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Van der Bellen vs. Hofer: Wahlkampf in Österreich: Bis einer heult

Vor der Stichwahl zum Bundespräsidenten in Österreich liegen die Nerven blank. Zum Glück ist der unwürdige Wahlkampf bald vorbei, bei dem selbst der Wahlsieger - sei es nun Hofer oder Van der Bellen - verloren hat.

Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen beim letzten TV-Duell vor der Stichwahl

Beim letzten TV-Duell vor der Stichwahl zum Bundespräsidenten ging es zwischen Alexander Van der Bellen (l.) und Norbert Hofer noch einmal hoch her

Zum Schluss fuhren sie im Umgang miteinander noch einmal die Regler rauf. "Sie lügen schon wieder!" – "Schweres Foul!" – "Ich, ein Kommunist?" – "Mein Vater, ein Nazi?" –  "Waren Sie ein Spion?" – "Das Mieseste, was ich seit Langem gehört habe!" Die beiden Bewerber um das höchste Amt im Staate, Norbert Hofer, 45, und Alexander Van der Bellen, 72, blieben einander im letzten TV-Duell vier Tage vor der Wahl nichts schuldig. Ein bitterböser, elf Monate dauernder Wahlkampf ging damit zu Ende.

Am 4. Dezember geben die Österreicher bereits zum dritten Mal ihre Stimme ab, um ihren neuen Bundespräsidenten zu wählen. Die Malaisen und Hoppalas, die dazu geführt haben, sind vielfach dokumentiert, von der Aufhebung der Stichwahl wegen Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung bis zu sich auflösenden Briefwahlkuverts. Hofer und Van der Bellen erklärten unisono, das Wahlergebnis auf jeden Fall akzeptieren zu wollen. Es war ein langes Jahr.

Dreimal Wahlkampf, das bedeutet dreimal Fernsehduelle, dreimal Werbekampagnen, dreimal Angriffe und Gegenattacken in den TV-Studios und in den Kommentarspalten. Seit elf Monaten lächeln Hofer und Alexander Van der Bellen von Plakaten. Langsam gehen den Bewerbern die Themen aus. Zuletzt erklärte die Ehefrau von Alexander Van der Bellen in einem Werbevideo, dass sie – Überraschung! – Van der Bellen wählt.

Wahlkampf wurde zu Schlacht

Eigentlich ist es keine besonders wichtige Wahl. Der Bundespräsident gilt als freundliches Aushängeschild des Landes, viel mehr wurde bisher von ihm nicht erwartet. Doch diese Wahl fällt in eine Zeit des Umbruchs. Zu lange schon ärgert sich das Volk über seine verkeilte, nur noch durch das gemeinsame Interesse am Machterhalt verbundene Koalitionsregierung. Darüber hinaus gilt die Wahl als richtungsweisend, nicht nur für das Land, sondern für Europa, wo rechtspopulistische Parteien zur Mitte drängen und etablierte Machtapparate aufzusprengen drohen. Sowohl Van der Bellen als auch Hofer kündigten an, sich aktiv in die Regierungsgeschäfte einbringen zu wollen. Van der Bellen erklärte etwa, er würde selbst eine mehrheitlich gewählte FPÖ-Regierung nicht angeloben. Hofer sagte, dass er jede Regierung unter Umständen davonjagen würde. Beide ruderten später wieder zurück, doch ihre Botschaft bleibt: Österreich bekommt keine bloße Winkpuppe zum Bundespräsidenten. Sondern jemanden, der bereit ist, die bisher weitgehend ruhenden Kompetenzen des Amts auszunutzen.

Auch dadurch wurde der Wahlkampf zur Schlacht, bei der Links gegen Rechts, Anhänger des Multikulturalismus gegen Nationalisten, Globalisierungsbefürworter gegen -hasser und ganz besonders die Zufriedenen gegen die Enttäuschten kämpfen. Man kennt das Phänomen aus den USA, wo Donald Trump mithilfe der "forgotten people" und zum Entsetzen der globalen Elite ins Weiße Haus einziehen wird. Und wie in den USA entladen sich die Emotionen in den sozialen Netzwerken und sorgen dafür, dass sich die Wählerlager immer unversöhnlicher gegenüberstehen.

