VG-Wort Pixel

Einigung im Gaspipeline-Konflikt "Ein Geschenk für Putin": So urteilen Medien über den Nord-Stream-Deal

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und US-Präsident Joe Biden
Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und US-Präsident Joe Biden 
© Susan Walsh/ / Picture Alliance
Der Streit um die Gaspipeline Nord Stream 2 ist zunächst beigelegt. Doch die Einigung zwischen Deutschland und den USA kennt nicht nur Gewinner, kommentieren Medien. Die Pressestimmen.

Die Gaspipeline Nord Stream 2 belastet das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA seit Jahren. Nun ist beiden Seiten eine Einigung in dem Streit gelungen. In deren Zentrum steht Beistand für die Ukraine – wo man dennoch alles andere als glücklich ist. Auch in Polen ist der Kompromiss auf Kritik gestoßen. In einer gemeinsamen Mitteilung ihrer Außenministerien warnten die beiden Länder, die Vereinbarung habe eine "politische, militärische und energietechnische Bedrohung für die Ukraine und Mitteleuropa geschaffen". 

"Geopolitisch richtet die Pipeline Schaden an", ist sich etwa die "Süddeutsche Zeitung" sicher. Die "Stuttgarter Zeitung" sieht eine "kurzfristige" Entspannung im transatlantischen Verhältnis. "Langfristig jedoch sind die Haken und Ösen unübersehbar", meint das Blatt. Die Pressestimmen.

Einigung im Streit um Nord Stream 2 – das Medienecho

"Süddeutsche Zeitung": "Verfechter der Gasleitung Nord Stream 2 haben sich viel Mühe gegeben, das Vorhaben immer wieder auf diesen Kern zu reduzieren und zu einem rein wirtschaftlichen Projekt zu verniedlichen. Die Tatsache, dass die Regierungen der USA und Deutschlands nach schwierigen Verhandlungen einen Kompromiss auf höchster Ebene erzielen mussten, um den massiven Konflikt rund um die Röhre zu entschärfen, beweist das Gegenteil. Geopolitisch richtet die Pipeline Schaden an. Die deutsch-amerikanische Einigung dient dazu, ihn zu begrenzen."

"Stuttgarter Zeitung": "Kurzfristig werden die jahrelangen transatlantischen Spannungen in dieser Frage beigelegt. Auch die Ukraine kann sich fürs Erste über ein erneuertes Bekenntnis freuen, dass ihre geostrategischen Ängste weithin ernst genommen werden. Langfristig jedoch sind die Haken und Ösen unübersehbar. Kremlchef Wladimir Putin hat sich auch bisher nicht um Vereinbarungen gekümmert, wenn es um die Ukraine ging."

"Taz": "Und? Während Deutschland mit Fluten kämpft, in Karelien und Jakutien die Wälder brennen, scheint es für die Politik nichts Wichtigeres zu geben, als das Großprojekt eines fossilen Energieträgers einzustilen. Das ist bedauerlich. Realpolitisch indes scheint dieser Kompromiss ein Fortschritt zu sein. Es ist im letzten Augenblick doch noch gelungen, eine Einigung zwischen Russland, Deutschland, der Ukraine und den USA in einem unüberbrückbar scheinenden Konflikt zu finden. Niemand wurde ausgegrenzt. Das ist wichtig."

"Nürnberger Nachrichten": "Eine Sorge der Amerikaner wirkt jedoch übertrieben: Das Erpressungspotenzial Putins hält sich gegenüber Deutschland in Grenzen, seine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Gasgeschäft ist größer. Die Bundesrepublik hingegen will Gas nur als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität nutzen. Ein Weg, der noch viel Kreativität und Kompromissbereitschaft erfordern wird."

"Welt": "Angela Merkels Kanzlerschaft geht mit einem Abschiedsgeschenk zu Ende. Nicht für sie, sondern von ihr: ein Geschenk für Wladimir Putin. Der russische Präsident ist der Nutznießer des Kompromisses, den Angela Merkel mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden zur Ostseepipeline Nord Stream 2 geschlossen hat."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Damit in dem Streit niemand als Verlierer vom Platz geht, haben Merkel und Biden offenbar einen Big Deal vereinbart. So soll wohl ein Vertrag der Ukraine weiteren Gastransit aus Russland über 2024 hinaus garantieren. Zudem gibt es millionenschwere Investitionen in die ukrainische Energie-Infrastruktur, damit diese unabhängiger wird. Und es ist von einem 'Notabschalter' die Rede. Die Reißleine kann Deutschland immer ziehen. Nur dann ginge es nicht mehr nur um eine Pipeline, sondern um ein Totalembargo für russisches Erdgas. Das wäre der Beginn eines Wirtschaftskrieges. Jetzt, so scheint es, setzen sich erst einmal die Vernunft und Angela Merkel durch."

"Tagesspiegel": "Für die Ukraine kann dieser Deal nicht beruhigend wirken. Dass die Unterhändler erst im Nachhinein nach Kiew reisten, unterstreicht den Eindruck, dass hier über ihren Kopf hinwegverhandelt wurde. Mit Warschau, das lange auf einen Sieg von Donald Trump gesetzt hatte, wurde genauso wenig vorab gesprochen. Dem Zusammenhalt in Europa dient dieses Vorgehen eher nicht."

fs AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker