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BVB schlägt Neapel mit 3:1: Mit Dauerfeuer zurück im Geschäft

Was für ein Erfolg! Trotz zahlreich vergebener Torchancen hat der BVB in der Champions League 3:1 gegen Neapel gewonnen – jetzt muss in Marseille ein Sieg her, um in das Achtelfinale einzuziehen.

Von Tim Schulze

Die Stimmung in Dortmund war in den vergangenen Tagen im Keller. Da gab es den Kreuzbandriss von Verteidiger Neven Subotic und die atmosphärischen Störungen mit Bundestrainer Joachim Löw. Dann löste sich die Stammabwehr nach den Verletzungen von Mats Hummels und Marcel Schmelzer endgültig in ihre Bestandteile auf. Zu guter Letzt kassierten sie im eigenen Stadion eine klare Niederlage gegen die Bayern – von spanischen Verhältnissen in der Bundesliga mit zwei ebenbürtigen Clubs spricht seitdem niemand mehr. Die Bayern herrschen unangefochten. Dortmund, der Meister von 2011 und 2012, hechelt hinterher.

Und dann die nächste schwere Hürde: In der Champions League drohte das vorzeitige Aus, wenn die Dortmunder nicht gegen Neapel gewinnen würden - ein Endspiel zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der Champions-League-Finalist von 2013, der mit seinem Powerfußball ganz Europa beeindruckt hatte, scheitert in der Gruppenphase. Das war ein Albtraumszenario, das sich auch ein Schalke-Fan für den ärgsten Rivalen nicht hätte schlimmer ausdenken können (außer einem Schalker Sieg im nächsten Derby).

BVB fegt alle Zweifel beiseite

Die Konstellation in der Gruppe F verkomplizierte die Lage noch, weil Dortmund 1:0 oder mit zwei Toren Abstand gewinnen musste, um mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Marseille aus eigener Kraft den Einzug in das Achtelfinale zu schaffen. Mittelfeldmann Nuri Sahin erzählte nach dem Spiel vom Versuch Klopps, seinen Spielern die Ausgangslage verständlich zu machen: "Der Trainer hat es uns in der Kabine erklärt, aber ich habe es nicht verstanden."

Ob man das glaubt oder nicht hat jetzt keine Bedeutung mehr – die Dortmunder fegten durch den begeisternden 3:1-Erfolg gegen die Italiener auf einen Schlag alle Zweifel und theoretischen Berechnungen beiseite. So schnell kann sich die Stimmung drehen, auch wenn sie wissen, dass ein Sieg in Marseille, das bislang alle Partien verloren hat, kein Selbstgänger ist. Klopp warnte schon mal vor: "Das wird kein Zuckerschlecken. Die werden sich nicht mit null Punkten aus der Champions League verabschieden wollen."

Ein Zuckerschlecken war die Partie gegen Neapel ebenfalls nicht. Doch die neu formierte Innenverteidigung mit Sokratis und Sven Bender spielte stark, genau wie die beiden Ersatzaußenverteidiger Kevin Großkreutz und Talent Erik Durm, die sich kaum eine Blöße gaben. Die frohe Botschaft für Klopp für die kommende Adventszeit ist: Auf diese Formation kann er bauen. Allerdings holte sich Bender in der ersten Halbzeit - wieder mal – eine blutige Nase, spielte aber tapfer durch. Sie soll sogar gebrochen sein, hieß es. Ob Bender schon im nächsten Spiel wieder dabei sein, wird, ist wohl offen. Aber "Manni" sei es ja gewohnt mit Gesichtsmaske zu spielen, wie Klopp halb scherzend, halb besorgt anmerkte.

BVB-Seuche: mangelnde Toreffizienz

Sorgen bereitet vielmehr eine akute Seuche: die mangelnde Effizienz in der Chancenverwertung. Das Problem schleppen die Dortmunder schon die ganze Saison mit sich herum – und gegen Neapel nahm es fast groteske Züge an. Dass es am Ende zu drei Treffern gegen die Italiener reichte, lag daran, dass die hervorragend aufgelegte Offensive unglaublich viele hochkarätige Torchancen herausspielte, dass die Tore irgendwann fallen mussten.

Entscheidend war das frühe Führungstor durch Marco Reus in der zehnten Minute, der einen Elfmeter sicher verwandelte. Das gab Sicherheit. Aber in der Folge scheiterten Robert Lewandowski, Hendrikh Mkhitryan, Pierre-Emerick Aubameyang und Reus derart oft, dass Klopp seine transplantierten Haare an der Seitenlinie mehrmals mächtig raufte. Außerdem überließen die Dortmunder dem Gegner zwischenzeitlich zu viel Raum, oft halfen nur lange Bälle aus der Abwehr, um sich Luft zu verschaffen.

Jakub Blaszczykowski (später für Aubameyang ausgewechselt) traf nach einem Bilderbuchkonter in der 60. Minuten schließlich zum hochverdienten und erlösenden 2:0, nachdem Roman Weidenfeller zuvor eine Riesenchance durch Higuain vereitelt hatte. Es wurde zwar noch einmal spannend, als Neapel nach einem katastrophalen Fehlpass von Sebastian Kehl durch Lorenzo Insigne verkürzte. Doch die Dortmunder steckten nicht auf. Auch das sprach an diesem Abend für sie. Offensichtlich wussten die Spieler im Gegensatz zu Sahins Aussage genau, dass ein 2:1 nicht ideal gewesen wäre. Also konterten sie gegen die anrennenden Süditaliener weiter.

Als Aubameyang in einer Szene allein vor Neapel-Keeper Pepe Reina auftauchte, vergab er fahrlässig. Im zweiten Versuch in der 78. Minute lupfte er den Ball aus halbrechter Position formvollendet über den Torwart. Das war ein viel schwerer zu erzielendes Tor, stand aber sinnbildlich für den Dortmunder Auftritt. Jetzt wartet Marseille.

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