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US-Terrorwarnungen für Europa: "Schädliches Gefühl der Furcht"

Nimmt Osama Bin Laden nun verstärkt Europa ins Visier? Die Reaktionen auf die neuen Terrorwarnungen der USA und Großbritanniens sind gespalten und reichen von vorsichtiger Zustimmung bis hin zum Vorwurf der Panikmache.

Die britische linksliberale Zeitung "Independent" äußert sich am Montag sehr kritisch über US-Terrorwarnungen für Europa:

"Gäbe es bei den Geheimdienstinformationen Hinweise, dass US-Bürger direkt bedroht sind, wäre diese Warnung vielleicht gerechtfertigt gewesen. Doch derartige allgemeine Warnungen vermitteln nur den Eindruck, dass Europa insgesamt nicht sicher ist. Und was die US-Warnung noch geschmackloser macht ist die fehlende Solidarität, die daraus spricht. Auch auf amerikanischem Boden lauert der Terror, man denke nur an die Anschlagsversuche am Times Square im Mai. Die USA würden auf Warnungen europäischer Staaten vor Reisen in die USA verständlicherweise irritiert reagieren. Die Terrorbedrohung ist leider zu einem Faktor unserer Welt geworden. Vage und etwas panikartige Reisewarnungen verschlimmern nur die Angst und nützen den Terroristen."

Budapester Zeitung "Nepszava"

Anders sieht es dagegen die linke Budapester Tageszeitung "Nepszava", die vor allem Frankreich im Visier der Terroristen sieht.

"Am gefährdetsten ist vielleicht Frankreich, wo man jüngst das Burka-Verbot erlassen hat. Paris könnte auch deshalb ein Terrorziel abgeben, weil dort die größte muslimische Glaubensgemeinde Europas lebt. Viele französische Politiker halten jedoch diese Argumentation nicht für überzeugend. Dominique de Villepin, der alte Rivale von Präsident Sarkozy, bezeichnete sie als Hirngespinst des Staatsoberhauptes, das auf diese Weise seine ramponierte Popularität wiederherstellen wolle. Man kann in der Tat nur hoffen, dass die jüngsten Terrorwarnungen übertrieben sind. Es ist besser, sich zu ängstigen, als ein böses Erwachen zu erleben."

Römische Zeitung "La Repubblica"

Die römische linksliberale Zeitung "La Repubblica" beklagt, dass zehn Jahre nach den Anschlägen vom elften September ein permanentes Gefühl der Angst geblieben ist.

"Mister Smith ist wieder im Krieg - bewaffnet mit einem Touristenkoffer und der Furcht im Gepäck. Neun Jahre nach der Kriegserklärung von George W. Bush an den Terrorismus hat US-Präsident (Barack) Obama aufs Neue gewarnt, dass Europa weiterhin ein Kriegsschauplatz des Terrors bleibt. Wer also ist der Sieger fast ein Jahrzehnt nach dem 11. September? Mit Sicherheit nicht Mr. und Mrs. Smith, mit Sicherheit nicht der amerikanische Durchschnittstourist. Viel mehr sind es die Puppenspieler des Terrors, die sehr zufrieden sein dürften angesichts der Nachricht, dass nach dem neuen Terroralarm die Buchungen für Reisen auf den alten Kontinent in den USA erneut um 16 Prozent zurückgegangen sind, dass die Absagen für solche Reisen im November um 10 Prozent zugenommen haben. Der Krieg gegen die Angst wird weitergeführt, doch ist es die Angst, die dabei ist zu gewinnen."

Wiener Zeitung "Die Presse"

Die konservative Wiener Zeitung "Die Presse" warnt davor, dass amerikanische Sicherheitsbehörden die Terrorwarnungen dazu missbrauchen könnten, vermehrt Zugriff auf die Daten europäischer Bürger zu erhalten.

"Die Hinweise zu vorbereiteten Attacken der Al-Kaida mehren sich. Doch uns sollte auch bewusst sein, dass diese Warnungen einigen Sicherheitsinstitutionen der USA ganz gelegen kommen. Sie fordern immer vehementer von den europäischen Staaten den Zugriff auf personenbezogene Daten ihrer Bürger. Terrorwarnungen sind da eine hilfreiche Begleiterscheinung. Denn in der erlebten Verunsicherung gibt sich jeder schneller preis. (...) Wir ziehen uns aus. Und so bloßgestellt sind wir erst recht verletzlich geworden. Nämlich nicht nur für terroristische Aktionen, sondern auch für staatliche Übergriffe."

AFP/DPA / DPA