HOME

Union- Szenarien: Marianne und Michel träumen von der Ehe

Nach dem Schulterschluss gegen den Irak-Krieg werden die Franzosen mit faszinierenden Ideen einer gemeinsamen Zukunft mit dem früheren Intimfeind konfrontiert. Französische Medien führen seitenlang aus, warum Paris und Berlin eine politische Ehe eingehen sollten.

"Frankreich und Deutschland träumen von einer Ehe." Auf den Tag genau 85 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, der für die Franzosen weiterhin "La Grande Guerre" ist, überraschte die Zeitung "Le Parisien" ihre Leser mit dieser Schlagzeile. 48 Stunden später hob auch die angesehene "Le Monde" am Donnerstag "Szenarien für eine Union Frankreichs mit Deutschland" ganz nach oben ins Blatt - und führte seitenlang aus, warum Paris und Berlin über einen Bund fürs Leben nachdenken. In den Zeiten nach dem Schulterschluss gegen den Irak-Krieg werden die Franzosen mit faszinierenden Überlegungen einer Zukunft im Zweiertakt konfrontiert. Wobei die Debatte erst in den Kinderschuhen steckt und manche vor zu großen Illusionen warnen.

"Beziehungen so eng wie noch nie"

Die klarsten Worte dazu sind bisher an der Seine gefallen, vor allem vom Außenminister. Die deutsch-französischen Beziehungen seien so eng wie noch nie und sollten noch enger werden, meinte Dominique de Villepin Anfang November. Den Annäherungsprozess nannte Villepin "die einzige historische Herausforderung, die wir nicht verlieren können". Während der Außenminister öffentlich über die Vorzüge eines Bundes mit Berlin spekulierte, hält Premierminister Jean-Pierre Raffarin die Zeit für reif, in der Sache "recht weit" zu gehen.

Neben der Irak-Krise ist beiderseits des Rheins die Erkenntnis gewachsen, dass auf den Feldern von Sozial- und Wirtschaftspolitik doch dieselben Probleme bestehen und angepackt werden müssen. Raffarin war es, der aber auch durchblicken ließ, warum in Frankreich verstärkt über eine Union mit dem früheren Intimfeind geredet wird: "Wenn das erweiterte Europa der 25 scheitert, was bleibt Frankreich dann noch? Die Initiative der deutsch-französischen Annäherung." Paris setze die Diskussion dabei bereits als ein taktisches Mittel ein, um die Europäische Verfassung durchzudrücken, meinte "Le Monde" am Donnerstag: "Falls die Gefahr einer gelähmten EU bestünde, würden Paris und Berlin ihren Weg einer stärkeren Integration allein weiter gehen." Das wäre genau das Europa der "zwei Geschwindigkeiten", das kleine EU-Länder schon befürchten.

"Atlantische Präferenz" traditionell stärker ausgeprägt

Soweit ist es aber noch nicht - auch wenn Kanzler Gerhard Schröder sich in Brüssel von Präsident Jacques Chirac vertreten ließ, es jetzt gemeinsame Kabinettssitzungen gibt und manche dafür plädieren, beide Armeen zusammenzulegen. Im Gegensatz zum Kanzleramt sei der Hang zur Annäherung im Berliner Außen- und Verteidigungsministerium nicht gar so groß, erläuterte Christoph Bertram, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). In der deutschen politischen Klasse ist die "atlantische Präferenz" traditionell eben stark ausgeprägt.

Rasche Straßeninterviews des "Parisien" in Deutschland wie in Frankreich brachten auch viel Skepsis an den Tag. Unterstrichen wird in Paris aber gern eine jüngste Ipsos-Umfrage, wonach 56 Prozent der Deutschen Frankreich für den verlässlichsten Partner in Zeiten der Krise halten - nur 28 Prozent wollten sich lieber an die starke Brust Washingtons werfen. Bei einer Befragung 1996 waren es doch noch zwei Drittel (64 Prozent), die Amerika nannten. Damals jedoch residierte Bill Clinton im Weißen Haus - und es hatte noch keinen Irak-Krieg gegeben.

"Deutsch-französischer Bund eine Utopie"

Dass all dies keine abgemachte Sache ist und schon gar nicht von heute auf morgen geht, weiß der französische EU-Kommissar Pascal Lamy sehr wohl: "Ein deutsch-französischer 'Bund', das ist eine Utopie, die mobilisiert. Man darf sich allerdings keine Illusionen machen, die öffentlichen Meinungen sind nicht soweit." Schon die Diskussion über eine von Interessen bestimmte Ehe dürfte aber politische Folgen haben - ganz gleich, wie intim Michel und Marianne wirklich werden.

Hanns-Jochen Kaffsack / DPA