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US-Vorwahlkampf: Die Auferstehungstour der Hillary C.

Der 4. März war zum Entscheidungstag im Rennen um den demokratischen Präsidentschaftskandidaten stilisiert worden. Doch dann gelang Hillary Clinton das Comeback. stern-Reporter Jan Christoph Wiechmann war bei ihrer Wiederauferstehung hautnah dabei.

Für ihren Einmarsch in die Arena hat sie Bruce Springsteen gewählt, den Song "The Rising" - die Auferstehung. Sie besteigt die Bühne in Columbus um kurz nach 23 Uhr, Konfetti regnet, Jubel betäubt die Ohren. Und dann spricht sie vor all den Menschen, die angezählt waren, aber nicht in die Knie gegangen sind, von denen, die hart arbeiten, aber nie aufgeben. Sie will Amerika in dieser Nacht das eine Signal geben: Ich bin zurück. Auferstanden. Das Comeback Girl. Sie ruft: "Die Nation bekommt ihr Comeback - und so auch mein Wahlkampf."

Ihr Sieg in Ohio fällt beeindruckend deutlich aus, und keiner, so ruft sie, habe es in der jüngeren Vergangenheit ins Weiße Haus geschafft, ohne die Vorwahlen von Ohio zu gewinnen. Aber noch sind zu diesem Zeitpunkt die Vorwahlen in Texas nicht entschieden, dem anderen großen Staat dieses Abends, und so fährt sie um Mitternacht bangend durch strömenden Regen zum Flughafen von Columbus. Auch Texas muss sie gewinnen, das weiß sie. Nur dann ist Obamas Höhenflug erstmal gestoppt.

Die Demokraten können sich nicht entscheiden

Hillary Clinton ist durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen an diesem verregneten Abend. Die ersten Ergebnisse aus Ohio waren glänzend, jene aus Texas jedoch nicht. Den kleinen Staat Vermont verliert sie klar, gewinnt aber in Rhode Island - ein Spiegel der vergangenen Monate: Die Demokraten können sich nicht entscheiden zwischen ihren beiden Rockstars. Sie finden beide gut. Gleich gut.

Gegen 0.15 Uhr ruft Obama sie im Auto an und gratuliert zum Sieg in Ohio, und noch bevor ihr Charter-Flugzeug um 1 Uhr nachts abhebt, verkündet sie über das Bordmikrofon: "Texas ist entschieden - für uns. "Heute haben wir drei von vier Staaten gewonnen und ein neues Kapitel in diesem historischen Wahlkampf begonnen." Jubel bricht aus unter ihren Freunden im vorderen Teil des Flugzeugs, ihre Tochter Chelsea umarmt sie innig, Rotweinflaschen werden geöffnet, und dann hebt die Boeing 737 mit 70 Journalisten an Bord ab Richtung Washington DC. Darunter, als einziger Deutscher, ein Reporter des stern.

Als hätte sie gewusst, dass sie die Entscheidungsschlacht überleben wird

Den ganzen Tag lang schon strahlte Hillary Clinton, als hätte sie gewusst, diesen, zur Entscheidungsschlacht stilisierten 4. März, überleben wird. Sie verließ ihr Hotel in Houston schon in der Früh und begrüßte Wähler in einer Grundschule eines armen Teils der Stadt. Als sich eine Obama-Anhängerin mit einem Plakat dazwischendrängte, begrüßte sie auch diese mit einem Strahlen, und es war nicht zu erkennen, ob es echt oder aufgesetzt war.

"Ich freue mich auf Pennsylvania", sagte Clinton morgens zu den Reportern und meinte die Vorwahlen dort in sieben Wochen. "Ich bin schon oft voreilig angezählt worden, es scheint ein Muster zu sein, das sich wiederholt."

Sie flog weiter nach Dallas und besuchte dort das bescheidene mexikanische Familienrestaurant Herreras. Seht her, war ihre Botschaft, ich bin die Frau der kleinen Leute. Während Obama in die großen Hallen zieht, gehe ich am Wahltag noch in die kleinen Orte der Arbeiterklasse, wo es nach Bratfett riecht, nach Schweiß und Rezession.

"Wir gewinnen heute in Texas", sagte sie den verdutzten Gästen, die Tacos und Enchilladas aßen. "Aber was ist mit den Umfragen?", erwiderte die Nichte des Besitzers sorgenvoll. "Wir gewinnen", antwortete Clinton. Und was ist mit dem finanziellen Vorteil, den Obama hat? "Wir gewinnen", sagte Clinton. Ende der Diskussion.

Alles klar bei den Republikanern

Trotz ihrer Siege wird es Stimmen in ihrer Partei geben, die für ein baldiges Ende des Vorwahlkampfes plädieren. John McCain sicherte sich die Nominierung der Republikaner, und es werde Zeit, so argumentieren die Unterstützer des derzeit noch führenden Barack Obama, dass auch die Demokraten nach den Vorwahlen in 37 Staaten endlich einen Kandidaten fänden. Hillary Clinton aber lässt keinen Zweifel daran, dass sie weitermacht. Sie ruft den Menschen in Columbus zu: "Millionen Amerikaner haben noch nicht ihr Urteil gesprochen. Auch sie wollen Geschichte machen." Und kündigt an, schon um 5 Uhr wieder aufzustehen, um den großen Fernsehsendern Interviews zu geben.

Clinton glaubt, nach all diesen Monaten endlich ein Mittel gegen Obama gefunden zu haben. Die siechende Wirtschaft brauche einen echten Kämpfer, das Land einen erfahrenden Oberkommandierenden, und dann sagt sie wieder jenen Spruch, den die Menschen seit Tagen ununterbrochen zu hören bekommen: Wer soll bei einer nationalen Krise um drei Uhr nachts im Weißen Haus den Anruf entgegennehmen? "Hillary, nur du Hillary", rufen ihre Fans und decken sie mit Minuten langem Jubel ein.

"Verhaftet Bush und Cheney"

Ähnlich viel Begeisterung gab es an diesem Abend im Athenaeum von Columbus nur einmal, um 19.51 Uhr. Über die Großbildleinwand lief die Nachricht von CNN: "Die Bürger von Brattleboro in Vermont stimmen für eine Resolution, um Bush und Cheney zu verhaften." Weil sie gegen die Verfassung verstoßen hätten, es geht dabei auch um den Irak-Krieg. Noch ist Hillary längst nicht da, wo sie hin will, aber sicher ist: Der Noch-Präsident und sein Vize jedenfalls werden ihr ihre Auferstehungstour nicht vermasseln. Im Gegenteil.

Jan Christoph Wiechmann