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US-Wahl 2020 Bidens Vize-Kandidatin Kamala Harris: harte Worte, herzliches Lachen und sehr oft die Erste

Sehen Sie im Video: Kamala Harris wird Vizepräsidentschaftskandidatin der US-Demokraten.


Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, Joe Biden, zieht mit der schwarzen Senatorin Kamala Harris an seiner Seite in den Wahlkampf gegen Amtsinhaber Donald Trump. Es sei ihm eine große Ehre mitzuteilen, dass er Harris als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft ausgewählt habe, teilte Biden auf Twitter mit. Sie sei eine furchtlose Kämpferin für die einfachen Leute und eine der besten Staatsdienerinnen der USA. Harris erklärte, sie fühle sich geehrt. Sollte das Duo die Wahl am 3. November gewinnen, würde die 55-Jährige die erste Frau, die als Vizepräsidentin ins Weiße Haus einzieht. Gleichzeitig würde mit der ehemaligen Staatsanwältin, deren Eltern aus Jamaika und Indien in die USA einwanderten, erstmals eine Schwarze sowie eine Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln den Posten übernehmen. Trump zeigte sich überrascht und attackierte Harris während einer Pressekonferenz in Washington umgehend. Sie habe bei den Vorwahlen versagt und sei sehr respektlos gegenüber Biden gewesen. Lob für Harris kam dagegen von prominenten Demokraten, allen voran Ex-Präsident Barack Obama und der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Im Falle eines Wahlsiegs von Biden im November wäre er beim Amtsantritt im Januar 78 Jahre - so alt wie kein Präsident vor ihm. Würde er - etwa aus gesundheitlichen Gründen - seine Amtszeit vorzeitig beenden, käme seine Stellvertreterin zum Zug. Und sollte Biden 2024 nicht erneut antreten, wovon einige Beobachter ausgehen, wäre Harris zumindest Favoritin auf die nächste Spitzenkandidatur der Demokraten.
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Joe Biden hat etwas Zeit gebraucht, um seine Vize-Kandidatin auszuwählen. Kamala Harris ist es geworden, eine Frau, die in ihrem Leben schon oft Geschichte geschrieben hat - und bereits für das nächsthöhere Amt gehandelt wird.

Eigentlich wollte Kamala Harris sich in diesem Jahr als erste Frau in der US-Geschichte zur Präsidentin wählen lassen. Doch nach einem fulminanten Start im Bewerberrennen der Demokraten verlor die Senatorin den Anschluss und warf schließlich das Handtuch. Jetzt hat Präsidentschaftskandidat Joe Biden die 55-Jährige, eine der bekanntesten schwarzen Politikerinnen des Landes, zu seiner Vize-Kandidatin im Rennen um das Weiße Haus gemacht.

Wie Biden steht Kamala Harris in der Mitte

Dass sich der Ex-Vizepräsident für Harris als seine Vizepräsidentschaftskandidatin entschieden hat, kam nicht überraschend. Eine Handvoll Frauen wurden als Favoritinnen gehandelt. Darunter Susan Rice, die frühere Sicherheitsberaterin von Barack Obama oder Elisabeth Warren, die kämpferische Linke. Wie Biden steht Harris dagegen in der Mitte der Demokratischen Partei, die in den vergangenen Jahren sehr nach links gerückt ist. Vor allem aber: Sie ist nicht weiß. Viele in der Parteibasis, besonders in den Südstaaten, haben darauf gedrängt, dass sich der Kandidat für eine schwarze Frau als "Running Mate" entscheidet.

Harris wurde 1964 im kalifornischen Oakland als Tochter eines aus Jamaika eingewanderten Wirtschaftsprofessors und einer aus Indien stammenden Krebsforscherin geboren. Sie studierte an der historischen Schwarzen-Universität Howard University in Washington und machte einen Jura-Abschluss an der University of California. Nach Jahren als Staatsanwältin in San Francisco wurde sie 2011 als erste Frau und erste Schwarze Generalstaatsanwältin und damit Justizministerin von Kalifornien.

Nicht wenige betrachten Harris' Vergangenheit in dem Amt jedoch als Problem. Sie galt damals als hart und wenig reformorientiert, was sie ausgerechnet bei Minderheiten umstritten macht. Bürgerrechtsaktivisten halten Harris aber zugute, unter anderem mit der Veröffentlichung von Daten zu Polizeigewalt für viel Transparenz gesorgt zu haben. 2017 später zog sie in den Senat in Washington ein, als zweite afroamerikanische Frau in der Geschichte. Ihre jüngere Schwester Maya Harris steht ebenfalls in der Öffentlichkeit. Sie ist auch Juristin und kommentiert im US-Sender MSNBC das politische Tagesgeschehen.

Im Vorwahlkampf noch Biden angegriffen

Dass Biden Harris als Vize ausgewählt hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Bei einer TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber hatte die Kalifornierin den Ex-Vizepräsidenten im vergangenen Jahr scharf angegriffen. Sie warf dem 77-Jährigen in einem viel beachteten Wortgefecht vor, sich in der Vergangenheit gegen ein Programm gestemmt zu haben, das schwarze Jungen und Mädchen mit Bussen in vornehmlich weiße Schulen fuhr. Damals sagte sie einen Satz, der vielen in Erinnerung blieb: "Das kleine Mädchen war ich."

Mit solchen Äußerungen kann Harris politische Gegner in die Ecke drängen - und mit einem herzhaften Lachen Sympathien gewinnen. Die Kunst der Debatte ist eine im Wahlkampf wichtige Qualität. Das dürfte ihr auch im obligatorischen TV-Showdown mit dem gegnerischen Vize Mike Pence helfen. Der Amtsinhaber gilt nicht als jemand, der diese Art von Auseinandersetzung sucht. Ohnehin wird das Wahlkampfduell Harris-Pence interessant werden, weil die beiden in ziemlich jedem Aspekt das genaue Gegenteil des anderen verkörpern.

Harris hat ihre Klarheit zurück

Pence ist der weiße Mann aus der Provinz, ein christlicher Fundamentalist, der Abtreibung ablehnt und zum Umgang der Ethnien untereinander sicherheitshalber schweigt. Harris dagegen sagte als sie ihre Unterstützung für Bidens Kandidatur bekanntgab, dass "Rassengerechtigkeit 2020 zur Abstimmung" stehe. Eine Überwindung des strukturellen Rassismus hält sie für möglich. Die Klarheit, die ihr als Präsidentschaftsanwärterin bisweilen fehlte, erlangte sie zurück: In der Coronakrise weist sie immer wieder darauf hin, dass Minderheiten wie Afroamerikaner stärker von der Pandemie betroffen sind.

Bis vor ein paar Monaten noch hatte Harris vor, ohne Umweg über die Vizepräsidentschaft direkt ins Weiße Haus einzuziehen. Dennoch darf sie weiter vom höchsten Amt in den Vereinigten Staaten träumen. Die nun in greifbare Nähe gerückte Position des Stellvertreters war in der US-Geschichte oft ein Sprungbrett ins Oval Office. Sollte Harris an Bidens Seite das Weiße Haus erobern, gilt es als so gut wie ausgemacht, dass sie sich um seine Nachfolge bewerben wird. Denn mit seinen 77 Jahren dürfte Biden kaum zu mehr als einer Amtszeit bereit sein. Mit Kamala Harris hat der Demokrat möglicherweise auch schon die künftige US-Präsidentin erwählt.

nik / mit DPA und AFP

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