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Zwischenwahl in USA: Vereint in Wut - wie Donald Trump Frauen scharenweise in die Politik treibt

Noch nie haben so viele Frauen bei den US-Wahlen für Ämter kandidiert wie dieses Jahr. In Scharen wenden sie sich von den Republikanern ab, denn sie sind abgestoßen vom Gebaren des Mannes im Weißen Haus.

Saily Avelenda

Saily Avelenda hat ihr Einsatz gegen Donald Trump den Job gekostet

Picture Alliance

Eigentlich hätte Saily Avelenda heute lieber zu Hause bleiben sollen. Aber was ist schon ein Bandscheibenvorfall, wenn ein Hetzer wie Donald Trump das Land regiert?

Saily Avelenda hat an diesem Sonntagmorgen wieder einmal ihren Sohn ins Auto gesteckt und ist in einen Nachbarort gefahren, um den Widerstand gegen den amerikanischen Präsidenten zu organisieren.

Ihr Einsatz gegen Trump hat sie ihren Job gekostet.

Sie blieb unbeeindruckt.

Jetzt sagt sie, ihren Rücken könne sie auch noch nach der Wahl schonen.

Es könnte finster werden in den USA

Ihr Sohn trägt ein Superman-Kostüm, er ist in dem Alter, in dem Debatten um Kleiderfragen zwecklos sind. Mit ihm im Schlepptau hat sie in den vergangenen Monaten an unzähligen Haustüren geklingelt, Diskussionen und Vorträge organisiert und auch sonst auf alle möglichen und unmöglichen Wege versucht, die Menschen davon zu überzeugen, dass diese Wahl am 6. November die wichtigste ihres Lebens ist. Dass es finster wird in Amerika, wenn die Demokraten nicht die Macht im Kongress gewinnen und Donald Trump nicht in die Schranken weisen können.

Saily Avelenda trägt ein violettes Cap, das Erkennungszeichen ihrer Graswurzelorganisation "NJ 11th for Change" und geht mit einem Stapel Flugblättern zum Treffpunkt in einem gepflegten Vorgarten in West Orange, New Jersey. Die Menschen hier besitzen große Autos und Garagen mit den Ausmaßen von Einfamilienhäusern, sie leben in Suburbia, diesem Abziehbild des amerikanischen Traumes. Sie sind Facharbeiter, Ingenieure, Selbstständige und Hausfrauen, die Mittelschicht, von der so viel abhängt in diesen Tagen.

Donald Trump macht Wahlkampf mit Angst

Am Treffpunkt warten gut 40 Leute, vor allem Frauen. "Wir Frauen retten Amerika", sagt Saily Avelenda. Wahrscheinlich hat sie Recht.

Die Frauen sind die treibende Kraft der Demokraten in den Midterm Elections. Weiße Frauen aus der Mittelschicht wenden sich in Scharen von den Republikanern ab. Eine Welle von Frauen im ganzen Land engagiert sich im Wahlkampf, noch nie kandidierten so viele für ein Amt.

Wenn heute nur amerikanische Frauen wählen würden, hätten die Vereinigten Staaten und mit ihnen die Welt wohl weniger Probleme mit Donald Trump. 62 Prozent bevorzugen nach einer CNN-Umfrage die Demokraten, während Republikaner und Demokraten unter Männern etwa gleichauf bei 49 und 48 Prozent liegen. Unter Nicht-Weißen Frauen liegt die Zustimmung für die Demokraten sogar bei 79 Prozent und unter Frauen mit College-Abschluss bei 68 Prozent.

Trump treibt Frauen scharenweise in die Politik

Viele Frauen sind so abgestoßen von Donald Trump, dass sie sich zum ersten Mal in ihren Leben politisch engagieren.

Eine Wissenschaftlerin in Georgia zum Beispiel empörte sich so sehr über den Klimawandel-Leugner Donald Trump, dass sie sich entschied, für den Kongress zu kandidieren. Eine junge Latina in Colorado tat das ebenfalls, als sie den Rassisten Donald Trump nicht mehr aushielt. Eine Frau in Ohio verbrachte vor der Wahl von Donald Trump ihre Abende am Fernseher. Sie kann heute schon gar nicht mehr sagen, wann sie das letzte Mal auf der Couch saß, denn sie organisiert unermüdlich den Wahlkampf für die Demokraten, um gegen die Kürzungen der Krankenversicherung anzukämpfen, unter denen Millionen Amerikaner wie sie und ihre behinderte Tochter leiden.  

Auch die demokratische Kongress-Kandidatin Mikie Sherrill, für die Saily Avelenda heute Wahlkampf in New Jersey macht, ist neu in der Politik. Sie flog früher Helikopter in der Navy und arbeitete danach als Staatsanwältin. Es war die Wut über Trumps Einreiseeinschränkungen für Menschen aus einigen islamischen Ländern, über die Verbannung von Transsexuellen aus dem Militär, über Trumps Frauenfeindlichkeit, die sie für den Kongress kandidieren ließen. Mikie Sherrills Wahlkampfteam besteht komplett aus Frauen und sie stellen auch die meisten ihrer Helfer in ihrer Wahlkampfzentrale.

