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US-Vizepräsidentin Von der Hoffnungsträgerin zur Nebendarstellerin – was macht eigentlich Kamala Harris?

Washington DC, USA. Es war ein historischer Moment, als US-Präsident Joe Biden nach seiner ersten Kongressrede die nach ihm mächtigsten Menschen des Landes abklatscht. Denn erstmals sind dies mit Vizepräsidentin Kamala Harris (l.) und der Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, zwei Frauen
US-Vizepräsidentin Kamala Harris (l.) und die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi mit US-Präsident Joe Biden
© Caroline Brehman / AFP
Seit 100 Tagen haben die USA auch ihre erste Vizepräsidentin – die manche schon als Co-Staatschefin neben dem 78-jährigen Joe Biden gehandelt hatten. Doch während der überraschend viel Gas gibt, wirkt sie beinahe ausgebremst.

"Ich denke, ihre wichtigsten Merkmale, die man richtig darstellen muss, sind ihr warmes und einladendes Lächeln und ihre Augen." Ihr Lächeln sei sehr einnehmend, weil sie auch "mit den Augen lächle." Das erzählt Bildhauerin Vicky Grant über ihre neueste Arbeit, eine Wachsfigur von Kamala Harris für Madame Tussauds New York. Wann die Figur der US-Vizepräsidentin fertig sein wird (Joe Biden ist natürlich auch in der Mache), ist noch unklar. Ebenso, ob Harris für ihr Lächeln in Erinnerung bleiben will oder doch eher für ihre Politik. Mutmaßlich für letzteres. Doch ihr Tatendrang wirkt derzeit ein wenig ausgebremst.

Als Joe Biden jetzt seine erste Kongressrede gehalten hatte, hagelte es historische Vergleiche. Denn erstmals in der Geschichte wurde eine Präsidenten-Ansprache von zwei Frauen flankiert – den beiden mächtigsten des Landes: Nancy Pelosi als Sprecherin des Repräsentantenhauses und Kamala Harris, Vizepräsidentin und Chefin des Senats. "Nach 100 Tagen der Rettung und Erneuerung ist Amerika bereit zum Abheben. Wir arbeiten wieder. Träumen wieder. Entdecken wieder", rief der US-Präsident ins Parlamentsrund. Das war am Mittwoch und der Moment, in dem manchem auffiel, dass der alte Präsident im Vergleich zu seiner jungen Stellvertreterin ein erstaunliches Tempo vorlegt.

Kamala Harris' Leben voller Aufstiege 

Vor 100 Tagen schienen die beiden noch anders unterwegs zu sein. Da wurde sie im zweithöchsten Regierungsamt der Vereinigten Staaten vereidigt – als erste Frau und noch dazu als erste Nicht-Weiße. Es war der bisherige Höhepunkt eines Lebens, dass nur den Aufstieg kennt: Jura-Studium, Anwältin, Bezirksstaatsanwältin, Justizministerin in Kalifornien. Jetzt im Weißen Haus und irgendwann, vielleicht 2024, dann ins Oval Office – dem Machtzentrum der (westlichen) Welt. Denn Joe Biden ist 78 Jahre alt, wie lange er den stressigen Job an der Spitze der USA durchhält, ist unklar. Vielen galt er eher als Übergangsstaatsoberhaupt und/oder Wegbereiter für die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten.

Doch mittlerweile überrascht der US-Präsident sowohl Öffentlichkeit als auch parteiinterne Skeptiker. Ende März etwa kündigte er an, bei der nächsten Wahl 2024 doch noch einmal als Präsidentschaftskandidat anzutreten – wieder mit Kamala Harris als Vize. Seitdem überfällt er die Amerikaner nahezu im Wochentakt mit Großreformvorschlägen: Seine ambitionierten Impfpläne hat er bereits umgesetzt. Folgen sollen nun Billionen von Dollar für die marode Infrastruktur, und weitere für Vor- und Hochschulen. Dazu Steuersenkungen für Familien, Steuererhöhungen dagegen für Sehr-Gut-Verdiener und Reiche. Auch dem Rassismus sagt Biden den Kampf an, den laxen Waffengesetzen ebenfalls, zudem will er Polizeistrukturen umkrempeln, obwohl die gar nicht in seine Zuständigkeit fallen, sondern Angelegenheit der Bundesstaaten sind. Vor allem dem linken Flügel in der demokratischen Partei stockt fast der Atem, weil der alte Mann der Mitte selbst Teile ihrer Forderungen mit anschiebt.

Sie hat das denkbar undankbarste Thema

Für Kamala Harris bleibt da wenig Raum zum Glänzen. Natürlich sitzt die 56-Jährige nicht tatenlos herum. Die Bilder der vergangenen Wochen zeigen sie beim Besuch von Ausbildungszentren in New Hampshire, Busfabriken in North Carolina oder in Chicago, Oakland und West Haven im Gespräch mit Durchschnittsamerikanern und in Konferenzen mit Einwanderern, wie jetzt bei der Organisation von Guatemalteken in Washington, DC. Womit sie sich, neben all den auch noch anfallenden Corona,- Covid-19- und Impfterminen im Zentrum ihrer eigentlichen Aufgabe befindet: der Migrationspolitik – das derzeit undankbarste Themenfeld.

Donald Trump wurde einst zum Präsidenten gewählt, weil er eine vielleicht bizarre, aber zumindest klare Haltung zum Thema Einwanderung hatte, Stichwort Mauer an der mexikanischen Grenze. Schon lange wird der Süden der USA von Migranten förmlich überrannt. Für fast die Hälfte der Amerikaner ist die Migrationssituation ein wichtiges Thema. Joe Biden hatte den harten Kurs der Einwanderungsbehörden etwas aufgeweicht: mehr Humanität statt Abschottung, Integration statt Ausgrenzung. Doch die neue Regierung sendet widersprüchliche Botschaften, und trotz der Kehrtwende steigt die Zahl der Menschen, die versuchen, illegal über die Grenze zu kommen, rasant. Und die Zustände in Grenzunterkünften, gerade für Kinder, sorgen für Empörung. Ganz gleich wie Washington mit den Migranten umgeht, das Thema wird eher größer als kleiner.

Harris macht Mittelamerika zu

Kamala Harris verhandelt nun seit einigen Wochen mit Vertretern von Mexiko, Honduras und Guatemala, den Hauptherkunftsländern der Menschen, die in die USA wollen. Ziel ist eine Vereinbarung, nach der die Nachbarn mit Soldaten und Polizisten ihre Grenzkontrollen verstärken, im Gegenzug wollen die US-Behörden helfen, die Lebensbedingungen in Mittelamerika zu verbessern. Letzteres ist ein langfristiges Unterfangen, dessen Früchte, so sie es denn gibt, erst in vielen Jahren reif zur Ernte sind. Die aktuelle Realität sieht so aus, dass die Sicherheitskräfte in der Region zwar eine Verdoppelung der Festnahmen melden, der Strom der Menschen an der Südgrenze der USA dennoch täglich größer wird. Ungefähr wie die Chancen, dass sich Kamala Harris bei dem Thema eine blutige Nase holt. 

Quellen: Morning Consult, "Süddeutsche Zeitung", "New York Times", DPA, AFP


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