HOME

Sturmgewehr G36: Ein ganz krummes Ding

G36, das Standardgewehr der Bundeswehr, verzieht sich bei Hitze und trifft nicht mehr genau. Jahrelang wurde das vertuscht. Darüber gerät auch Ursula von der Leyen in Nöte.

Von Hans-Martin Tillack

Das G36: Ein Gewehr ohne Gewähr

Das G36: Ein Gewehr ohne Gewähr

Es gibt da ein Problem. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nennt es ein "Präzisionsproblem". Das klingt technisch. Tatsächlich verbirgt sich viel mehr dahinter - eine Hiobsbotschaft für die Bundeswehr, eine Blamage für das Bundesverteidigungsministerium: Das G36, das Standardgewehr deutscher Soldaten, ist nicht immer treffsicher.

Ein Gewehr ohne Gewähr

Wird das Kunststoffgehäuse der Waffe heiß, verzieht es sich - und Schüsse gehen daneben. Das kann passieren, wenn das Gewehr in der prallen Sonne liegt. Oder wenn der Soldat die Waffe heiß schießt, also mehr als fünf Dutzend Schuss in rascher Folge abgibt. Der Kunststoff wird weich, die Trefferlage diffus. Kurz gesagt: ein Gewehr ohne Gewähr.

"Seien Sie behütet", ruft von der Leyen ihren Soldaten gern zu. Die Grußformel klingt inzwischen reichlich schief. Deshalb bemüht sich die Ministerin mit großer Geste um Abhilfe. Schließlich ist das G36 nicht irgendein Ausrüstungsgegenstand. Es ist die Lebensversicherung deutscher Soldaten im Auslandseinsatz. Es muss funktionieren, in jeder Situation, egal, bei welchem Wetter, immer. Mehr als 178.000 Stück hat das deutsche Militär seit 1995 geordert. Über 180 Millionen Euro hat der schwäbische Hersteller Heckler & Koch dafür von den Steuerzahlern bekommen.

Und nun das: Die Bundeswehr hat nicht nur Marinehubschrauber, die in der salzigen Seeluft rosten. Jagdflugzeuge, die weder fliegen noch jagen. Sondern auch ein Gewehr, das nur bedingt einsatzbereit ist. Der Skandal im Skandal ist das Verhalten der Verantwortlichen im Verteidigungsministerium: Sie hörten seit vielen Jahren von Mängelrügen, beschönigten und vertuschten sie aber. Dass der Generalinspekteur jetzt empfiehlt, "unnötige Temperaturschwankungen etwa durch direkte Sonneneinstrahlung oder andere Wärmequellen zu vermeiden", muss den Soldaten in Afghanistan und Mali wie Hohn in den Ohren klingen. Als könnten sie sich für jedes Gefecht ein schattiges Plätzchen suchen.

Heckler & Koch wichtiger als Soldaten

Ein 77 Seiten langer geheimer Prüfbericht des Bundesrechnungshofs vom Juni 2014, der dem stern vorliegt, zeichnet die Skandalchronik des G36 nach. Er zeigt: Die Wehrbürokratie scheint die Interessen des Waffenherstellers Heckler & Koch wichtiger genommen zu haben als das Leben der Soldaten. Das empört auch die Politik. Linke und Grüne haben einen Untersuchungsausschuss ins Gespräch gebracht.

Für die Opposition ist der Fall G36 ein Gottesgeschenk, denn er kann gleich mehrere Topleute der CDU beschädigen: die Ministerin selbst, ihren Amtsvorgänger Thomas de Maizière und Volker Kauder, den Fraktionschef von CDU und CSU. In dessen Wahlkreis hat Heckler & Koch seinen Firmensitz. Von 2002 bis 2010 spendete die Firma insgesamt 70.000 Euro an die CDU.

Noch im Mai 2014 ließ Ursula von der Leyen 3770 zusätzliche G36 beschaffen. Einen Monat später behauptete ihr Ministerium weiter, das Gewehr sei eine zuverlässige Waffe. Von der Leyen war zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr im Amt. Erst auf Druck des Bundesrechnungshofs reagierte sie und stellte sich an die Spitze der Aufklärer. Vor ein paar Tagen setzte sie eine Expertenkommission ein, die das Problem weiter erforschen soll. Unter den Mitgliedern sind der ehemalige Grünen-Abgeordnete Winfried Nachtwei und der demnächst ausscheidende Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus, der schon seit Jahren auf die Mängel des Gewehrs hinweist.

Schlechte Erfahrungen mit dem G36 hatten, so der Rechnungshof, schon im Jahr 2010 Soldaten aus dem Afghanistaneinsatz rapportiert: "Selbst heftiges Feuer beeindrucke den Gegner nicht mehr, zum Teil bewege er sich ganz offen", zitierten die Prüfer aus Bundeswehrpapieren. Laut Rechnungshofbericht weiß auch die Spitze des Verteidigungsministeriums seit vier Jahren von den Schwierigkeiten mit dem G36. Bereits Ende Januar 2011 informierten Sonderermittler den damaligen Staatssekretär Rüdiger Wolf über anonyme Vorwürfe und einen möglichen Konstruktionsmangel des Gewehrs. Bei großer Hitze - "wie in Einsatzgebieten in Afghanistan oder am Horn von Afrika" - könne sich die Waffe verformen. Das erzeuge unkontrollierbare Trefferbilder.

