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Verschwiegene Straftaten Vergewaltigte 17-Jährige aus Marokko fordert: "Mädchen, seid mutig!"

Vergewaltigte 17-Jährige aus Marokko bricht ihr Schweigen
Oulad Ayad, Marokko: Seit dem Khadija öffentlich über ihre Entführung und Vergewaltigung spricht, wird sie verfolgt - aber auch unterstützt
© STRINGER / AFP
Sie wurde entführt, misshandelt und mehrfach vergewaltigt - und bringt nun den Mut auf, ihr Land verändern zu wollen: Die 17-jährige Khadija aus Marokko ist mit einem riskanten Video an die Öffentlichkeit gegangen und will das jahrzehntelange Schweigen über sexuelle Straftaten brechen.

Dass der Missbrauch und die Vergewaltigung von Frauen Straftaten sind, die strafrechtlich verfolgt werden müssen, scheint aus europäischer Perspektive eine Selbstverständlichkeit zu sein. In anderen Ländern sind diese Vergehen jedoch in komplexe Beziehungs- und Verwandschaftsverhältnisse gebunden, die Opfer immer wieder dazu bringen, zu schweigen. 

Eine 17-jährige Marokkanerin will diese Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen und fordert: "Mädchen, seid mutig!". Dabei hätte Khadija selbst allen Grund zu verzagen, die nach eigenen Angaben über Wochen von einer Gruppe junger Männer festgehalten, vergewaltigt und gefoltert wurde. Derlei Verbrechen werden im konservativ-muslimischen Marokko oft totgeschwiegen um das Ansehen der Familie zu wahren. Doch Khadija will nicht schweigen. Sie hat die mutmaßlichen Täter angezeigt und spricht öffentlich über das, was ihr angetan wurde.    

Khadijas Haut ist voller Brandwunden

Vergewaltigte 17-Jährige aus Marokko bricht ihr Schweigen
Oulad Ayad, Marokko: Khadija zeigt ihren Arm, den die Entführer willkürlich tätowiert haben.
© STRINGER / AFP

"Ich bin immer noch traumatisiert, was mir passiert ist, ist nicht leicht zu ertragen", sagt Khadija. Sie blickt ihr Gegenüber direkt an, ihre Stimme ist sanft, aber bestimmt. Sie trägt eine rosa Tunika und ein schwarzes Kopftuch. "Wir Mädchen sind stark und wir müssen stark bleiben", sagt sie nach einer Gerichtsanhörung in der Stadt Beni Mellal.     

Im Sommer hatte Khadija in einem Video ihre Geschichte öffentlich gemacht: Zwei Monate hätten sie die Männer gefangen gehalten und misshandelt. Zum Beweis zeigt sie ihre Arme und Beine. Sie sind voller obszöner Tätowierungen und Brandwunden von auf der Haut ausgedrückten Zigaretten - auch damit hätten sie die Männer gequält.  

Ein Hashtag verbreitet sich jetzt in Marokko

Das Video verbreitete sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken in Marokko und löste sowohl eine Welle des Mitgefühls, als auch massenhafte Hetze aus. Khadijas Unterstützer starteten eine Kampagne gegen "die Kultur der Vergewaltigung und der Straflosigkeit" unter dem Hashtag #masaktach ("Ich schweige nicht").    

Khadija wird von ihrem Martyrium verfolgt. "Ich kann es kaum erwarten, bis die Behandlung beginnt, um die Tätowierungen zu entfernen", sagt sie. "Ich kann nicht einmal mehr meine Hände anschauen, weil sie mich daran erinnern, was passiert ist."   

Wer das Schweigen bricht, muss mit Hetze rechnen  

Vergewaltigte 17-Jährige aus Marokko bricht ihr Schweigen
Beni Mellal, Marokko: Khadija sitzt nach ihrer Anhörung mit ihrem Vater Mohammed in einem Park.
© FADEL SENNA / AFP

"Sie ist mutig, obwohl sie psychisch angeschlagen ist", sagt Khadijas Vater Mohammed. "Vor Gericht hat sie alle Vorwürfe detailliert wiederholt." Zwölf Verdächtige im Alter zwischen 17 und 28 Jahren sitzen in Untersuchungshaft. Die Anklagepunkte lauten unter anderem Entführung, Vergewaltigung, Menschenhandel, Bildung einer kriminellen Vereinigung und unterlassene Hilfeleistung, wie die Nachrichtenagentur AFP aus Justizkreisen erfuhr.     

Demnach haben mehrere der Angeklagten zugegeben, Khadija vergewaltigt, gegen ihren Willen tätowiert und mit dem Tod bedroht zu haben. Die Angehörigen der mutmaßlichen Täter hetzen dennoch weiter gegen die junge Frau. Bei einer ersten Anhörung beschimpften sie Khadija im Gericht. Beim jüngsten Termin wurden sie deshalb nicht mehr ins Gebäude gelassen.

Wie lebt man nach einer Vergewaltigung?

Seit der Tat sei das Leben "schwierig" geworden, erzählt Khadijas Vater. Die Familie wohnt in der kleinen Ortschaft Oulad Ayad in einer der ärmsten Gegenden Marokkos und verlässt kaum noch das Haus. "Wir bekommen Drohanrufe", sagt der Vater, aber davon erzähle er seiner Tochter nichts. Er habe Khadija das Smartphone weggenommen, um sie zu schützen.    

Khadijas Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist in Marokko sehr ungewöhnlich. "Ich wusste, dass es sehr schwierig werden würde, als ich die Anzeige erstattete. Aber ich bin bereit, das durchzustehen", sagt die 17-Jährige. "Ich denke an die Zukunft und vertraue in die Justiz."

sve AFP

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