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US-Kongresswahlen 2010: Obama, der trotzige Heilsbringer

Bei den US-Wahlen geht es auch um Barack Obama. Seine Bilanz ist nicht so schlecht, wie sie gemacht wird. Aber Amerika hat Angst vor dem Absturz. "On tour" mit einem angeschlagenen Präsidenten.

Von Giuseppe Di Grazia, Chicago

Wie oft haben sie sich gewünscht, er würde mal wütend werden. Mal schreien, ja wenigstens Gefühle zeigen, dieser Mr. Cool im Weißen Haus. Barack Obama hat sich immer geweigert. An diesem Abend aber im Hyde Park - in Laufnähe seines Hauses in Chicago - erleben mehr als 35.000 seiner Anhänger einen Präsidenten, der aus sich herausgeht und vielen von ihnen wieder den Glauben an diesen Mann zurückgibt: Barack Obama, der Kämpfer. Barack Obama, der verteidigt und angreift. Barack Obama, der weiter das neue Amerika erschaffen will. Auch wenn ihm bisher nicht alles gelungen ist. Auch wenn seine Demokraten die Kongresswahlen verlieren werden.

Er war nicht wütend dabei, nein, das nicht, aber manchmal schrie er seine Worte in den Nachthimmel von Chicago hinaus, manchmal überschlug sich seine Stimme sogar. Zum Beispiel, als er sagte: "Lasst euch nicht einreden, wir hätten versagt, lasst euch nicht einreden, wir hätten nichts erreicht." Und: "Chicago, ich brauche euch, ihr müsst weiter kämpfen. Ihr müsst weiter daran glauben". Es war der erste Auftritt von Obama in seiner Heimatstadt Chicago seit der Siegesfeier vor zwei Jahren. Die Zuschauer tobten wie damals. 2008, weil sie euphorisch waren; nun, weil sie trotzig sind.

Er flirtet mit seinen Anhängern

Obama selbst scheint es nach all diesen langen, quälenden Monaten im Weißen Haus wieder zu genießen, da draußen zu sein - bei den Menschen, auf der Wahlkampfbühne. Er flirtet wieder mit dem Publikum, und die Menschen mit ihm. Lange hatte man das nicht mehr gesehen. Mit seinem Schlussspurt am vergangenen Wochenende in vier Staaten mobilisierte Obama viele Anhänger für seine Demokraten, die am Dienstag vor einer herben Niederlage stehen - und damit natürlich auch Obama.

Der Präsident will das Schlimmste verhindern: den Machtverlust im Repräsentantenhaus und im Senat. Alle rechnen damit, dass die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus erringen, wo alle 435 Plätze neu zu besetzen sind. Wenn die Konservativen auch noch die Mehrheit im Senat (51 Sitze) erreichen sollten, wo 37 Sitze zur Wahl stehen, wäre das für Obama und die Demokraten ein Debakel. Laut den letzten Umfragen sieht es noch so aus, als könnten die Demokraten zumindest den Senat für sich entscheiden.

Obama setzte bei seinem kleinen Wahlkampf-Marathon wie schon 2008 vor allem auf die Jugend. In Philadelphia feuerte er etwa 1000 Wahlkampfhelfer in einer Sporthalle so an, als wäre er Trainer des lokalen Football-Teams. Nur sieben Minuten lang sprach er zu ihnen, aber mit einer klaren Botschaft: "Klopft an 20.000 Türen, beschafft uns die Stimmen. Jetzt. Geht raus! Ich brauche euch da draußen", rief er ihnen zu.

In Cleveland malte er im "Wolstein Center" auf dem Universitäts-Campus den etwa 4000 Zuhörern aus, was sie riskieren, wenn demokratische Wähler am Dienstag nicht in großer Zahl an die Urnen gehen: "Die Republikaner werden dann alles wieder rückgängig machen, wofür ihr und ich 2008 gekämpft haben. Sie wollen alle Fortschritte der vergangenen zwei Jahre zunichte machen."

Wenn man Obama in diesen letzten Tagen des Wahlkampfes begleitet, wird klar, dass er immer noch die Massen mobilisieren kann. Dass er bei seinen Anhängern immer noch das Feuer der Leidenschaft entzündet. Aber viel zu lange hatte er es auf zu kleiner Flamme gehalten. Christina Thomas, eine Krankenschwester in Cleveland, sagt: "Obama hätte mehr mit den Leuten sprechen müssen während der ersten zwei Jahre. Er hätte öfter so kämpfen sollen für das, was er möchte, für das, was wir alle möchten - und nicht den Republikanern mit ihren verklärenden und irreführenden Botschaften das Feld überlassen." In Chicago erzählt der Handwerker Lloyd Portman: "Vielleicht haben wir genau auf diesen Moment gewartet, dass er uns alle wieder braucht, dass er uns alle wieder motiviert. Aber vor allem, dass er uns zeigt: Ja, ich kann es noch. Und ihr auch."

