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Österreich: 3000 Polizisten für 2500 Gäste: Warum der Wiener Akademikerball so polarisiert

Der Wiener Akademikerball gilt als Österreichs rechteste Veranstaltung. Heftig protestiert wird seit Jahren. Neu ist: Der Veranstalter des Balls, die rechte FPÖ, ist nun an der Regierung. Die Polizei fürchtet Ausschreitungen.

Demonstranten beim Wiener Akademikerball

Teilnehmer der Demonstration "Offensive gegen Rechts" protestieren gegen den Akademikerball. Der Ball wird von der FPÖ veranstaltet. Seit Dezember sitzt die rechte Partei in der Regierung.

Ein paar Stunden, bevor er in seinen schwarzen Anzug mit Smokingmasche schlüpft, schlägt Heinz Christian Strache noch einmal schnell um sich: "Spiegel Fake News!" Im Juni 2017 habe er an einem Fest zum 100-jährigen Bestehen der deutschnationalen Burschenschaft "Germania" in Wien teilgenommen, schrieb der "Spiegel", und ein Ehrenband habe er auch bekommen. Unseriös, falsch, Kampagnenjournalismus, schreibt der Strache auf Facebook zurück. Seiner FPÖ solle geschadet werden, immerhin wird am Sonntag in Niederösterreich gewählt.

Mit der "Germania" will in diesen Tagen in Österreich offiziell niemand auch nur noch irgendwas zu tun haben. Nicht, nachdem die Wiener Zeitung "Falter" ein Liedbuch der Burschenschaft entdeckt hatte. "Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: 'Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million'", steht unter anderem darin. Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet. "Rassistisch, antisemitisch und absolut widerwärtig", fand die Zeilen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Und auch Koalitionspartner Strache urteilte: "wirklich widerlich". Der FPÖ-Chef sagt seitdem Dinge wie: "Burschenschaften haben nichts mit der FPÖ zu tun."

Es darf durchaus gerätselt werden, was der rechtspopulistische Strache damit wohl meint. Fakt ist: Die FPÖ ist in Kreisen deutschnationaler Burschenschaften überaus stark verankert. Am Freitagabend findet in der Wiener Hofburg der jährliche "Akademikerball" statt. Er gilt als das Event schlechthin für Österreichs Rechte und ist extrem umstritten. Organisator des Balls war 60 Jahre lang der sogenannte "Wiener Kooperationsring", eine Vereinigung schlagender Burschenschaften aus Wien. Seit 2012 organisiert den Ball die Wiener FPÖ.

Am rechten Rand: Burschenschaften in Österreich

Die in Österreich sind eine Untergruppe der Schüler- und Studentenverbindungen. "Sie verfolgen einen explizit politischen Ansatz", sagt Bernhard Weidinger, Forscher am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, auf Nachfrage des stern. "Ihrer Ansicht nach gehört Österreich zu Deutschland."

Im Gegensatz zu Burschenschaften in Deutschland seien jene in Österreich stärker am rechten Rand anzusiedeln. Der Großteil sei rechtsextrem oder an der Grenze dazu, sagt Weidinger und ergänzt: "Wenn Mitglieder der deutschnationalen Burschenschaften in Österreich politisch aktiv werden, so ausschließlich in der FPÖ oder rechts davon - das heißt: im Neonazismus." Bis zu 4000 Mitglieder zähle das deutschnationale Verbindungswesen in Österreich. "Die Zahl bleibt konstant." Warum beigetreten wird? Weil man Anschluss in der großen neuen Stadt sucht. Weil's so günstigere Studentenzimmer gibt. Weil's der Papa auch gemacht hat.

