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Trump-Nachfolge: Abwarten und Tee trinken - wie Mike Pence Präsident anstelle des Präsidenten werden will

Hinter verschlossenen Türen spricht Mike Pence schon davon, wie er als Präsident mit der Presse umgehen würde. Der US-Vize kann sich berechtigte Hoffnungen machen, dass er nur die Füße stillzuhalten braucht, um ins Oval Office zu ziehen.

Mike Pence Donald Trump

Bislang hat Mike Pence das Angebot ausgeschlagen, so verlockend es sein mochte und so unmoralisch es auch war. Vor einigen Tagen schlug die demokratische Abgeordnete Zoe Lofgren eine Resulotion vor, die es Vizepräsident Pence erlauben würde, Donald Trump wegen dessen "fragwürdiger geistiger Verfassung" zum Rücktritt aufzufordern. Die Gesetzesinitiative bekam zwar den Applaus Trump-kritischer Kreise, ist aber wohl chancenlos. Dabei erlaubt es die US-Verfassung durchaus, ein amtierendes Staatsoberhaupt wegen gesundheitlicher Probleme durch den Vize zu ersetzen. Aber Mike Pence will nicht der Königsmörder sein. Er braucht es auch nicht. Mike Pence muss eigentlich nur die Füße stillhalten und abwarten.

Mike Pence - ein puppenhaftes Mahnmal

Auf Bildern, die den Präsidenten und seinen Stellvertreter zeigen, wirkt Pence wahlweise wie ein Butler, der auf die nächste Coke-Light-Bestellung wartet oder wie eine Nanny, die aufpasst, dass der kleine Donny keinen Unsinn anstellt. Er steht dann da: Die Arme eng am Körper, der Blick passiv aber wohlwollend auf dem Chef ruhend. Ein puppenhaftes Mahnmal. Doch Donald John Trump, der älteste Neuling im Weißen Haus, lässt sich nicht hüten wie ein Kleinkind. In seinen sieben Monaten im Amt vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht irgendwelche Tiraden über Twitter absetzt, an dem er sich nicht mit wichtigen wie unwichtigen Leuten anlegt oder unverhohlene Drohung gegen Medien und politische Institutionen ausstößt. Sollte es tatsächlich der Job des alten Parteisoldaten Mike Pence sein, mäßigend auf ihn einzuwirken, dann hat er bislang keine gute Arbeit abgeliefert. Vielleicht will er es aber auch schlicht nicht.

 Bei dem ganzen Staub, den die Nummer 45 aufwirbelt, bei all den wöchentlichen Personalrochaden und den krachend gescheiterten Großvorhaben wie den Mauerbau zu Mexiko und der Abschaffung von Obamas verhasster Gesundheitsreform, rückt in den Hintergrund, dass Trumps Ministerriege nahezu ungestört all den kleinen Gemeinheiten nachgehen kann, die eben auch auf der Agenda der Republikanischen Partei stehen. Der Chef der Umweltbehörde baut Stück für Stück Umweltschutzauflagen ab, der Justizminister streicht mit Wonne Minderheitenrechte zusammen, der Innenminister springt immer rabiater mit illegalen Einwanderern um. Bei so viel Fleiß ist es kein Wunder, dass das Kabinett bislang vom Chaos im Weißen Haus verschont geblieben ist. Besonders auffällig dabei ist das Schweigen des Mike Pence.

Der Mann für die erzkonservative Agenda Diskretion mag zwar zu seinem Naturell gehören, doch lange Zeit wirkte seine bedingungslose Loyalität zum Derwisch im Oval Office fast schon selbstverleugnend. Aber es ist eben auch sein Verdienst, dass der Regierungsapparat abseits der schlagzeilenträchtigen Superthemen relativ reibungslos funktioniert. Viele der gar nicht so unbedeutenden Kleinigkeiten, die die Minister zurzeit durchboxen, entsprechen genau seiner erzkonservativen Agenda. Wie etwa die Möglichkeit für Arbeitgeber, Krankenversicherungen abzulehnen, die Abtreibungen finanzieren. Dazu hält er die zweite und dritte Garde der Republikaner zusammen, alles in allem gibt er keinen Anlass zur Beschwerde. Zudem erlaubt es ihm sein Netzwerk in der Partei, die Dinge bei Bedarf eskalieren zu lassen. Wobei er durchaus begrüßen dürfte, dass sie es auch ohne seine Hilfe tun.


