US-Vorwahlen Clinton siegt und bettelt


Hillary Clinton hat ihre letzte Chance genutzt: Im US-Vorwahlkampf siegte sie in Pennsylvania mit zehn Prozentpunkten Vorsprung vor ihrem Rivalen Barack Obama. Der Bürgerkrieg der Demokraten geht weiter, die klamme Clinton bittet um Spenden - und freut sich über einen schnellen Geldsegen.
Von Katja Gloger, Washington

"Ein Sieg ist ein Sieg ist ein Sieg", sagt sie. Aber was bedeutet in diesem endlosen Kampf um die Kandidatur eigentlich ein Sieg? Wieviel Prozent mehr sollte sie erreichen? Mehr als zehn Prozent? Weniger? Oder reichen zehn, um sich zur echten Siegerin zu erklären? Eigentlich hätte Hillary Clinton einen richtigen, einen grandiosen Sieg gebraucht. Ein Feuerwerk. Einen Knaller. Nun sind es jedenfalls zehn Prozent geworden.

Nach der Entscheidung stand sie vor ihren Fans in Philadelphia, sie hatte ihre Mutter mitgebracht, ihre Tochter und Gatten Bill, sie spulte ihr Danke-Schön ab, ruhig, konzentriert, beinahe unpersönlich, als ob sie mit ihren Gedanken schon weiter sei. In Indiana, in North Carolina. Dort, wo als nächstes entschieden wird. Und sie nutzte selbst ihre Siegesrede, um ihre Wähler um Spenden zu bitten. Fünf Dollar genügten, hatte ihr Finanzchef kurz zuvor per E-Mail gebettelt - denn Clintons Wahlkampfkasse ist leer. Sie beschwor: "Das Blatt wendet sich. Ich werde für Euch kämpfen. Wir werden das Unmögliche schaffen." Wohl wahr. Denn jetzt muss sie genug Geld auftreiben für die mal wieder alles entscheidenden kommenden Wahlkämpfe in zwei Wochen.

Und Hillary Clinton war dabei erfolgreich. Noch in der Nacht des Sieges spendeten ihre Anhänger über die Website der ehemaligen First Lady so viel Geld wie in keiner Nacht zuvor. Nach Angaben aus ihrem Wahlkampfteam kamen in weniger als vier Stunden 2,5 Millionen Dollar (1,6 Millionen Euro) zusammen, wie die "New York Times" berichtet.

Wie erwartet verloren

Die jüngste Schlacht hat Barack Obama, wie erwartet, verloren. Aber was bedeutet in diesem erbarmungslosen Kampf eigentlich das Wort "Niederlage"? Er schnitt besser ab als erwartet - und doch schlechter als erhofft. Zwar hatte Hillary Clinton noch im Januar hier in Pennsylvania mit mehr als 20 Prozent vor ihm gelegen. Gestern waren es noch zehn Prozent. Doch er hatte fieberhaft Wahlkampf geführt, bis zu zwölf Millionen Dollar in Fernsehwerbung gesteckt - dreimal so viel wie sich Hillary Clinton leisten konnte. Und doch hat er verloren.

Er hatte die Erwartungen bewusst gedämpft - anders als in New Hampshire oder Texas. Dort wurde er als Favorit gehandelt und verlor dann doch - wenn auch sehr knapp. Obama hatte von der "Lücke in den Meinungsumfragen" gesprochen, die sich in Pennsylvania nun langsam schließe. Zuletzt hatte er mit durchschnittlich sieben Prozent hinter Hillary Clinton gelegen. Den Wahlabend verbrachte er vorsichtshalber gleich in Indiana.

Zum Schluss ihres Wahlkampfs hatte Clinton noch ganz schweres Geschütz aufgefahren, jenen Fernsehspot, der auf Amerikas Urängste zielte: der Zweite Weltkrieg und die Wirtschaftskrise von 1932, Bomben und Elend und dazwischen Osama Bin Laden. "Du musst auf alles gefasst sein", sagt eine ernste Stimme. "Vor allem jetzt." Und dazu marschieren Soldatenstiefel durchs Bild. Der Werbespot suggeriert: Barack Obama ist zu schwach, zu unerfahren, er setzt das Land Kriegsgefahren aus und macht es verwundbar für terroristische Angriffe.

Clinton drohte Iran mit "massiver Vergeltung"

Und als ob der Spot wie aus dem Arsenal republikanischer Panikmacher nicht schon mehr als genug sei, hatte Hillary Clinton gleich mehrmals mit "massiver Vergeltung" gedroht - mit einem Nuklearschlag gegen den Iran - falls der Iran den amerikanischen Verbündeten Israel angreifen würde. Wir können den Iran "auslöschen", erklärte sie. Das hat sich bislang nur einer getraut, öffentlich zu sagen: George W. Bush. Und das auch nur leise.

Sie hat wieder einmal die Alten, die Weißen und die "blue collar voters" gewonnen - die ebenso bodenständigen wie konservativ denkenden "Henkeldemokraten", die früher mit dem Henkelmann zur Arbeit gingen, auch "Reagan-Demokraten" genannt, eine Kerngruppe der demokratischen Partei. Er hingegen bekam die Jungen, die Erstwähler, die Schwarzen, die Mittelklasse in den Vorstädten, die Hoffnungsfrohen - die neue Generation.