Obama und der wankende Riese

Obama kam vor fast zwei Jahren an die Spitze eines tief verunsicherten, gespaltenen und auch traumatisierten Landes. Er hat in seiner bisherigen Amtszeit trotzdem viel erreicht. Es sind ihm Reformen gelungen, an denen viele andere Präsidenten gescheitert sind. Er hat schärfere Gesetze und Auflagen für den Finanzmarkt durchgesetzt, er hat mit seinem Konjunkturprogramm den Absturz der Wirtschaft verhindert, strengere Vorgaben für Amerikas Schulen eingeführt, die US-Truppen aus dem Irak nach Hause geholt. Aber vor allem hat er endlich allen Amerikanern das Recht auf eine Krankenversicherung verschafft. Seine Bilanz ist gut, aber nicht gut genug, um die viel zu hohen Erwartungen zu erfüllen, die mit seiner Wahl verbunden waren. Und es ist ihm nicht gelungen, den von den Amerikanern so herbei gesehnten Jobboom auszulösen. Die Arbeitslosigkeit liegt immer noch bei etwa zehn Prozent.

Obama versucht immer wieder, den Leuten klar zu machen, dass ohne die Obama-Regierung alles noch viel schlimmer geworden wäre. In Cleveland sagte der Präsident: "Rund vier Millionen Amerikaner haben ihre Job verloren, bevor ich mein Amt übernahm, weitere vier Millionen, bevor ich überhaupt Maßnahmen einleiten konnte. Seitdem ist es besser geworden. Wir müssen nur weiter daran glauben. Der Motor läuft und ist bereit zum Losfahren." Wirtschaftsexperten geben dem Präsidenten Recht, aber Obamas Problem ist, dass er seine Botschaften nicht mehr so klar an die Wähler bringen kann wie 2008: Ein einfaches "Yes, we can" oder "Change" kommt eben besser an als ein "Ja, aber" oder "Wir brauchen noch Zeit". Ein Mann, der gegen die Herrschenden in Washington ist, gewinnt immer viele Stimmen der Frustierten - nun aber ist Obama selbst Washington.

Barack Obama war für viele der Heilsbringer nach den dunklen Bush-Jahren. Die Menschen in den USA waren begeistert von diesem Mann, der sich so ganz anders präsentierte als viele Politiker. Und sie waren auch von sich selbst begeistert, weil sie den ersten schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt hatten. Bei aller Euphorie wurde vergessen, dass dieser neue Präsident einen wankenden Riesen übernommen hatte.

Die USA ist eine taumelnde Wirtschaftsnation, weil Schulden und Armut steigen. Sie ist eine scheiternde Militärmacht wegen der Kriege im Irak und Afghanistan. Sie hat als Großmacht Ansehen verloren, weil Europäer und Chinesen aufholen. Die Amerikaner spüren das alles, sie haben Angst vor dem Abstieg; sie fürchten um ihre Stellung in der Welt, und sie fürchten, dass sie ihren Job verlieren, ihr Haus und dass sie kein Geld mehr haben für die Ausbildung ihrer Kinder.

Die Angst treibt die Leute zur Tea Party

Es ist diese Angst, die die Amerikaner zornig macht. Es ist diese Angst, die viele von ihnen nun zu Anhängern der Tea-Party-Bewegung macht, die ihnen verspricht, das gute alte, starke Amerika wiederzubeleben. Und dieses gute alte, starke Amerika war vorwiegend weiß und konservativ. Die Tea Party und die Republikaner beschwören diese alten Tage oder besser gesagt: Sie verklären sie. Statt mit Obama an den notwendigen Reformen zu arbeiten, betreiben sie eine Blockadepolitik. Sie haben sich so ziemlich jedem von Obama angestrebten und von den Demokraten verabschiedeten Gesetz widersetzt.

Die Republikaner wollen zurück, Obama möchte weiter nach vorne. Das dürfte nach diesem Dienstag nicht viel anders werden. Die Frage wird sein, wie Obama dann weiter gestalten will, wenn er durch die veränderte Sitzverteilung im Repräsentantenhaus und im Senat mit noch größerem Widerstand rechnen muss als bisher. Um das große Debakel zu verhindern, beschwor er am Wochenende bei all seinen Auftritten zum Schluss immer wieder die Zuhörer: "Ich brauche euch, ihr müsst weiter kämpfen."

Als er in Chicago nach seiner Rede einigen Anhängern die Hände schüttelt, nimmt ihn eine ältere Frau mit Brille und Aretha-Franklin-Gedächtnisfrisur in die Arme und schreit ihn an: "Gib nicht auf! Gib nicht auf! Lass die Republikaner nicht wieder alles kaputt machen!" Obama lacht, drückt sie fest und sagt zu ihr: "Ich gebe bestimmt nicht auf. Wir alle dürfen nicht aufgeben." 2008 sah beim Obama-Wahlkampf alles nach einem großen Spaß aus. Nun sieht es nach viel Arbeit aus. Und ganz viel Trotz.

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