Und Saily Avelenda hat ihrer Kandidatur den Weg geebnet. Sie geht auf Mikie Sherrill zu, die noch in der Tür ihres Wahlkampfbusses steht. Gerade hatte die Kandidatin ihre Helfer noch einmal eingeschworen: "Dies ist die Schlacht unseres Lebens. Und hier ist die Frontlinie. Hier müssen wir den Unterschied machen. Hier müssen wir die Leute raus zum Wählen kriegen! Hier beeinflussen wir die Zukunft nicht nur für unseren Distrikt, sondern auch für unser ganzes Land!"

Saily Avelenda schont weder Trump noch sich

Saily Avelenda spricht mit Mikie Sherrill darüber, an welchen Haustüren noch zu klingeln ist. Auch wenn sie heute nicht von Haus zu Haus gehen kann, der Rücken. Es ist kein Wunder, dass ihr Körper nach all den Monaten ihres Einsatzes nun streikt. Saily Avelenda schont weder Trump noch sich.

Frauen-Power: Sie sind zu einer Wahlveranstaltung von Mikie Sherrill gekommen. Frauen sind die Hoffnung der Demokraten

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stern

Auch sie ist ein Neuling in der Politik. Als Donald Trump Präsident wurde, erzählt Avelenda, fühlte sie sich mitschuldig, denn sie hatte sich nicht für den Wahlkampf interessiert. Das sollte sich nun ändern.

Ihre Gruppe fing klein an, sie traf sich mit 15 Gleichgesinnten in einem Café, um das Trauma Trump aufzuarbeiten. Schnell hatten sich mehr als tausend Menschen auf Facebook vernetzt. Sie erschienen regelmäßig vor dem Büro ihres republikanischen Abgeordneten. Erst, um ihn zur Rede zu stellen, etwa, als er Trumps Gesetzentwurf zur Kürzung der Krankenversicherung zustimmte. Dann, um zu protestieren, denn er wollte nicht mit ihnen reden. Stattdessen schrieb er in einem Brief an ihren Chef, in seiner Bank sitze die Urheberin des schändlichen Widerstands. Und ihr Chef forderte nun, dass sie sich aus der Politik zurückziehe. 

Sie kündigte, obwohl sie die Hauptverdienerin ihrer Familie war. "Die Lage ist zu ernst, ich kann mich nicht verstecken", sagt sie. Sofort nach ihrer Kündigung machte sie den Brief des Abgeordneten öffentlich. Und alle Menschen im Wahlkreis erfuhren, wie der Mann, den sie für 24 Jahre in den Kongress gewählt hatten, eine Frau mundtot machen wollte, nur weil sie sich politisch engagierte. Er warf einige Wochen später hin, ein neuer Kandidat musste aufrücken und das Rennen war für die Demokraten zum ersten Mal seit Jahrzehnten aussichtsreich. Mikie Sherrill ergriff die Chance.

Seitdem ist Saily Avelenda jeden Tag im Einsatz, um den Widerstand gegen Trump zu organisieren. Aus der Vollzeit-Bankerin wurde eine Vollzeit-Aktivistin.

200 Menschen kommen. Das ist gut

An einem Mittwochabend steht sie nervös in einer Versammlungshalle. Sie hat eine Veranstaltung organisiert, diskutiert werden soll über die Rolle der Medien und darüber, wie Donald Trump mit seinem Fake-News-Geschrei den öffentlichen Diskurs vergiftet hat. Wie viele Leute werden kommen? Gibt es viele Menschen, die nun so politisiert sind wie sie und ihrer Mitstreiterinnen? Oder ist die Gleichgültigkeit der Menschen auch in ihrer Kleinstadt groß genug, dass man sich lieber eine Casting-Show im Fernsehen ansieht, als eine Diskussion, in der es ernst und konzentriert und manchmal auch kompliziert um die Verfasstheit der amerikanischen Demokratie geht?

Saily Avelenda blickt zur Tür. Nach und nach kommen die Menschen. Bald sind es gut 200. Davon gut zwei Drittel Frauen. Es ist ein guter Abend für Saily Avelenda. Er gibt ihr Zuversicht.

Einige Tage später sitzt sie voller Wut in einem Café, auf dem Weg hierher hat sie im Radio die Senatsbefragung von Richter Brett Kavanaugh gehört. "Da ist ein Mann mit einer versuchten Vergewaltigung durchgekommen und sein Opfer wurde von den Republikanern verhöhnt", sagt sie. "Wenn die Demokraten nicht die Midterm Elections gewinnen, dann droht uns ein Rückschritt in die 50er Jahre."

Sie ist mit ihrer Wut nicht alleine

In den Tagen danach lernt sie, dass sie mit ihrer Wut nicht alleine ist. Nach der Ernennung von Brett Kavanaugh in das Oberste Gericht melden sich dutzende Frauen bei ihr und fragen, wie sie mithelfen können.

Einige stehen an diesem Sonntag kurz vor der den Wahlen um sie herum und lassen sich die besten Strategien für den Häuserwahlkampf erklären. Man sieht Saily Avelenda an, wie sehr ihr dieses geschäftige Chaos gefällt. Wird sie nach den Wahlen wieder in einer Bank arbeiten? Das wisse sie nicht, sagt sie. Aber eins sei ihr klar: Sie werde weiter kämpfen. Bis sie und die anderen Frauen Trump bezwungen haben.