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"Neues vom Pausenhof": "Ich gehe zur Schule, um Zeitung zu machen"

Stille. Nachdenklichkeit. Dann: Der Aufschrei. Eine Idee. Das Thema der nächsten Ausgabe steht. Urplötzlich.

Von Sascha Vogel

Es ist Anfang Januar. Die fünf kreativen Köpfe unserer Schülerzeitung sitzen nach langer Pause wieder zusammen. Die letzte Ausgabe verkaufte sich wie warme Semmeln. Sogar die Lehrer fanden es interessant. Endlich gab es Interviews mit bekannten Politiken und gute Recherchen. Ein positives Resümee für "Neues vom Pausenhof", die Schülerzeitung des Georg-Samuel-Dörffel Gymnasiums Weida.

Fliegen wird zum Thema der neuen Ausgabe

Wie immer sitzen wir zusammen, um Ideen zu finden. Doch den rauchenden Köpfen sind keine brauchbaren Themen zu entlocken. Als ob es nichts gäbe, was die Welt bewegt. Oder wenigstens Jugendliche. Irgendwann macht es "klick": "Ich hab's", sage ich. "Wir könnten doch in der nächsten Ausgabe mal was übers Fliegen machen". Die Redaktion ist nicht gerade begeistert. "Nur, weil die Flugfanatiker bist", meint Nancy. Dabei soll es nicht nur ums Fliegen mit dem Flugzeug gehen, sondern auch darum, wie die Jugend durch ihre Traumwelt aus Alkohol, Drogen und Gewalt fliegt. Ich habe es manchmal schwer, mich gegen die Mädels in der Redaktion durchzusetzen, aber diesmal wird das Thema ohne weiteres angenommen. Vielleicht, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Auch wenn ich es mir nicht nehmen lasse, höchstpersönlich über das Fliegen zu berichten.

"Tja, dann müssen wir jetzt Partner für die Recherchen finden", sagt Annika und bleibt skeptisch. Ich meine, dass man sich an die Fluggesellschaften wenden könnte, die würden uns bestimmt weiterhelfen. Nebenbei freue ich mich auf die Ferien. "Vielleicht lässt die ein oder andere Fluggesellschaft einen Blick hinter die Kulissen zu", denke ich. Und es klappt tatsächlich. Auf dem Flug nach Ägypten habe ich die Möglichkeit, eine Reportage zum Berufsalltag der Stewardess zu machen - und das ganz exklusiv in der First Class. Der Schock kommt aber erst, als mir der Pilot einen Einblick ins Cockpit gewährt. Er erzählt mir, dass nur noch wenige Journalisten überhaupt die Möglichkeit bekämen im Cockpit mitfliegen zu dürfen. Das ehrt mich - wirklich. Ich genieße den Augenblick und bin auch ein wenig stolz. Im Hinterkopf denke ich: "Das gibt noch mehr Seiten, sehr gut".

Auch Franziska, die gerade mitten im Abi-Stress steckt, hat sich ihre Gedanken gemacht. Sie sagt: "Ich schreibe auf jeden Fall einen Kommentar über das blöde Seminarfach, so was Sinnloses". Außerdem haben wir die Möglichkeit, ein Interview mit Thüringens Kultusminister zu führen. Da passt natürlich Kritik am Schulsystem ganz hervorragend. Annika lächelt verschmitzt und meint, wo wir schon beim Fliegen seien, könnte man doch glatt über den Absturz des deutschen Bildungssystems berichten.

Wieder sind ein paar Wochen vergangen. Beim Schreiben der Artikel hat sich wie immer recht wenig getan, "Ich hatte keine Zeit", meint Nancy. Und auch unser stilles Redaktionsmitglied Manja hat noch kein passendes Buch für eine Kritik gefunden. Es sieht bitter aus. Die Seiten sind noch leer, dabei muss die nächste Ausgabe endlich erscheinen. Alle warten schon. Die Kasse braucht Geld. Druckerei und Werbesponsoren wollen auch endlich einen Termin genannt bekommen. Franziska zuckt mit den Schultern: Es sei nicht leicht, bei den vielen Recherchen Schule und Zeitung unter einen Hut zu bekommen. Trotzdem setze ich der Redaktion ein Ultimatum. Die macht lange Gesichter. "In zwei Wochen schon?", prasselt auf mich ein. Mir egal. Dann müssen alle Berichte da sein. Immerhin werde ich mir noch ein ganzes Wochenende lang die Nächte um die Ohren schlagen müssen, um die Zeitung in ihre Form zu gießen.

Einsatz bis zur letzten Minute

"Diese Ausgabe ist aber auch ein verflixtes Ding", denken wir uns. Die gegengelesenen Berichte und Interviews der Fluggesellschaften und des Ministeriums kommen ewig nicht zurück. Ohne deren Erlaubnis dürfen die Artikel allerdings nicht veröffentlicht werden. Außerdem ist das wichtigste Gerät der Redaktion verschwunden: der USB-Stick. Auf ihm lagern viele wichtige Dateien für die Ausgabe. Und noch ein Schicksalsschlag. Das neue Layoutprogramm funktioniert nicht so, wie es sich alle vorgestellt haben. "So viel Geld für so ein mieses Programm", meint Nancy. Sollte unsere harte Arbeit vielleicht umsonst gewesen sein?

Keineswegs. Nachdem fast alle Redakteure ihre Berichte mehr oder weniger pünktlich abgegeben haben, beginne ich an einem regnerischen Freitag zu layouten. An diesem Wochenende muss die Zeitung unbedingt fertig werden. Dabei fehlt auch noch das Titelblatt. Da haben wir uns mal wieder gar keine Gedanken drüber gemacht. Bis Freitagnacht sind von den 60 Seiten, die es am Ende sein werden erst verschwindend wenige fertig. In meiner nächtlichen Kreativitätsphase sitze ich dann vor dem Computer. Als am Sonntagabend auch das Titelblatt - die letzte Seite, endlich! - gelayoutet ist, macht sich Erleichterung breit. Meine Finger sind wund getippt, die Tastatur musste so einige Schläge aushalten. Meine Augenringe am nächsten Tag in der Schule verraten mich. Manchmal denke ich wirklich, dass ich nur zur Schule gehe, um die Zeitung zu machen. Ich bin einfach hundemüde und habe nach den Strapazen erst mal keinen Bock mehr auf Schülerzeitung.

Am nächsten Tag geht die Ausgabe zum Druck und etwa eine Woche später liegt sie vor mir. Die Zeitung, die ich in den vergangenen Wochen so gehasst habe. Jetzt liebe ich sie. "Die ist echt gut geworden", meint die gesamte Redaktion. Das Echo der Schule klingt genauso. Ja, einige Fehlerchen haben sich eingeschlichen, aber dafür hat die Ausgabe sogar Geld gebracht - vor allem durch die Anzeigen.

Knapp drei Monate sind seit der ersten Sitzung für diese Ausgabe vergangen. Von der Idee bis zum gedruckten Exemplar waren es viele Stunden Arbeit. Das Ergebnis aber konnte jeder in ein paar Minuten durchlesen. Das ist nun mal das Schicksal eines Journalisten. Die Redaktion nimmt sich jetzt erst mal ein paar Wochen Auszeit, denn nebenbei gibt's ja auch noch die Schule.

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