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US-Militär tötet Al-Kaida-Chef: So erlebte Obama bin Ladens Ende

Es waren die 40 aufreibendsten Minuten seiner Amtszeit: Einen Tag nach der Tötung bin Ladens ist bekannt geworden, wie US-Präsident Obama die Kommandoaktion gegen Amerikas Erzfeind verfolgte.

Einen Tag nach der Liquidierung von Osama bin Laden werden immer mehr Details über den Verlauf der geheimen Kommandoaktion bekannt. Jetzt wurde ein Bild veröffentlicht, das zeigt, wie Barack Obama von Washington aus die Operation im fernen Pakistan verfolgte. Die "New York Times" und weitere US-Medien beschreiben unter Berufung auf Regierungskreise die 40 wohl wichtigsten Minuten seiner Amtszeit:

Im Lageraum des Weißen Hauses berichtete CIA-Chef Leon E. Panetta auf einem Großbildschirm live von dem Militäreinsatz. Umgeben von seinen engsten Berater erlebte Obama einen Thriller, wie ihn Hollywood nicht packender hätte schreiben können.

Angst vor "Black Hawk Down"

Diese 40 Minuten waren das Fanal einer seit Monaten minutiös geplanten Aktion. Neunmal waren Obamas engste Berater zusammengekommen. Hatten abgewägt, was sie tun sollten, jetzt, wo sie endlich wussten, wo sich der Staatsfeind Nummer Eins, Osama bin Laden, aufhielt. Oder zumindest glaubten, es zu wissen. Was also tun? Die Entscheidung, mit einem kleinen Trupp Elitesoldaten den Terrorpalast zu stürmen, war nicht unbedingt die beste Option. Immer wieder kursierte der Begriff "Black Hawk Down", berichtet ein Insider der "New York Times". "Black Hawk Down" bezieht sich auf einen gescheiterten Rettungseinsatz der USA 1993 in Somalia. Die Bilder furchtbar massakrierter US-Soldaten gingen damals um die ganze Welt. Amerika war traumatisiert.

Doch wie lautete die Alternative? Ein Angriff mit Lenkraketen war riskant. Erstens wusste niemand mit absoluter Sicherheit, ob es sich bei der Villa um das Versteck bin Ladens handelt. Zweitens hätte ein Raketenbeschuss das Leben unbeteiligter Zivilisten kosten können - im Kernland des ohnehin schon schwierigen Verbündeten Pakistan. Dann also doch lieber eine Spezialeinheit schicken: die Elitetruppe "Navy Seals". Über Wochen probte sie die streng geheime Aktion.

Live-Reportage aus Langley

In der Nacht zum zweiten Mai machen sich zwei Hubschrauber auf nach Abbottabad, dem Ort wo der Terrorfürst sein Versteck hatte. Zur gleichen Zeit versammelt sich Obama mit seinen Vertrauten, darunter Vizepräsident Joe Biden und Außenministerin Hillary Clinton, im Lageraum des Weißen Hauses, so die "New York Times". An der Großbildleinwand erscheint Leon E. Panetta, der die Aktion der Elitesoldaten per Livebild verfolgt und für seinen Präsidenten kommentiert. Obama starrt auf dem Bildschirm. Er ist angespannt, die kommenden Minuten könnten nicht nur über Erfolg und Misserfolg der teuersten und aufwendigsten Personen-Jagd aller Zeiten entscheiden, es geht auch um seine Präsidentschaft.

Die "New York Times" gibt sogar den Wortwechsel aus dem Lageraum wieder: Panetta meldet sich aus dem CIA-Hauptquartier in Langley: "Sie haben das Ziel erreicht" Die Hubschrauber kreisen über der Terroristen-Burg. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ein Berater Obamas berichtet nachher über die Stimmung im Lageraum, die "Minuten vergingen wie Tage". Angespannte Stille, niemand sagt ein Wort. Dann wieder Panetta: "Wir haben Sichtkontakt zu Geronimo." Gernonimo, das ist das Codewort der US-Regierung für ihren Erzfeind bin Laden. Dann dauert es noch einmal wenige Minuten bis der CIA-Chef die zwei erlösenden Worte spricht: "Geronimo EKIA". EKIA ist die Abkürzung für "Feind in Aktion getötet" (Enemy Killed In Action).

Osama bin Laden ist neuneinhalb Jahre nach 9/11 tot. Die Stimme von Barack Obama durchbricht die Stille im Lageraum: "Wir haben ihn!" Applaus brandet auf. Der schlimmste Terrorakt, den die USA je erlebten, ist gesühnt. Barack Obama wird in wenigen Minuten der Welt von seinem vielleicht größten Erfolg berichten. Sein gefasster Auftritt wird nicht ansatzweise preisgeben, dass der US-Präsident gerade die aufreibendsten Minuten seiner Amtszeit hinter sich gebracht hat.

seh/Reuters/DPA / DPA / Reuters