Burschenschaften: "Personalpool für die FPÖ"

Der österreichische Politikwissenschaftler Peter Filzmaier bezeichnet die Burschenschaften gar als "Netzwerk, wenn nicht sogar ein Personalpool, für die FPÖ". Fast die Hälfte der 51 FPÖ-Abgeordneten im Nationalrat - dem österreichischen Parlament - ist Mitglied dieser Vereinigungen. Dazu zählen unter anderem: Norbert Hofer - vor einem Jahr noch auf dem Sprung ins Bundespräsidentenamt, heute Bundesminister für Verkehr und Innovation - als Mitglied der "Marko-Germania". Und nicht zuletzt: , seit Dezember Vizekanzler, bereits seit 33 Jahren aber Mitglied der "Vandalia". 

Über die eigene Nähe zu einer Burschenschaft spricht in der FPÖ dieser Tage offenbar niemand gerne allzu laut. Zu frisch ist die Aufregung um die Liedtexte der "Germania". Dumm nur für die FPÖ: Der Mann, den Strache für die Niederösterreich-Wahl ins Rennen schickt, ist stellvertretender Vorsitzender der "Germania". Das heißt: Udo Landbauer, 31 Jahre alt, war es. Nach dem Bekanntwerden der Liedtexte hat er seine "Germania"-Mitgliedschaft "ruhend" gestellt. Von den Texten sei er "entsetzt", ließ Landbauer wissen, das sei nie gesungen worden, er wisse nichts davon. "Als dieses Buch erschienen ist, war ich gerade elf Jahre alt. Da kann ich noch keine Verantwortung getragen haben", sagte er diese Woche in einem ORF-Interview. Später schob er noch folgenden Satz hinterher: "Ich selbst war nie ein guter Sänger. Daher habe ich mich nie intensiv damit befasst." 

Proteste gegen den Akademikerball Wien

Niederösterreich ist so nah: Der Skandal um die "Germania"-Liedtexte hat Wien schon lange erreicht

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Wiener Akademikerball: Die Polizei rüstet sich

Vor diesem Hintergrund nun also der Wiener Akademikerball. Aufgrund des geschichtsträchtigen Austragungsortes - in der Wiener Hofburg sitzt der Bundespräsident - war die Veranstaltung schon immer massivem Protest ausgesetzt. Dieses Jahr rüstet die Polizei noch einmal auf: Mehrere Organisationen und die linke Szene haben zu Demonstrationen aufgerufen, die Ordnungshüter fürchten Gewalt und Ausschreitungen, schicken 3000 Sicherheitskräfte nach Wien. 3000 Polizisten auf 2500 Gäste, die teilweise der eigenen Regierung angehören. Auch Heinz Christian Strache wird da sein, in schwarzem Anzug, mit Masche, ohne Krawatte, wie es der Dresscode des Balls verlangt. "Der Ball als Symbol 'Rechts gegen Links' hat sich über Jahre entwickelt. Und die Akteure nutzen den Ball auch, um auf ihre Positionierung hinzuweisen", sagt Politikwissenschaftler Filzmaier. "Überspitzt kann man sagen: Wenn sie den Ball als Symbol nicht hätten, müssten sie ihn fast erfinden."

Politikwissenschaftler: Das Problem Österreichs liegt tiefer

Das "Grundproblem" Österreichs werde damit allerdings nicht gelöst, sagt Politikwissenschaftler Filzmaier. Er ist überzeugt: Österreich büße aktuell dafür, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt hätte, die eigene Vergangenheit zu bewältigen. "Während sich Deutschland nach 1945 seiner Täterrolle stellte und von Anfang an die Vergangenheit mit viel Ressourcen für politische Bildung aufarbeitete, setzte sich in Österreich die Theorie durch, dass man nicht Täter sei, sondern das erste Opfer des Nationalsozialismus. Die Vergangenheitsbewältigung blieb auf der Strecke. Diese Versäumnisse führen nun dazu, dass in der Bevölkerung die Sensibilität fehlt. Es fehlt ein Wertekanon, anhand dessen sich rassistische, neonazistische Aussagen von selbst in der öffentlichen Meinung disqualifizieren."