Doch gestern Abend, nach 48 Tagen Psychokrieg und Millionen Dollar Fernsehwerbung hat sich an der Zahlenarithmetik nichts Entscheidendes geändert. Barack Obama liegt weiterhin vorn - mit insgesamt rund 150 Delegierten für den Wahlparteitag Ende August. Es scheint statistisch so gut wie unmöglich, diesen Vorsprung noch aufzuholen. Er hat darüber hinaus in den vergangenen Wochen einen Superdelegierten nach dem anderen für sich gewonnen - in dieser für Hillary Clinton alles entscheidenden Gruppe der unabhängigen Delegierten ist ihr Vorsprung geschmolzen. Wie er überhaupt mächtig aufgeholt hat, bei den demokratischen Wählern. Nach einer Umfrage des Magazins Newsweek liegt jetzt er landesweit 19 Prozent vor Hillary Clinton.

Dauerfeuer ihrer Angriffe hat ihn geschwächt

Das Dauerfeuer ihrer Angriffe hat ihn geschwächt, aber es hat auch ihr geschadet - ebenso wie ihr Bosnien-Debakel. Um ihre Befähigung zum Oberkommandierenden zu untermauern, hatte sie mehrmals blumig ausgeschmückt erzählt, wie sie in Bosnien einst unter Scharfenschützenbeschuss gelandet sei, um dort als First Lady für den Frieden zu kämpfen. Doch während des besagten Besuches fiel kein einziger Schuss. "Noch nicht mal eine Biene summte vorbei", so einer der damaligen Piloten. Sie entschuldigte sich für den "Fehler."

In den jüngsten Meinungsumfragen sagen rund 60 Prozent der demokratischen Wähler: Hillary Clinton ist unehrlich und unglaubwürdig. "Ein Sieg ist ein Sieg ist ein Sieg, sagt sie und kündigt strahlend an, sie mache weiter, Tag für Tag, Auftritt um Auftritt, mindestens bis zu den letzten Vorwahlen am 3. Juni. Vielleicht aber auch bis zum Wahlparteitag Ende August. Ihr Argument: sie holt die großen Staaten, die demokratischen Hochburgen, die konservativen Demokraten. Sie hat nur eine Chance: Sie muss ihn weiterhin demontieren. Sie muss die Superdelegierten überzeugen, einen Putsch gegen die Wähler zu wagen. Muss ihnen Angst machen, ihnen beweisen, dass dieser Obama unwählbar ist. Sie muss weiterhin auf Crash-Kurs bleiben, um zu beweisen, dass dieser Barack Obama letztlich doch nur einer dieser ... na ja, schwarzen Kandidaten sei. Naiv, kein Kämpfer. Schöne Reden, doch ohne Biss. Keine Neuauflage von John F. Kennedy - sondern vielmehr eine Kopie von Adlai Stevenson. Der nette, kluge Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei verlor die Wahlen 1952 und 1956 - weil die (weiße) Arbeiterklasse ihn nicht wählte.

Ihre Botschaft: "Obama kann's nicht." Seine Botschaft: "Clinton ist unglaubwürdig." So erledigen die Demokraten gerade die Schmutzarbeit der Republikaner. Doch vielleicht glaubt sie wirklich, sie tut ihrer Partei einen Gefallen. Denn Hillary Clinton ist überzeugt, dass Barack Obama den Kampf gegen John McCain nicht gewinnen kann. Pennsylvania, das Stimmungslabor für ganz Amerika, liefert ihr den Beweis.

Mitleid ist fehl am Platz. Denn Überflieger Barack Obama plumpst gerade auf den harten Boden der Realität. Er machte dicke Fehler, lieferte Vorlagen für seine Konkurrentin. Dabei war der Rechtsprofessor und ehemalige Sozialarbeiter aus den Armenvierteln Chicagos in den vergangenen Wochen auf Tuchfühlung mit der Arbeiterklasse gegangen. War 1200 Kilometer in Bus und Zug durch Pennsylvania gereist, hatte Schokolade genascht und ein Kalb gemolken, sich (erfolglos) im Bowlen versucht und Bier in Kneipen getrunken. Und die Kontroverse um die antiamerikanischen Ausfälle seines Priesters Jeremiah Wright hatte er mit einer viel beachteten Rede über Rasse und Religion gemeistert. Und dann kam "Bittergate".

Wie verbittert sind die Amerikaner?

Ausgerechnet während einer Spendenveranstaltung im reichen San Francisco hatte er die Menschen in Amerikas Herzland als "verbittert" bezeichnet, all' die, die unter der Wirtschaftskrise leiden, unter den steigenden Preisen, der Häuserkrise. Verbittert, so meinte er, würden sich die Menschen an Religion und an ihr Recht auf Waffenbesitz "klammern".