Der zweite Mann im Staat steht also da und sieht ungerührt zu, wie sein Chef Donald Trump in den Umfragen abschmiert. Wie immer mehr Kollegen in Washington öffentlich die mentale Gesundheit des Präsidenten anzweifeln. Wie selbst Parteigänger ihren eigenen Mann mehr oder weniger öffentlich einen Idioten nennen. Und wie Trump sich mit denjenigen verkracht, auf deren Wohlwollen er angewiesen ist.

Die "New York Times" etwa berichtet über ein tiefes Zerwürfnis zwischen dem US-Präsidenten und dem Chef der Republikaner im Senat, Mitch McConnell. Ohne dessen Truppen in der zweiten Abgeordnetenkammer aber wird Trump weiterhin mit seinen ambitionierten Wahlversprechen scheitern. Möglicherweise könnte Pence helfen, vermitteln, Frieden stiften. Aber warum sollte er? Jede Niederlage Trumps bringt ihn seinem Ziel näher: Präsident anstelle des Präsidenten zu werden.

Erster Vize mit Spenden-Kommitee

Dass er die entsprechenden Ambitionen hat, dürfte mittlerweile allen Beteiligten klar sein. Als bislang erster amtierender Vizepräsident hat Pence ein so genanntes PAC gegründet - ein politisches Komitee zum Spendensammeln. Die rufen üblicherweise aber nur Präsidentschaftskandidaten ins Leben. Auch mit Großspendern der Partei soll Pence mittlerweile in regem Kontakt stehen. Das alles deutet daraufhin, dass der Vize eine Kandidatur bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2020 zumindest erwägt. Würde er das tun, wenn er sich keine Chancen ausrechnete? Oder wenn er an Donald Trump glauben würde?

Donald Trump Berater Stephen Bannon


Aber vielleicht muss er gar nicht mehr so lange warten, bis er den bekanntesten Bürostuhl der Welt erklimmen kann. Allein die Ermittlungen in der Russland-Affäre haben das Zeug, Donald Trump das Amt zu kosten. Die Spekulationen reichen von: Trump tritt zurück, wenn er, seine Finanzen oder seine Familie ernsthaft in den Mittelpunkt der Untersuchungen geraten würden - bis zu: Nach Ende der Ermittlungen ist er als Staatsoberhaupt untragbar geworden. Vielleicht gibt der launenhafte Präsident aber auch entnervt aus anderen Gründen auf oder die Republikaner schließen sich mit der Opposition zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump zusammen. Dazu braucht es vor allem eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus, der Parlamentskammer, in der Mike Pence seit Jahren hervorragend verdrahtet ist.

Wie rasch die Autorität des Präsidenten erodiert, zeigt sich auch daran, dass sich der Vize so etwas wie eine eigene Meinung erlaubt. Nicht immer, aber immer öfter. Zur Russland-Connection versucht er schon länger Abstand zu gewinnen. Als Donald Trump die Nato infrage stellte, hob er die unverbrüchliche Bündnistreue hervor. Am deutlichsten aber wurde Pence, nachdem bei Protesten in Charlottesville ein Gegendemonstrant ums Leben gekommen war. Anders als der Präsident wählte er klare Worte und verurteilte die rechten Umtriebe scharf. Und was die Dauer-Attacken auf die "Fake News" betrifft, scheint Pence ebenfalls anders zu ticken als sein Vorgesetzter. Laut der linken Seite "Shareblue.com" soll er vor Medienvertretern angekündigt haben, als Präsident die Krakeelerei gegen die Presse zu stoppen. In der Welt des Vize-Präsidenten hat die Nach-Trump-Ära offenbar schon begonnen.