Die Warnungen verhallten

In der anonymen Anzeige wird behauptet, diese Mängel seien von Anfang an bekannt gewesen, Tests jedoch manipuliert worden. Die Ermittler warnten den Staatssekretär unmissverständlich: Sollten die Vorwürfe sich bestätigen, "könnte dies einen Mangel der Waffe darstellen, durch den Leib und Leben der im Auslandseinsatz befindlichen Soldatinnen und Soldaten gefährdet werden könnten". Die Warnungen verhallten. Bis heute arbeitet die Verteidigungsministerin mit Ausflüchten. Bei der Erstbeschaffung des G36 vor 20 Jahren habe man noch nicht "an Einsätze in feuchten und heißen Gefilden" gedacht, behauptete von der Leyen dieser Tage. Tatsächlich war die Bundeswehr schon 1993 im afrikanischen Somalia unterwegs - und das G36 von Anfang an für Auslandseinsätze vorgesehen. Das Militär mahnte bereits 1994, die Waffe müsse auch in warmer und feuchter Atmosphäre nutzbar sein. Erstaunlicherweise fanden solche Anforderungen jedoch nicht den Weg in das Lastenheft für das neue Gewehr - in die technischen Lieferbedingungen. Von der Treffgenauigkeit eines heiß geschossenen G36 ist darin nichts zu lesen.

Darauf beruft sich Heckler & Koch bis heute: Das Gewehr entspreche allen gewünschten Spezifikationen. Punkt. Zu Fragen, ob Tests mit der Waffe möglicherweise manipuliert sein könnten, äußert sich das Unternehmen erst gar nicht. Das Wehrwissenschaftliche Institut der Bundeswehr fand jedoch zumindest verdächtige Hinweise. In der Kunststoffmischung der Seriengewehre ließ sich der Zusatzstoff Polyethylen nachweisen - der laut Prüfbericht die Verformung der heißen Waffe befördern kann. Beim von der Firma gelieferten Vorzeigemodell, dem sogenannten Abnahmedemonstrator aus dem Jahr 1993, mit dem die Bundeswehr von der Alltagstauglichkeit der Waffe überzeugt wurde, war ausschließlich der Kunststoff Polyamid verwendet worden und nicht das billigere Polyethylen.

Genoss Heckler & Koch als nationaler Vorzeigehersteller besondere Protektion? Das Gewehr galt ja, wie ein zerknirschter Volker Kauder dieser Tage bekannte, "als eine besondere Präzisionswaffe, als deutsche Wertarbeit". Nach eigenen Angaben hat er in Sachen G36 nie zugunsten der hoch verschuldeten Rüstungsschmiede interveniert. Aber das war auch nicht notwendig: Heckler & Koch hatte offenbar hinreichend Freunde im Ministerium. Der dort zuständige Abteilungsleiter erklärte jedenfalls 2012 in einer internen Sitzung ganz offen, man habe das Unternehmen im Fall G36 "stark unterstützt". Zu diesem Zeitpunkt führte Thomas de Maizière das Ministerium. Er muss sich nun viele Fragen gefallen lassen. Noch hat er einen guten Ruf als preußischer Pflichtmensch. Die Affäre um das G36 könnte dieses Image jedoch nachhaltig beschädigen.

De Maizière nicht energisch genug

Denn im Gegensatz zu von der Leyen ging de Maizière dem Problem offenbar nicht energisch genug nach. Sondern begnügte sich mit den Beschwichtigungen der Ministerialbürokratie. Er trat das Amt des Verteidigungsministers im März 2011 an. Sein Staatssekretär Wolf war da bereits über mögliche Mängel des Gewehrs informiert. Etwa ein Jahr später stellten Prüfer der Bundeswehr fest: Ja, das Gewehr sei unzuverlässig. Nur 23 Prozent der untersuchten Gewehre des Typs G36 träfen in heiß geschossenem Zustand noch so, wie eigentlich gefordert. Das Verteidigungsministerium wiegelte damals offiziell ab. Bei den Einschränkungen der Präzision handele es sich um normale "physikalische Effekte". Intern informierte nach stern-Recherchen der Wehrbeauftragte Königshaus im März 2012 de Maizière in einem Vieraugengespräch, dass es Zweifel an der Treffsicherheit des Gewehrs gebe.

Besonders beeindruckt hat das den damaligen Verteidigungsminister offenbar nicht. Im Herbst 2012 soll er am Rande einer Ausschusssitzung gesagt haben: "Ich kann mich nicht um jede Waffe kümmern." Der Grünen-Abgeordnete Tobias Lindner will es nun genau wissen. "Thomas de Maizière und Ursula von der Leyen müssen sich fragen lassen, ob sie Soldaten in Auslandseinsätze schickten, obwohl sie von Zweifeln an der Funktionsfähigkeit der Waffe wussten", sagt er. Ende April wird von der Leyens Expertenbericht im Verteidigungsausschuss des Bundestags erwartet. Bis dahin, so der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold, habe sie sich nur "Zeit erkauft".

Mitarbeit: Axel Vornbäumen