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US-Kongresswahlen: Dauerfeuer von rechts

Sie polarisieren, schüren Angst, lieben das Spiel mit der Macht und hassen Barack Obama: stern.de stellt die Scharfmacher der Konservativen im US-Kongresswahlkampf vor.

Von Nora Schmitt-Sausen, Washington

Progressivismus ist Krebs", steht auf der altmodisch-grünen Schultafel geschrieben. Energisch pocht Glenn Beck mit einem Stück Kreide immer wieder auf diesen Worten herum. Dann wendet er sich zur Seite und blickt mit entschlossenem Gesicht in die Kamera. "Progressivismus ist Krebs", brüllt der Nachrichtenmoderator. Und weiter: "Der Progressivismus will unseren amerikanischen Traum zerstören."

Nur auf den ersten Blick sieht der milchgesichtige Mittvierziger aus, also könne er kein Wässerchen trüben. Sobald der Fox-News-Moderator aber den Mund aufmacht, feuert er mit schweren Salven in Richtung des liberalen Lagers in den USA. Präsident Barack Obama ist jetzt, vor den Wahlen zum Kongress, die liebste Zielscheibe seiner verbalen Hard-Core-Attacken. Beck bezeichnet ihn abwechselnd als "Moslem", "Sozialisten" und "Rassisten". Nicht nur bei den Aktivisten der radikalen Tea-Party-Bewegung stößt er damit im Wahlkampf auf offene Ohren.

"Sie führen uns zum Schlachthof"

Beck ist kein trockener Nachrichtensprecher, sondern ein geübter Performer: Wenn ihm etwas nicht passt, zieht er gerne mal eine Flunsch wie ein Kind oder jault wie ein trauriger Hund. Manchmal drückt er auch effektvoll eine Krokodilsträne heraus. Doch Beck ist alles andere als ein personifizierter schlechter Scherz. Seit er vor anderthalb Jahren vom renommierten Nachrichtensender CNN zu Fox News wechselte, gilt er als Sprachrohr der Ultra-Konservativen Amerikas. Wenn er spricht, hört die amerikanische Nation hin. Egal wie radikal seine Botschaften auch sind.

Becks Auftritte sind eine hochexplosive Mischung. Gerne gibt er den Moralapostel oder spielt den Aufklärer der Nation. Fast immer zeichnet der Moderator eine apokalyptische Zukunft Amerikas ("Die Uhr tickt …", "der Krieg hat gerade erst begonnen ...", "Sie führen uns zum Schlachthof") und wittert hinter allem und jedem eine Verschwörung ("Da ist ein Putsch im Gange"). Auffallend gerne spricht der 46-Jährige von sich selbst. Mit sichtlicher Freude mokiert er sich über das, was die Kritiker über ihn schreiben. Der eigene Name fällt in seiner Show fast so oft wie Obamas. Wie eine Eisprinzessin dreht er seine Pirouetten um sich selbst.

Der Aufmerksamkeit für sein tägliches Schaulaufen kann sich Beck sicher sein. Seine Einschaltquoten liegen jenseits der zwei Millionen Marke. Seine radikale Sicht auf die Welt hat der streng gläubige Mormone auch in mehreren Büchern zu Papier gebracht. Sie wurden zu Bestsellern. In Rekordzeit habe er sich an die Spitze seines Faches katapultiert, urteilte das renommierte "New York Times Magazine" über das Phänomen Beck.

"Kind Karl" und die "American Crossroads"

An der Spitze seines Faches steht unbestritten auch Karl Rove. Der 59-Jährige ist einer der schillernsten Berater der amerikanischen Polit-Szene. Er war der "Architekt" der Karriere von Ex-Präsident George W. Bush. Super-Hirn, Präsidenten-Flüsterer, Über-Leichen-Geher nennen sie ihn in Washington. Im Wahljahr 2010 kommt noch ein Spitzname dazu: Geldeintreiber.

Just zur Wahlkampfzeit ist Rove aus der Versenkung aufgetaucht. Bushs ehemaliger Vertrauter lenkt die Geschicke der dubiosen Gruppe "American Crossroads", einer rechten Vereinigung, die landesweit Millionen in Negativ-Kampagnen gegen demokratische Kandidaten investiert. Unlängst erhielt die mächtige Gruppierung mehr als 13 Millionen Dollar Spendengelder innerhalb von nur einer Woche.

Rove nutzt dabei seine über Jahrzehnte gefüllten Adressverzeichnisse und profitiert von dem exzellenten Ruf, den er bei Amerikas konservativen Super-Reichen genießt. Sie vertrauen darauf, dass "Kind Karl" ihr Geld im Kampf gegen die verhassten Demokraten richtig einzusetzen weiß.

Unvergessen: Vernichtungsfeldzug gegen McCain

Denn Roves Händchen ist legendär. Fast 15 Jahre lang war er für Bush das, was heute David Axelrod für Barack Obama ist: Ein brillanter Stratege, der die Klaviatur des amerikanischen Politikbetriebes meisterhaft beherrschte. Doch anders als Saubermann Axelrod scheute Rove nie vor Tritten unter die Gürtellinie zurück. Er denunzierte die politischen Gegner, wo er nur konnte.

Zu den zweifelhaften Höhepunkten seiner Karriere gehört sein Vernichtungsfeldzug gegen John McCain im Vorwahlkampf der Präsidentschaftswahl 2000. Rove zerstörte den Gegenkandidaten seines Auftraggebers mit gezielt gestreuten Gerüchten, dessen dunkelhäutige Adoptiv-Tochter sei ein Kind aus einer Affäre. Das Ergebnis der Denunzierung: Bush wurde republikanischer Präsidentschaftskandidat und zog später ins Weiße Haus ein.

Doch mit dem Untergang Bushs verglühte auch Roves Stern. Seine Wahlkampfkünste blieben bei der Zwischenwahl 2006 wirkungslos, der Guru konnte den Sinkflug seines Präsidenten nicht aufhalten. Im Sommer 2007 verließ er seinen Posten als stellvertretender Stabschef im Weißen Haus mit einer "befleckten Legende", wie es die "New York Times" formulierte.

Demokraten beklagen "dreckige Tricks"

Rove galt damals als der Feind Nummer eins für die Demokraten. Und er ist es auch jetzt wieder. Das linke Lager hat Rove zur Zielscheibe des aktuellen Wahlkampffrustes gemacht. Es ereifert sich lautstark über die "dreckigen Tricks und unehrlichen Kampagnen" und sieht in Roves Organisation eine "mit Geld voll gestopfte Maschine für politische Fehlinformationen", wie unlängst in einem Blogger-Netzwerk der Washington Post zu lesen war. Auch Obama brandmarkt Roves Machenschaften – dieser nehme Geld aus dubiosen Quellen an. Der Beschuldigte setzt die Unschuldsmine auf. Der Präsident und seine Regierung verbreiteten Lügen über ihn, um von eigenen Fehlern abzulenken. "Haben diese Leute keine Scham?", gab sich Rove unlängst auf seinem konservativen Heimatkanal Fox News lammfromm.

Die Demokraten sind wegen der Lobbyisten-Gelder mächtig unter Druck. Sie hecheln sowohl in den Umfragen als auch in den Spenden-Geldranglisten vielerorts nur hinterher.