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Vorwahl-Kandidatur in Frankreich: Sozialistin Martine Aubrey will Sarkozys Amt

Bei Frankreichs Sozialisten herrscht kein Mangel an Kandidaten. Jetzt hat sich auch Parteichefin Aubry durchgerungen, gegen Sarkozy anzutreten. Sie gilt als bodenständig, aber nicht sonderlich geeignet, die Massen mitzureißen.

An Kandidaten hatte es der französischen Linken bisher schon nicht gemangelt. Nun will sich auch Parteichefin Martine Aubry 2012 gegen Präsident Nicolas Sarkozy beweisen. Die 60-Jährige wäre wohl gern eine französische Angela Merkel - erst unterschätzt, dann überraschend souverän im Amt.

"Sie ist eine tolle Bürgermeisterin", sagt ein Einwohner der nordfranzösischen Stadt Lille, der gewöhnlich links wählt. "Aber eine Staatspräsidentin?" Doch zunächst einmal muss sich Aubry in einer Vorwahl gegen die anderen Bewerber aus dem eigenen Lager durchsetzen.

Eigentlich hatten alle damit gerechnet, dass der international erfahrene Dominique Strauss-Kahn - bis vor kurzem noch Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) - gegen Sarkozy antreten würde. Aubry hatte mit ihm vereinbart, dass beide nicht gegeneinander antreten würden, und schien sich längst damit abgefunden zu haben, nicht in den Wahlkampf zu ziehen.

Doch dann kam die Zimmermädchen-Affäre in New York, die Strauss-Kahn den IWF-Chefposten kostete, und die Sozialistische Partei (PS) mischte die Karten neu. Aubry wird sich nun bemühen müssen, nicht als B-Kandidatin zu erscheinen.

Als Arbeitsministerin unter Präsident François Mitterrand hatte Aubry unter anderem die 35-Stunden-Woche mit durchgesetzt - von der sich Frankreich faktisch längst wieder verabschiedet hat. Sie stand lange im Schatten ihres Vaters Jacques Delors, dem langjährigen EU-Kommissionspräsidenten. Vor zwei Jahren wurde sie in einer umstrittenen Wahl mit nur einer Handvoll Stimmen Vorsprung vor Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal Parteichefin der PS.

In den Umfragen lag sie bislang hinter dem früheren Parteichef François Hollande, der schon lange vor ihr seine Kandidatur erklärt hatte. Möglicherweise hilft ihr Amtsbonus ihr nun bei der Aufholjagd. Wer sich an ihrer Stelle um die Partei kümmern soll, ist noch nicht entschieden. Offiziell will sie ihr Amt lediglich ruhen lassen und das Alltagsgeschäft einem Leitungsteam übertragen - so sichert sie ihre Rückkehr ab, falls sie mit ihrer Kandidatur scheitert.

Aubry und Hollande haben einiges gemein, nicht zuletzt eine lange gehegte gegenseitige Antipathie. Aubry hat Ministererfahrung, Hollande war lange Parteichef - aber beide haben weder besonderes Charisma noch internationale Erfahrung. Derzeit sind sie eine gute Zielscheibe für Spott: "Mag man sich Hollande neben (US-Präsidenten Barack) Obama vorstellen?" Oder noch gemeiner: "Was macht Aubry mit ihren alten Klamotten? Sie trägt sie."

Um - nach langem Zögern - endlich ihre Kandidatur zu erklären, wählte Aubry ihren Heimatort Lille aus. Sie trat am Dienstag in einem alten Bahnhof auf, der heute als Kulturzentrum dient. Um dem Ort einen präsidentiellen Anstrich zu geben, waren im Hintergrund die französische und die europäische Fahne zu sehen - fast wie auf dem offiziellen Amtsfoto von Sarkozy.

Ulrike Koltermann, DPA / DPA