Dehnen und Recken

Van der Bellens "Landlust"-Kampagne sorgte in liberalen Kreisen nicht nur für Freude. Da wurde der Stadtmensch durchs Tiroler Kaunertal getrieben, das noch oft genannt werden sollte in einer ganz auf Bergidylle und Landlust konzentrierten Kampagne. Er habe dort seine Wurzeln, werden Van der Bellen und sein Wahlkampfleiter nicht müde zu erklären. Dort habe er wichtige Werte wie "Zusammenhalt" gelernt. Wenn man jedoch bedenkt, dass der 1944 geborene Van der Bellen im zarten Alter von einem Jahr ins Kaunertal kam und - so steht es zumindest im Lebenslauf auf der Webseite des österreichischen Parlaments - bereits ab 1950 die Volksschule in Innsbruck und das Kaunertal nur noch in den Ferien besuchte, so bekommt die Inszenierung des Kaunertals als Wiege seiner Persönlichkeit einen etwas zu süßlichen Geruch. 

Die alpinisierte Coca-Cola-Ästhetik der Kampagne wurde von der deutschen Werbeagentur Jung von Matt ersonnen und bringt immerhin das Kunststück fertig, zugleich paternalistisch und naiv daherzukommen. Der deutsche Blick aufs ländliche Österreich gleicht offenbar dem aus Wien: Man glaubt, das Volk durch die Auslösung von Heimatreflexen steuern zu können. Sollte Van der Bellen die Wahl gewinnen, dann nicht wegen, sondern trotz dieser klebrigen Kampagne, die ihm unter anderen Umständen um die Ohren gehaut würde.

Aber es geht gegen die FPÖ, gegen einen starken Konkurrenten mit feindseliger Rhetorik und Verbindungen zu deutschnationalen Kreisen, und deshalb halten österreichische Medien bis auf wenige Ausnahmen verdächtig still, was die Patzer im Van-der-Bellen-Lager betrifft. Es ist eine hässliche Zeit, in der auf beiden Seiten der Zweck sämtliche Mittel heiligt und die Glaubwürdigkeit aller auf der Strecke bleibt.

Flirt mit dem rechten Rand

Es waren nicht die Kandidaten und ihre Unterstützer, sondern eine 89-jährige Frau, die einen Moment der Klarheit in diesen Wahlkampf brachte: Gertrude aus Wien, eine Auschwitz-Überlebende, die in einfachen, dabei umso eindringlicheren Worten davor warnte, jemanden zu wählen, "der das Niederste im Menschen hervorbringt, nicht das Anständigste". Norbert Hofer oder die FPÖ werden darin nicht erwähnt. Die "Blauen" tobten dennoch, Parteichef Heinz Christian Strache erklärte den Clip zum "Hetzvideo" und zelebrierte Empfindlichkeit ob der "Nazi-Schublade", in die seine Partei wieder mal gesperrt werde.

Dabei ist es die FPÖ, die sich immer und immer wieder der Symbolsprache der Deutschnationalen bedient – hochproblematisch in einem Land, das seine Vergangenheit als Teil von Nazideutschland nie ernsthaft aufgearbeitet hat. Norbert Hofer wird zwar nicht müde, zu betonen, dass er die Nationalsozialisten für "eine Mörderbande" hält und Antisemitismus strikt ablehne. Doch gleich mehrere seiner Mitarbeiter sind Mitglieder in Burschenschaften, er selbst ist Ehrenmitglied einer Verbindung in seiner Heimatgemeinde Pinkafeld. Zur DNA dieser Vereine gehört die Betonung der Zugehörigkeit Österreichs zur "deutschen Volksgemeinschaft", stets schwingt ein gewisses Bedauern über die durch "geschichtliche Wirren" erfolgte Trennung der beiden Staaten mit. Hofers Büroleiter war in Jugendjahren Mitläufer der Neonaziszene, Hofer macht gern Stimmung gegen Muslime. In Summe ergibt sich das Bild von einem, der mit dem rechten Rand der Gesellschaft zumindest kokettiert. Geschadet hat ihm das bei seinen Wählern jedoch offenbar nicht.

