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US-Wahlkampf: Mit Rock'n Roll ins Weiße Haus

Im US-Präsidentschaftswahlkampf ist Musik drin. Bekannte Künstler um Rockstar Bruce Springsteen gehen für Bush-Herausforderer Kerry auf Tournee. Am Ende könnten sie das Zünglein an der Waage spielen.

Von Kai Behrmann

Von Dokumentarfilmer Michael Moore weiß man, dass er ein bekennender Gegner von US-Präsident George W. Bush ist und diesen lieber heute als morgen zurück auf dessen Ranch in Texas als im Weißen Haus in Washington sehen würde. US-Rocker Bruce Springsteen hat sich in der Vergangenheit nicht derart eindeutig politisch positioniert. Als Songschreiber hat er sich zwar in seinen Liedern immer wieder kritisch mit der amerikanischen Politik und Gesellschaft auseinandergesetzt. So sind die Helden in seinen Songs meist Außenseiter und gescheiterte Existenzen, für die der amerikanische Traum nur eine Illusion geblieben ist.

Veränderung durch Musik

Eine klare Parteinahme jedoch hat Springsteen, den Millionen von Working-Class-Amerikanern verehren, in seiner mehr als 25 Jahre andauernden Karriere stets vermieden. Trotz seines großen sozialen Bewusstseins war für Springsteen immer in erster Linie die Musik das Medium, um Menschen zu erreichen und für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Versuche, sich seitens von Politikern für politische Zwecke vereinnahmen zu lassen, hat der US-Rocker stets zurückgewiesen. So zum Beispiel 1984, als Ronald Reagan in seinem Wahlkampf versucht hatte, Springsteens Hymne "Born in the USA" mit Patriotismus und seiner Präsidentschaft zu assoziieren.

Jetzt aber sind die Zeiten von Springsteens politischer Zurückhaltung vorbei. Zum ersten Mal in seiner Karriere engagiert sich der 54-Jährige direkt in einem US-Präsidentschaftswahlkampf. Zusammen mit mehr als einem Dutzend weiterer US-Rockstars wie R.E.M., Pearl Jam, John Mellencamp und James Taylor wird Springsteen Anfang Oktober an einer beispiellosen Anti-Bush-Tournee mit 34 Shows in 28 Städten teilnehmen. Das Motto lautet: "Vote for Change" – Wählt den Wandel. Ziel der Bewegung: am 2. November Wähler für den demokratischen Kandidaten John Kerry zu mobilisieren.

Ziel: Mobilisierung junger Wähler

Die Konzertorte sind strategisch gewählt. "Vote for Change" gastiert in den sogenannten Swing States – jenen US-Bundesstaaten, in denen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bush und Kerry erwartet wird. Dort sollen junge Leute, die sich bislang nicht für Politik interessiert haben, zur Stimmabgabe veranlasst werden. Die Tour beginnt in Ohio und endet in Florida, wo Bushs Bruder Jebb regiert und wo vor vier Jahren eine entscheidende hauchdünne Mehrheit die Republikaner ins Weiße Haus brachte – nach Ansicht vieler Demokraten nur durch Wahlfälschung.

Springsteen sagt, dass er die gesellschaftliche Pflicht gespürt hat, seine Musik in den Dienst einer politischen Sache zu stellen: der Abwahl von George W. Bush. In einem Brief an die "New York Times" erklärte er, es ginge darum, amerikanische Ideale gegen das Bush-Lager zu verteidigen, die da seien "wirtschaftliche Gerechtigkeit, Bürgerrechte, eine humane Außenpolitik, Freiheit und ein würdiges Leben für alle unsere Bürger." Bei dieser Wahl "steht zu viel auf dem Spiel, als das man sie aussitzen könnte", so der Musiker, den seine Fans respektvoll "The Boss" nennen.

Republikaner schlagen zurück

Springsteens Einmischung in den Wahlkampf hat die Bush-Unterstützer bereits nervös gemacht. Als Reaktion auf dessen Unterstützung des demokratischen Herausforderers John F. Kerry haben die Republikaner die Kampagne "Boycott the Boss" ins Leben gerufen. Mit Fernsehspots rufen Bush-Parteigänger dazu auf, die Platten des Musikers nicht mehr zu kaufen. Initiiert wurden die Anti-Springsteen-Spots von der konservativen Politikerin Marilyn O´Grady. In dem Werbespot sagt O´Grady: "Er denkt, weil er mit einer Gesangs- und Tanznummer Millionen verdient, kann er euch sagen, wie ihr wählen sollt. Boykottiert den Boss. Wenn ihr seine Politik nicht kauft, dann kauft auch nicht seine Musik."

Aber nicht nur Kerry erfährt musikalische Unterstützung einer großen Ansammlung von Superstars, sondern auch sein Konkurrent. Zu den bekanntesten Bush-Freunden zählen Popstar Britney Spears oder die Punk-Rocker von Kid Rock. Große Zustimmung für seine Wiederwahl findet Bush auch in der Country-Szene bei Künstlern wie Brooks and Dunn, Ricky Skaggs oder den Gattlin Brothers. Die fließende Verbindung zwischen Showgeschäft und Politik hat in den USA eine lange Tradition. Die Karrieren von Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger sind dafür die besten Beispiele. Der eine hat es als zweitklassiger Westernschauspieler bis ins Weiße Haus gebracht, der andere wurde vom Terminator zum Gouverneur von Kalifornien. Das Ausmaß und die Intensität, mit der sich vor allem prominente Musiker in diesem Präsidentschaftswahlkampf engagieren, ist allerdings einzigartig.

Doch nicht alle halten die Vermischung von Musik und Politik für richtig. Hard-Rocker Alice Cooper zeigt wenig Respekt und Verständnis für seine wahlkämpfenden Kollegen: "Wer einem Rockstar zuhört, um sich darüber zu informieren, wem er seine Stimme geben soll, ist ein noch größerer Depp als der Musiker selbst."

Bush und Kerry Kopf-an-Kopf

Ob tatsächlich viele Wähler dem Aufruf ihrer Idole bei der Wahl folgen, ist die große Frage. Laut einer aktuellen Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstituts Pew Research Centers liegen die beiden Präsidentschaftskandidaten Bush und Kerry derzeit mit jeweils 46 Prozent gleich auf. Entscheiden am Ende womöglich die Fans von Bruce Springsteen oder R.E.M. wer der mächtigste Mann der Welt wird?

Professor Dr. Harald Wenzel, Experte für US-Wahlkämpfe von der Freien Universität Berlin, hält das für möglich. Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Politik seien in den letzten Jahren immer mehr verschwommen. Generell gelte, dass Musiker ihr Vertrauenskapital und die emotionale Bindung zu ihren Fans zur Beeinflussung von deren politischen Entscheidungen einsetzen können. "Der direkte Aufruf, für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen, kann besonders zur Mobilisierung von jungen Menschen führen, die sonst nicht zur Wahl gegangen wären", so Wenzel gegenüber stern.de. Bei einem so engen Kopf-an-Kopf Rennen wie zwischen George W. Bush und John F. Kerry könnte "Vote for Change" also durchaus am Ende zum Zünglein an der Waage werden.