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US-Starjournalist Tim Russert: Tod eines Grillmeisters

"Meet the Press" ist die wichtigste politische Sendung in den USA. McCain? Obama? Clinton? Moderator Tim Russert nahm die Mächtigen allesamt in die Mangel. Höflich. Unerbittlich. Brillant. So wurde er zum Star unter den Politik-Journalisten. Am Freitag ist er völlig überraschend gestorben. Bei der Arbeit.

Von Florian Güßgen

Er ist herausgerissen worden. Urplötzlich. Unerwartet. Bei der Arbeit, wo sonst. Der amerikanische TV-Journalist Tim Russert ist tot. Er starb am Freitagnachmittag, nachdem er im Washingtoner Büro des US-Fernsehsenders NBC, seines Senders, einen Herzanfall erlitten hatte. Erst am Vorabend war Russert von einer Reise nach Italien in die US-Hauptstadt zurückgekommen. Dort hatte Russert gemeinsam mit seiner Frau Maureen und Sohn Luke dessen Universitätsabschluss gefeiert. Am Freitag bereitete er sich für seine nächste Sendung am Sonntagvormittag vor. Mit Russert verliert die amerikanische Öffentlichkeit einen ihrer besten Köpfe, vielleicht den profiliertesten Politik-Journalisten des Landes. Quer durch alle politischen Lager verliehen Politiker und Journalisten am Freitag ihrer Trauer Ausdruck.

Die Mächtigen kannte Russert alle. Alle hatte er sie befragt, zumeist live, fast immer mit lauter, klarer Stimme, ohne Schnörkel, immer auf den Punkt präzise. Sonntag für Sonntag bat Russert sie zur öffentlichen Beichte. Denn er moderierte "Meet the Press", die politisch vielleicht wichtigste Sendung in Amerika. Eine Stunde lang wird dort erst hart gefragt, zumeist sind Politiker ersten Ranges die Gesprächspartner, dann diskutieren Journalisten oder andere Politik-Auguren, meist erheblich lockerer. In Washington gibt die NBC-Sendung den politischen Takt vor. "Meet the Press", jenes Format, das seit 1947 auestraht wird, gilt als die politische Leitsendung . Irak? Gesundheitsreform? Zuwanderung? Wahlkampf? Wer der Nation etwas mitteilen will, der geht zu "Meet the Press". Spätestens mit dem Beginn des Vorwahlkampfes der Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama im vergangenen Winter war für "Meet the Press" wieder eine goldene Zeit angebrochen. Und Russert war mittendrin in diesem faszinierenden Duell, mit Distanz, aber spürbar leidenschaftlich, so, wie es sich eben geziemt für einen, der Politik atmet.

Ein entspanntes Schaulaufen ließ Russert nie zu

Ein entspanntes Schaulaufen boten die Sendund und ihr Moderator jedoch keinem Gast. Nie. "Meet the Press" ist mit journalistischer Weichspülerei à la "Sabine Christiansen" oder "Anne Will" nicht vergleichbar. Jeder Politiker, der in diese Sendung kommt, wird verbal hin und hergewendet, wie auf einem glühenden Grill, beleuchtet, konfrontiert mit eigenen, oftmals widersprüchlichen Aussagen in Film, Funk und Fernsehen. Und Russert war der unbstrittene Grillmeister, seit 1991. Er war es, der "Meet the Press" das Profil, die Bedeutung verlieh, die sie heute hat, er war der Meister des Interviews: Immer höflich im Ton, wenn auch bestimmt, immer respektvoll, aber stets knallhart in der Sache, hartnäckig, präzise, bestens vorbereitet, konfrontativ, schnell, unerbittlich, erhellend, glaubwürdig. Kurz: Russert war ein grandioser Journalist. Wer zu ihm kam, der war sich zwar eines großen Publikums sicher, aber der riskierte auch, dass kleine und große Lügen, Widersprüche, Unsicherheiten aufgedeckt, bisweilen auch entlarvt, wurden. Russerts Fragen waren mächtig. Zuletzt war es etwa Rudy Giuliani, damals Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, der bei Russert furchtbar ins Schwimmen geriet, vor den Augen des gesamten Landes und zu seinem Schaden. Es habe keinen besseren Fragensteller im Fernsehen gegeben, sagte Barack Obama, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, am Freitag.

