt, das, was heutzutage die Süd- und Ostukraine ist. Auch Teile der Krim gehörten dazu, die Halbinsel steht bereits unter russischer Kontrolle, nun fehlt in Putins Sammlung noch der nördliche Teil des historischen Neurusslands.

Ein Geschenk an die Ukrainer

Das Gebilde wurde 1765 als Militärbezirk und Pufferzone gegründet, nachdem die Russen die zuvor dort herrschenden Osmanen und Krimtartaren zurückgedrängt hatten. Das erste Neurussland existierte gerade einmal 20 Jahre und wurde Anfang des 19. Jahrhunderts noch einmal kurzzeitig wiederbelebt.

In den ersten Jahren des Bestehens lockte Katharina die Große als Aufbauhelfer zahlreiche Deutsche in das Gebiet. Weil die Nachfrage aber größer als das Angebot war, verpflichteten die Werber der Zarin wahllos gescheiterte Existenzen, die von den anderen Siedlern schnell als "Abschaum Deutschlands" bezeichnet wurden. Nach der Russischen Revolution 1917 ging das Gebiet an die Ukraine. Die Bolschewiken wollten sich mit dem Geschenk die Sympathien der Ukrainer erkaufen.

Aus Sicht der Regierung im Kreml gehört die Gegend also traditionell zu Russland, weshalb die Wiedergründung von Neurussland, wie die Rebellen ihre "Volksrepubliken" Donezk und Lugansk seit dem Frühjahr nennen, aus ihrer Perspektive nur folgerichtig ist. Ob Noworossija nun vom großen Nachbarn annektiert wird, lässt sich aus den widersprüchlichen Äußerungen des russischen Regenten noch nicht absehen. Handfeste Gründe gäbe es. Das Wetter zum Bespiel.

Auf Twitter schreibt die gebürtige Ukrainerin Marina Weisband, Ex-Vorstand der Piratenpartei: "Wenn die Sturm-Saison losgeht, dürfte Putin diplomatischer mit Ukraine sein. Er muss Krim dann über Ukr versorgen. Bis zum nächsten Sommer." Das müsste er - es sei denn, der Kremlchef schafft es, über das Konstrukt Neurussland eine Landverbindung zum Schwarzen Meer zu etablieren. Bis die Sturm-Saison beginnt, dauert es nicht mehr lange. Und danach folgt auch schon bald das strenge Väterchen Frost.