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Mutmaßliche Kriegsverbrechen Verhaftet, verschleppt, gefoltert: UN-Mission enthüllt neue Dimension der Grausamkeit in russischen Gefängnissen

Ukraine: Frauen halten Banner mit der Aufschrift "Stoppt Russlands Terror" hoch
Kiew, Ukraine. Bei einer Gedenkveranstaltung tragen Frauen ein Banner mit der Aufschrift "Stoppt Russlands Terror".
© Ukrinform / DPA
Seit Kriegsbeginn in der Ukraine wächst die Sorge über Russlands Umgang mit ukrainischen Gefangenen. Nun berichten die Vereinten Nationen von hunderten Fällen grundloser Verhaftungen, Verschleppungen und Folter in russischen Haftanstalten.

In einigen russischen Gefängnissen gibt es eine Art "Willkommensprozess". Kommen dort neue ukrainische Gefangene an, bilden die Wächter einen Korridor, den diese durchlaufen müssen. Dabei werden sie mit "Ketten, Metallrohren oder Ähnlichem" geschlagen, berichtet Stas Hlushko der "New York Times". Der 37-jährige Ukrainer wurde Anfang Juli aus dem berüchtigten russischen Gefangenenlager in Oleniwka entlassen. Soldaten seien schlimmer gefoltert worden als Zivilisten wie er selbst, sagt Hlushko. In seiner Zelle habe es einen Mann vom Rettungsdienst gegeben, der sich einen Tag lang nicht bewegen konnte, nachdem er mit Elektroschocks misshandelt worden sei.

Augenzeugenberichte wie der von Hlushko sind längst keine Einzelfälle mehr. Inzwischen sprechen auch die Vereinten Nationen von einem "dramatischen Anstieg an Rechtsverletzungen". 

Seit Einmarsch der russischen Truppen seien hunderte Fälle von willkürlichen Verhaftungen und Verschleppungen dokumentiert worden, wie Matilda Bogner, Leiterin der UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine, am Freitag mitteilte. Zudem gebe es immer mehr Hinweise auf Folter und Misshandlungen an ukrainischen Gefangenen, die – falls bewiesen – Kriegsverbrechen darstellen könnten.

Schwere Vorwürfe gegen Russland: Hunderte Fälle von willkürlichen Verhaftungen

Insgesamt seien seit Kriegsbeginn im Februar mindestens 416 Menschen Opfer von willkürlichen Verhaftungen oder Verschleppungen durch russische Streitkräfte geworden, heißt es von den Vereinten Nationen. Von ihnen seien 16 tot aufgefunden worden, 166 Menschen wurden demnach wieder freigelassen. Den UN-Beobachtern zufolge seien auch mindestens vier Schwangere in Gewahrsam von Moskaus Truppen. "Wir fordern die Russische Föderation nachdrücklich auf, die sofortige Freilassung dieser Frauen aus humanitären Gründen in Betracht zu ziehen", verkündete Bogner.

Die Missionsleiterin warnte zudem, dass die Bedingungen in einigen russischen Haftanstalten eine ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit der Gefangenen darstellten. Demnach gebe es in mehreren Lagern unzureichend Nahrung, Wasser und sanitäre Einrichtungen. 

Besonders besorgt zeigte sich die UN-Mission über die Lage in der Strafkolonie von Oleniwka im ostukrainischen Donezk. Dort gäbe es Berichte über Kriegsgefangene, die an Infektionskrankheiten wie Hepatitis A und Tuberkulose leiden würden. Das Gefangenenlager Nummer 120 war international bekannt geworden, nachdem bei Explosionen in der Nacht zum 29. Juli 53 ukrainische Gefangene getötet wurden. Bis heute sind die Umstände unklar, da weder das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), noch unabhängige Ermittler geschweige denn Vertreter aus Kiew Zugang bekommen.

Auch Ukraine muss sich für Verschleppungen verantworten

Doch auch die andere Seite muss sich laut der UN-Mission für Verbrechen verantworten. Insgesamt deuteten 51 Fälle von willkürlichen Verhaftungen und 30 Fälle von Verschleppungen auf ukrainische Streitkräfte hin, verkündete Missionsleiterin Bogner. Zudem stellte sie fest, dass auch russische Kriegsgefangene misshandelt worden seien – meist bei ihrer Festnahme, während der ersten Verhöre und beim Transport in Gefangenenlager. Auch diese Handlungen könnten Kriegsverbrechen gleichkommen, erklärte Bogner.

Im Gegensatz zu den russischen Behörden hätten die Vereinten Nationen von ukrainischer Seite jedoch "ungehinderten" Zugang zu den Haftanstalten erhalten. So habe die Mission in der Ukraine rund 160 Kriegsgefangene besucht und dabei feststellen müssen, dass die meisten in zu engen Zellen gehalten werden. Nur ein Lager habe den internationalen Standards entsprochen. 

Russland hingegen hatte den Beobachtern der UN-Mission den Zugang zu Haftstätten verweigert. Konfrontiert mit der Erklärung der Vereinten Nationen, lehnte Kremlsprecher Dmitri Peskov es ab, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Seine Begründung: Er habe nicht genügend Informationen über die Interaktionen zwischen dem UN-Team und den russischen Behörden vor Ort.

Trotz Gegenoffensive wenig Hoffnung für ukrainische Gefangene

Die neuen Vorwürfe der Vereinten Nationen kommen zu einer Zeit, in der die Ukraine selbst wichtige militärische Erfolge verzeichnet. Kiews Truppen drängten die russischen Besatzer in den letzten Tagen in einigen Gebieten im Osten und Süden des Landes zurück. Doch die Gegenoffensive bleibt nicht unbeantwortet. So meldete die Ukraine am Sonntag großflächige Stromausfälle infolge russischer Angriffe auf die kritische Infrastruktur.

"Was die Russen gestern gemacht haben, war Terror", bilanziert Militärexperte Carlo Masala im aktuellen stern-Podcast "Ukraine – Die Lage". So würde nur Russland einen militärischen Angriff der Ukraine mit Schlägen gegen die Zivilbevölkerung vergelten. Auch Kremlsprecher Peskow bekräftigte der Nachrichtenagentur Interfax zufolge: "Die militärische Spezialoperation wird fortgesetzt. Sie wird fortgesetzt, bis die anfangs gesetzten Ziele erreicht sind."

Für all die in Gefangenschaft geratenen Ukrainer bedeutet das erstmal wenig Hoffnung auf Besserung.

Quellen: "UN-Bericht", "NY Times", "Reuters", mit AFP-Material

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