Im deutschen Fernsehen diente "Meet the Press" dem "Presseclub" und dessen Vorläufer dereinst als Vorbild. Mit Russert, mit der Klasse und konfrontativen Schärfe seiner Fragetechnik, können sich im deutschen Fernsehen mittlerweile vielleicht nur noch Frank Plasberg von "Hart aber Fair" oder Werner Sonne vom ARD-"Morgenmagazin" vergleichen.

Das politische Aushängeschild des Senders NBC

Russert hatte 1984 bei dem Sender NBC angeheuert - und war schnell zu dessen politischem Aushängeschild geworden. 1985 fiel er dadurch auf, dass er Papst Johannes Paul II für eine Gespräch in der "Today"-Show gewann. Es war der erste Auftritt des Papstes im amerikanischen Fernsehen. Später wurde Russert, auch Leiter des Washingtoner Büros von NBC ein. Er errang zahllose Auszeichnungen, erhielt unzählige Ehrendoktorwürden, war aber auch als Buchautor erfolgreich. Seine zwei Bücher "Big Russ and Me" aus dem Jahr 2004, in das seinem Vater gewidmet war, und "Wisdom of Our Fathers" aus dem Jahr 2006 waren Bestseller. 2008 kürte das "Time Magazin" Russert gar zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Die Nachricht von Russerts Tod fand am Freitag ein großes Echo in den US-Medien. Die Online-Ausgabe der "New York Times" machte mit einem Bild Russerts auf, in einschlägigen Politikblogs wie der liberalen "Huffington Post" konnte man seitenweise die Würdigungen der amerikanischen Spitzenjournalisten und Senderchefs nachlesen, US-Präsident George W. Bush kondolierte der Frau Russerts, die mit ihrem Sohn noch in Italien weilte, ebenso wie der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain. "Er war ein großer Amerikaner, seine Familie liebte, seine Freunde, seine Buffalo Bills und alles, was mit Politik und den USA zu tun hatte. Er war einfach ein unglaublicher Typ", schrieb McCain. Die Buffalo Bills, das Football Team seiner Heimatstadt im US-Bundesstaat New York, war Russert wichtig gewesen. So oft er konnte, hatte er das sportliche Wohl und Wehe auch in seiner Sendung angesprochen.

Die Sendung ist übrigens schon lange nicht mehr auf ein rein amerikanisches Publikum beschränkt. Seit ein paar Jahren kann man "Meet the Press" noch am Sonntagnachmittag deutscher Zeit als Podcast aus dem Netz auf den Rechner laden, auf den MP3-Player oder den Ipod. Wer in Deutschland wirklich über den US-Vorwahlkampf informiert sein wollte, wer wissen wollte, worüber Obama und Clinton gerade wie stritten, der konnte Russert und seinen Interviewpartnern so beim Streiten zuhören, oder Russert und den Kollegen bei oftmals von Kichern unterlegten Wortgefechten. Auch dieses Wochenende schien nichts anderes anzustehen. Um 19.39 Uhr deutscher Zeit verschickte "Meet the Press" am Freitag noch per Email die Vorschau auf die Sendung an diesem Sonntag. Natürlich sollte es um den US-Präsidentschaftswahlkampf gehen. Senator Lindsey Graham, ein Republikaner, sollte für den Republikaner McCain in die Bütt, Senator Joe Biden für den Demokraten Obama. Moderieren sollte Tim Russert.

Um 21.46 Uhr verschickte CNN eine "Breaking News"-Email. Normalerweise macht der Sender das nur, wenn irgendwo die Erde bebt, ein Diktator stürzt oder ein Wahlkampf entschieden ist. Diesmal meldete der Nachrichtensender den Tod eines Kollegen.