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Weltfinanzgipfel in London: Toter bei G20-Protesten

Bei den Demonstrationen zum G20-Gipfel in London ist ein Mann ums Leben gekommen. Kurz danach räumte die Polizei eine Zeltstadt von Klimaschützern im Londoner Finanzdistrikt. Cornelia Fuchs berichtet über das düstere Ende eines Tages, der eigentlich ganz anders geplant war.

Stundenlang hatten die paar letzten hundert Demonstranten zwischen Polizei und Notenbank ausgeharrt, sie durften den Platz nicht verlassen "bis wir jeden fotografiert und aufgenommen haben", wie es ein Polizist erklärte. Es war das Nachspiel der Gewaltszenen, die sich am Nachmittag in der kleinen Straße zwischen der Notenbank und einer Filiale der Royal Bank of Scotland abgespielt hatten.

Demonstranten hatten Polizisten mit Flaschen und Eiern beworfen und Raketen auf sie abgeschossen, die Beamten schlugen zurück und nahmen etwa 90 Demonstranten vorläufig fest. Sieben Menschen wurden verletzt, ein Polizist musste im Krankenhaus behandelt werden. Dazwischen gingen ein paar Scheiben der Bankfiliale zu Bruch, Computer wurden hinausgeworfen, Gardinen in Brand gesteckt, Randalierer festgenommen.

Am frühen Abend warteten die Demonstranten auf der einen Seite der Absperrung, dass sie endlich nach Hause durften, die Polizisten standen auf der anderen Seite. Ein Passant machte schließlich einige Polizisten aufmerksam auf einen Mann, der in der Nähe einer dieser Absperrungen zusammengebrochen war. Zwei Polizei-Ärzte versuchten, den etwa 30-jährigen wiederzubeleben und wurden dabei mit Flaschen beworfen, sie mussten ihn in eine kleinere Seitengasse verlegen, um ihn zu behandeln. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus, die Todesursache war zunächst nicht bekannt.

Es ist das düstere Ende eines Tages, der eigentlich die Zeit des bunten, kreativen Widerstandes gegen die Weltkrise in Großbritannien einleiten sollte. Die wild sortierte Truppe der Organisatoren "G20-Meltdown", der Kernschmelze des Gipfels, hatte den britischen Medien seit Wochen erzählt, dass sie die Wut ihrer Landsleute zu einem Karneval des Protests nutzen wollten. Die Kernschmelzler hatten für ihre Mission einen geeigneten Fürsprecher gefunden: Chris Knight ist Professor der Anthropologie an der Universität in East-London und für die Erforschung des Lachens zuständig. Der Professor erzählte im Vorfeld der Demos gern von der Revolution, die fällig sei, und dass er vorhabe, mit der Gewerkschaft der Prostituierten die Notenbank in einen "Ort größerer Moral" zu verwandeln.

Knight gefiel sich als Provokateur und konnte sich bei seinen Interviews oft ein Lachen nicht verkneifen. Doch als er in den Nachrichten verkündete, Banker - wenn auch nur als Puppen - an Lampen aufhängen zu wollen, wurde es seinem Arbeitgeber zu bunt. Der suspendierte den Professor mit sofortiger Wirkung, was seinem Enthusiasmus aber keinen Abbruch tat. Knight glaubte zu wissen, dass eine große Wut durch ganz Großbritannien fege und die Leute auf die Straße treiben werde.

Doch anstelle von zehntausenden wütenden Demonstranten, die Knight vorhergesehen hatte, laufen am Tag vor dem G20-Gipfel nur 5000 hinter ihm und seinen apokalyptischen Reitern her, die den Demo-Zug anführen. Und von den 5000 stehen viele gar nicht hinter den Forderungen des Professors. Nick Constantine, 18 Jahre, zum Beispiel, hält ein Plakat hoch mit der Aufschrift: "Gebt mir Geld! Ich brauche ein neues Ski-Valet!" und erklärt, er wolle das System nicht revolutionieren, sondern nur deutlich machen, dass Boni für schlechte Manager einfach blödsinnig seien. Andere recken Poster hoch mit der Aufschrift: "Demokratie ist eine Illusion" oder "Ein Land! Eine Währung!" oder auch "Vorwärts, Putin!". Der Träger des letzten Plakates erklärt dazu, dass er "Putin echt gut finde!".

Blumen im Haar zur Internationalen

Die einen wollen mehr Regeln für die Banken, sie aber nicht abschaffen; die anderen wollen die Banken abschaffen, und sie vorher stürmen, und wieder andere wollen die Banken bekehren und einige Straßen weiter den europäischen Handel mit Emissionswerten blockieren. Es gibt Mädchen mit Blumen im Haar und Jungs mit Filzlocken, einige pfeifen Banker aus und daneben spielt der Alt-Linke Billy Bragg die Internationale.

Dazwischen sind kleine, mobile Gruppen von schwarzgekleideten Vermummten auf Ärger aus. Dem Akzent nach zu urteilen, mit dem sie ein kurzes "No" auf Fragen bellen, sind sie zumindest keine gebürtigen Briten. Britische Zeitungen schreiben, die Krawallmacher kämen aus Italien, Frankreich und Deutschland. Sie stehen ganz vorne, als die Scheiben in der Bankfiliale zu Bruch gehen.

Polizei verspricht "Ring aus Stahl"

Und sie sind es auch, die schließlich am friedlichen Klima-Camp einige Straßen weiter versuchen, eine Kreuzung zu blockieren und so die Polizei zu provozieren. Sie lassen sich von den Uniformierten über Brücken jagen und schmeißen Flaschen und Steine. Am Ende hat die Einsatzleitung offenbar genug und beginnt, das Zeltlager der Klimaschützer zu räumen. Da ist es schon dunkel, und die Zelte haben fast zwölf Stunden eine der wichtigsten Durchgangsstraßen im Finanzzentrum Londons blockiert.

Die Umwelt-Aktivisten haben in der Zeit Klo-Zelte aufgestellt, mit kompostierbaren Toiletten. Sie haben meditiert, mit dem Fahrrad Strom für ihre Stereoanlagen produziert und Workshops angeboten über die Klimakonferenz in Kopenhagen und die besten Technologien zur Rettung der Welt.

Kurz vor Mitternacht werden die Menschen einzeln aus ihren Zelten gezerrt, das Camp wird aufgelöst. Dann kehrt Ruhe ein in den Londoner Finanzdistrikt, für einige Stunden. Doch die nächsten Proteste sind schon angekündigt: Am Donnerstagmorgen wollen sie vor die Hotels der Gipfel-Delegationen ziehen und dann zum Konferenz-Zentrum ganz im Osten der Stadt. Die Polizei hat angekündigt, sie werde dort zum Schutz einen "Ring aus Stahl" einrichten.