Obama schaue auf die Menschen in Amerika hinab, triumphierte man in Hillaryland, er sei letztlich doch nur ein elitärer Kandidat der Wohlhabenden, ein Held der Städter, der Café-Latte-Generation. Er hatte auf Clintons Angriffe nur schwach reagiert, kam defensiv daher. Er darf nicht mit gleichen Waffen zurückschlagen. Denn sein Wahlkampf zielt auf Erneuerung, auf einen neuen Ton in der Politik, auf einen neuen Pakt der Ehrlichkeit zwischen den Wählern und Politikern. Hätte er Hillary Clinton ihre Vergangenheit vorhalten sollen? Ihre Schwachpunkte in der Auseinandersetzung mit den Republikanern? Hätte er ihren verdeckten Rassismus anprangern sollen, gar ihren Mann?

Erst in den letzten Tagen hatte er seinen Ton verschärft. Sie wende die Taktik der Republikaner an, sagte er. "Sie wirft nicht nur mit Geschirr, sondern gleich mit dem ganzen Küchenschrank". Sein Kalkül: Hillary Clinton erledigt sich selbst - finanziell in Bedrängnis stirbt sie einen langsamen Tod. Sie ist so gut wie pleite, in den kommenden Vorwahlen hat Barack Obama bessere Chancen als in Pennsylvania - vor allem in North Carolina, wo er seine aktuellen Verluste in Wählerzahlen wieder wettmachen kann. "Wenn Hillary Clinton nicht viele Delegierte dazu gewinnt", so Obama-Stratege David Plouffe, "wird sie vom Gleis abkommen." Doch jetzt fordert man auch in Obamas Lager, dass Obama auf Angriff schalte.

Verderben es sich die Demokraten gerade

Doch mit dieser Richtung sind die Demokraten gerade dabei, ihre Wahlchance gründlich zu verderben. Während der republikanische Kriegsheld John McCain ganz in Ruhe durchs Land reist, um die Reihen der Partei hinter sich zu schließen und gleich auch noch Wechselwähler für sich zu gewinnen, droht der Partei ein regelrechter Bürgerkrieg. Und an der Parteispitze ist niemand, der ein Machtwort spricht. Parteichef Howard Dean gilt als zu schwach, andere Parteigrößen werden zum Hillary-Lager gerechnet.

Hinter den Kulissen wird das Grummeln lauter. Spätestens nach den letzten Vorwahlen am 3. Juni müsse es zu einer Entscheidung kommen - für den Kandidaten, der dann die meisten Delegierten hinter sich vereinigt. Ob sie das Rennen aufgebe, wurde Hillary Clinton vor einigen Tagen gefragt. Da lachte sie nur. Welch eine Frage. "Sie hat ihr Leben lang nichts anderes gemacht, als um Ämter zu kämpfen", schreibt Sally Bedell Smith, Biografin des Ehepaars Clinton. "Sie hat eine fast übernatürliche Entschlossenheit. Und das, was man einen Tunnelblick nennt. Sie weicht keinen Millimeter. Sie hat eine unglaubliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung. Sie wird ihren Traum auf keinen Fall aufgeben. Die Präsidentschaft ist der letzte, der größte Preis. Und den schuldet ihr das Land, wie sie glaubt."

Entscheidung am 3. Juni

Spätestens nach dem 3. Juni will das Partei-Establishment eine Entscheidung herbeiführen - auf keinen Fall will man einen Showdown auf dem Wahlparteitag riskieren. Dann wäre die Partei ohne echten Kandidaten bis zum September - ein Horrorszenario. Tief sitzen die Erinnerungen an die Wahldesaster früherer Jahre, als Kandidaten noch während der Parteitage erbittert um die Mehrheit kämpften - und die Präsidentenwahl verloren. Und zu wichtig ist die erst vor zwei Jahren wieder gewonnene Mehrheit im US-Kongress.

Den ersten demokratischen Sieg seit 1994 möchten Parteigranden wie Kongress-Sprecherin Nancy Pelosi und Senats-Mehrheitsführer Harry Reid auf keinen Fall aufs Spiel setzen. "Glauben Sie wirklich, dass sie gestatten, dass dieser Kampf weitergeht?", fragte die einflussreiche Superdelegierte Donna Brazile im Wall Street Journal, Mitglied des Parteivorstandes und ehemalige Wahlkampfmanagerin von Al Gore. "Eine Gruppe um Senator Clinton will diesen Kampf bis in den Parteitag tragen. Sie interessiert sich offenbar kein bisschen für die Partei. Das bereitet mir und anderen Superdelegierten ernste Sorgen. Am Morgen des 4. Juni werden wir miteinander sprechen. Und ich werde meinen ehemaligen Chef anrufen."

Ihr ehemaliger Chef, Al Gore, genießt immer noch Kultstatus bei vielen Demokraten. Viele drängen ihn sogar jetzt noch, zu kandidieren. Seine Wahlempfehlung hat Gewicht. Acht Jahre war er Vizepräsident unter Bill Clinton. Kaum jemand kennt die Clintons so gut wie er. Noch hat er seine Entscheidung nicht getroffen. Es heißt, sie falle nicht zugunsten Clintons aus.


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