Auch seine aggressiven Töne dürften ihn keine Stimmen gekostet haben. Seine Rhetorik hat für viele Spekulationen gesorgt. Er sei ein "NLP"-Manipulator, heißt es über Hofer. Die Abkürzung steht für "Neurolinguistisches Programmieren", unter dem Label versammelt sich eine Kombination verschiedener therapeutischer Methoden und Tricks, mit deren Hilfe Gesprächspartner unter gewissen Umständen manipuliert werden können. Hofer hat tatsächlich eine NLP-Ausbildung. Doch in erster Linie punktet er mit eingelernten Sprüchen ("Ich bin zu jung, um Nazi zu sein") und Stammtischtaktik ("Was schaun's denn so bös?"), die man in der Politik bisher nicht gewöhnt war, schon gar nicht von einem Bewerber um das höchste Amt im Staat. Tatsächlich zeigt sich Hofer in Diskussionen impulsiv, er lässt sich viel zu schnell aus der Reserve locken und zeigt damit fehlende Souveränität. Doch das Narrativ "Hofer und seine satanische Verve" eignet sich besser zur Dämonisierung des FPÖ-Kandidaten als das Bild vom sprunghaft beförderten Parteisoldaten, der sich in der ersten Reihe noch nicht ganz zurechtfindet.

Seine Sprüche nicht ernst zu nehmen, wäre jedoch ein Fehler. Denn die kommen an. "Ich habe noch nie einen muslimischen Krankenpfleger gesehen", erklärte Hofer, der nach einem Freizeitunfall ein Jahr im Krankenhaus verbringen musste und bis heute am Stock geht. Die Botschaft: Muslime integrieren sich nicht. Stimmung machen ohne zu lügen, das hat man in der FPÖ über Jahre perfektioniert. Es funktioniert, auch bei der Präsidentenwahl.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Man könnte nun seitenweise aufzählen, welche weiteren "Hackeln" in diesem Wahlkampf besonders tief flogen. Dazu zählen Krebsgerüchte um Van der Bellen, der sich mit der Veröffentlichung seiner ärztlichen Befunde wehrte. Ein von Norbert Hofer im Zuge seines schweren Unfalls vor Jahren gestellter Antrag auf Frührente, den er später wieder zurückzog, wurde einer Tageszeitung zugespielt. Aus der Hofburg sickerte durch, dass Van der Bellen, als er im Sommer für kurze Zeit glaubte, er sei der neue Bundespräsident, die für seine geplante Angelobung bestellten Abordnungen des Bundesheers wieder abbestellte – eine Ohrfeige für das Militär von seinem (zu diesem Zeitpunkt) designierten obersten Befehlshaber. Und für den Tag vor der Wahl ist eine Demonstration in Wien angemeldet. Motto: "F*ck Hofer!"

Einmal nur wurde in Wien herzlich gelacht: Als die Anwaltskammer in einem Inserat die Leiter von Pflegeheimen darauf hinwies, dass die Bestellung von Wahlkarten für entmündigte Bürger verboten sei. In Österreich wird seit Jahrzehnten mit Wahlstimmen Schindluder getrieben, es gehört zum Land wie das "Pfuschen", also die Schwarzarbeit, und die "Freunderlwirtschaft". Wer früher eine günstige Gemeindewohnung brauchte, besorgte sich als erstes ein Parteibuch der SPÖ. Empörung über derartige Zustände, die gibt es im Land noch nicht so lange.

Wer hoffte, dass der Spuk nach dem 4. Dezember vorbei ist, könnte enttäuscht werden. Der wahre Kampf um die Macht im Staat wird erst bei der kommenden Parlamentswahl entbrennen, die – so deuten es Regierungs- wie Oppositionskreise an – von 2018 auf Mai 2017 vorverlegt werden könnte. Angesichts dessen, was nicht nur für die österreichischen Parteien, sondern für Europa auf dem Spiel steht, könnte es sein, dass dieser Wahlkampf dem Land noch als besonders freundlich in Erinnerung bleibt.