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Sarkozy-Herausforderer Hollande Der Unscheinbare mit Karamellgeschmack


Er gilt als konfliktscheu und blass: Francois Hollande tritt für die französischen Sozialisten bei der Präsidentschaftswahl an. Genau ihn hat sich Amtsinhaber Nicolas Sarkozy als Gegner gewünscht.

Was ist die beste Antwort auf Lästereien einer Ex-Lebensgefährtin und Gegenkandidatin, man habe in 30 Jahren politischer Laufbahn nichts geschafft? Richtig, ein deutlicher Abstimmungssieg. Mehr als 20 Jahre war Francois Hollande mit der Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal zusammen, nun hat er bei Stichwahl der französischen Linken alle Kandidaten hinter sich gelassen und wird im Frühjahr 2012 gegen Präsident Nicolas Sarkozy antreten. Royal war schon zuvor mit kläglichen sieben Prozent Zustimmung aus dem Rennen um die Spitzenkandidatur ausgeschieden, anschließend sagte sie ihrem Ex volle Unterstützung zu.

Noch vor wenigen Monaten hätte kaum jemand darauf gesetzt, das ausgerechnet der blasse Hollande für die französischen Sozialisten in die Präsidentschaftswahl zieht. Lange stand er im Schatten seines Parteigenossen Dominique Strauss-Kahn, der als aussichtsreichster Anwärter galt, bis die Vergewaltigungsklage in den USA ihn im Mai aus dem Rennen warf. Zum anderen sahen viele in ihm noch den unscheinbaren Vorsitzenden der Sozialistischen Partei, die unter ihm zwei Präsidentenwahlen verlor. Doch nun gewann der 57-Jährige seine bisher wichtigste Wahl: Seine Parteianhänger wählten ihn mit gut 56 Prozent der Stimmen zum Präsidentschaftskandidaten - und entschieden sich gegen Parteichefin Martine Aubry.

Er wurde Karamellpudding genannt

Elf Jahre lang hatte Hollande die stärkste französische Oppositionspartei geführt. Vor knapp drei Jahren gab er den Vorsitz ab und konzentrierte sich auf seine Ämter als Abgeordneter und Regionalrat von Corrèze im südwestlichen Landesinneren. In dieser Zeit erwarb er sich den Ruf eines volksnahen Politikers aus der Provinz wie auch der konservative Altpräsident Jacques Chirac einer war.

Tatsächlich täuschte Hollandes harmloses Auftreten lange darüber hinweg, was in ihm steckt. Seine rundliche Figur brachte ihm sogar den Spitznamen "Flamby" ein - so heißt in Frankreich ein Pudding mit Karamellgeschmack. Der Sozialist, mittlerweile zehn Kilo leichter, absolvierte gleich drei Eliteunis: Sciences Po, die Handelsschule HEC und die Verwaltungshochschule ENA, auf der so gut wie alle großen und wichtigen Politiker Frankreichs waren. Schon als 20-Jähriger arbeitete er im Wahlkampfteam von François Mitterrand mit, der ihn nach seinem Wahlsieg 1981 mit einem Posten im Präsidentenpalast bedachte.

"Die Stunde der Einheit ist gekommen"

Zusammen mit Hollande ging Ségolène Royal ins Präsidialbüro. Beide haben aus ihrer Beziehung vier Kinder, doch nachdem sie die Präsidentschaftswahl gegen den Konservativen Nicolas Sarkozy verloren hatte, gab das Paar seine Trennung bekannt. Angeblich sollen sie ein unterkühltes Verhältnis zueinander haben. Dennoch war sie die erste prominente Sozialistin, die sich nach der Abstimmung über den neuen Spitzenkandidaten äußerte: "Die Stunde der Einheit ist gekommen", sagte sie. Es war der Aufruf, die Reihen, die während der Vorwahlen auseinander gedriftet waren, wieder zu schließen.

Denn seit der Wiederwahl von Francois Mitterand 1988 hatte kein linker Kandidat so gute Chancen in den Elysée-Palast einzuziehen wie nun Hollande. Sarkozy kämpft mit einer von seiner Politik enttäuschten Nation, gerade einmal 30 Prozent der Franzosen sind mit dem Kurs ihres Staatsoberhauptes noch zufrieden. Dennoch gibt sich Sarkozys Lager nach Wahl Hollandes gelassen. "An diesem Abend werden wir endlich einen Gegner haben", sagte der Chef der UMP-Partei, Jean-François Copé. Es heißt, genau diesen Mann habe sich Sarkozy als Gegner gewünscht. Noch allerdings hat der Amtsinhaber seine Kandidatur für eine Wiederwahl noch immer nicht bekanntgegeben. Er ist aber nach Angaben seiner Partei "der natürliche Kandidat".

Frankreich droht Herabstufung

Gegner von Hollande werfen ihm vor, konfliktscheu zu sein und schwer haltbare Versprechen zu machen. Im Vorwahlkampf hatte er unter anderem angekündigt, 60.000 neue Stellen für den Bildungsbereich zu schaffen und ein teures Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit zu initiieren. Auch den Banken hat er den Kampf angesagt, zudem will er die Staatsverschuldung bis 2017 auf Null senken. Es stehe ein schwerer Kampf bevor, sagte Hollande nach seinem Sieg. Die Franzosen hätten die Politik von Sarkozy satt. Aubry gestand die Niederlage ein und sicherte Hollande ihre Unterstützung zu. "Ich werde all meine Kraft und Energie einsetzen, um sicherzustellen, dass er in sieben Monaten Präsident Frankreichs wird", erklärte sie.

Kraft können die Sozialisten brauchen: Denn einige Ökonomen glauben, dass auch Frankreich, als einer der wichtigsten europäischen Volkswirtschaften bald seine hohe Kreditwürdigkeit wird einbüßen müssen: "Ein neues Rettungspaket wird auch die französischen Staatsfinanzen belasten", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank"Handelsblatt Online". "Im kommenden Jahr könnte dann die Bestnote von AAA endgültig fallen", so Krämer. Das würde die Handlungsmöglichkeiten des Staates erheblich einschränken - und alle teuren Versprechen in wichtigen Wahljahren zunichte machen.

Niels Kruse mit DPA/AFP AFP

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