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US-Wahl 2012: Beste Kumpels für einen Tag

Barack Obama und der republikanische Gouverneur von New Jersey sind bei der Sturmhilfe ein Herz und eine Seele. Chris Christie stiehlt dabei Romney die Show - was sich in vier Jahren auszahlen könnte.

Von Sabine Muscat, Washington

Diese Szene hätten sich wenige Tage vor der Präsidentenwahl die wenigsten Amerikaner ausgemalt: US-Präsident Barack Obama steigt in Atlantic City aus dem Flugzeug und klopft Chris Christie mitfühlend auf die Schulter. Nachdem sie die Verwüstung besichtigt haben, die Hurrikan Sandy angerichtet hat, stehen die Männer später gemeinsam vor der Kamera, beide tragen blaue Sweatshirts. "Ich kann dem Präsidenten gar nicht genug für seine persönliche Fürsorge für unseren Staat danken", sagt der Gouverneur von New Jersey. Obama sagt: "Gouverneur Christie hat sicher gestellt, dass der Staat diesem unglaublichen Sturm trotzt."

Sie sind ein eigentümliches Paar, und das nicht nur, weil der große schlanke Obama und der füllige Christie optisch wie Pat und Patachon aussehen. Christie ist der Mann, der auf dem Republikanischen Parteitag in Tampa vor zwei Monaten die Rolle des "attack dog" hatte. Er hielt die Rede, die zum Angriff auf den demokratischen Präsidenten und seine Politik blies. "Es ist Zeit, die Ära der abwesenden Führung im Oval Office zu beenden und echte Führer ins Weiße Haus zu schicken", rief der Eröffnungredner Christie. Die echten Führer, um die es ging, waren der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und sein Vize Paul Ryan.

Christie ist präsent und kümmert sich

Dieser Mann also steht nun an der Küste von New Jersey und bescheinigt dem Demokraten im Weißen Haus ausgerechnet das: Führungsstärke. Der Präsident gibt als Katastrophenmanager nach dem Monstersturm eine gute Figur ab. Er ist präsent, er kümmert sich - anders als sein Vorgänger George W. Bush, der sich die Verwüstung, die Hurrikan Katrina in New Orleans hinterlassen hatte, lieber erst einmal nur aus der Luft besehen hatte. Er macht seine Sache so gut, dass sogar einer seiner schärfsten Kritiker mit ihm zufrieden ist - anders als der Bobby Jindal nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Der republikanische Gouverneur von Louisiana beschwerte sich damals öffentlich, dass die Regierung nicht schnell genug die Dämme liefere, mit denen sich das Öl abfangen ließ.

Obamas Widersacher Mitt Romney wurde derweil in eine unangenehme Zuschauerrolle verdrängt. Eine als Katastrophenhilfe verbrämte Veranstaltung in Ohio, bei der Romney am Dienstag Konservendosen für das Rote Kreuz einsammelte, während im Hintergrund die Themenmusik seiner Wahlkampfauftritte spielte, geriet zum Flop. Und Journalisten bombardieren ihn mit Fragen nach seiner früheren Haltung zur Katastrophenschutzbehörde Fema, der er die Mittel kürzen wollte.

Christies geschickter Anlauf auf die Kandidatur

Aber New Jersey ist New Jersey und wird bei der Präsidentenwahl so oder so den Demokraten wählen. Und Chris Christie ist der Gouverneur von New Jersey. Auch wenn ihn nun manch ein Parteigenosse für einen Verräter halten mag, muss er zeigen, dass er alles tut, was nötig ist, um das Leid der Bevölkerung zu lindern, egal mit wessen Hilfe. Nebenbei kann er beweisen, dass er gut mit einem demokratischen Präsidenten zusammen arbeiten kann. Das könnte sich 2013 auszahlen, wenn Christie in seinem Staat zur Wiederwahl steht.

Für Christie könnte es sich sogar auszahlen, wenn Obama die Wiederwahl gelingt, spekuliert man im politischen Washington hinter vorgehaltener Hand. Christie hatte 2012 erwogen, sich selbst ins Präsidentenrennen zu werfen - und am Ende abgesagt, auch wenn er für viele in seiner Partei der Wunschkandidat gewesen wäre. Falls Obama eine zweite Amtszeit erhält, die im US-System auch seine letzte wäre, könnte der als Rauhbein mit Herz bekannte Gouverneur in vier Jahren vielleicht doch noch einen Anlauf auf die Kandidatur seiner Partei nehmen. Über Christies eigene Ambitionen war auch in Tampa viel gemunkelt worden. Romney soll mit der Eröffnungsrede nicht zufrieden gewesen sein. Sie handelte nämlich in erster Linie von Christie und nur nebenbei von Romney.

Die Bilder aus New Jersey werden sicher nachwirken

Ob sich die überparteiliche Katastrophenhilfe für Obama auszahlt, ist schwieriger vorherzusagen. Die Bilder aus New Jersey werden am nächsten Dienstag an der Wahlurne sicher nachwirken. Doch werden sie auch schon wieder überlagert sein vom heißen Wahlkampfendspurt, in den sich die Kandidaten ab heute stürzen. Romney holt Auftritte in Virginia nach, die er am letzten Wochenende wegen des heraufziehenden Sturms abgesagt hatte. Obama hat sich eine Gewalttour vorgenommen - nach Wisconsin, Nevada, Colorado und Ohio. Diese Staaten haben zweierlei gemeinsam: Sie sind Staaten, in denen das Rennen besonders knapp ist. Und sie sind weit weg von den Verwüstungen in New Jersey.

FTD